Fahrbericht Yamaha XV 1900 Midnight Star Sternzeichen

Am Cruiser-Himmel leuchtet ein neuer Stern: Die Yamaha XV 1900 Midnight Star. Hubraum satt, Leistung und Drehmoment mehr als genug, und alles eingebettet in einen leichten Aluminium-Rahmen.

Foto: Tom Riles
Toyota: Da denkt man an Corolla, Yaris, Avensis. Gute Autos, aber doch irgendwie farblos. Für Luxuskarossen hat Toyota sich daher einen anderen Markennamen einfallen lassen, nämlich Lexus. Was den japanischen Autobauern recht ist, kann den Motorradproduzenten unter der aufgehenden Sonne gerade billig sein: Yamaha vollzieht den gleichen Schritt, zunächst einmal in den USA. Dort ändern alle Cruiser, von der kleinen XVS 650 bis zur großen Road Star Warrior, ihren Familiennamen. Statt Yamaha heißen sie jetzt schlicht und einfach »Star«.
Just zur Namensänderung gesellt sich ein weiterer Sprössling hinzu. Der fetteste Cruiser der erst jungen Star-Familie heißt in den USA Roadliner, in Deutschland wird das Yamaha-Pendant XV 1900 Midnight Star getauft. Um nicht weiter zu verwirren, präsentiert Yamaha alias Star die XV 1900 Midnight Star alias Roadliner bei der Präsentation in Palm Springs, Kalifornien, ganz ohne
Markenemblem. Am Tank, an den Seiten- oder Gehäusedeckeln des dickleibigen Cruisers ist nichts auszumachen – kein Hinweis
auf Herkunft oder Hubraum. Dafür wecken Chromlinien, die den Tank rechts und links flankieren, Erinnerungen an die 30er Jahre. Das ganze Design ist an diese Ära mit ihren windschnittigen, geschwungenen Stromlinienformen angelehnt.
Wie zum Sprung bereit stemmt sich ein hutschachtelgroßer,
in Chrom gehüllter Scheinwerfer gegen den Wind. Das Lampengehäuse ist zwischen den Schultern aus massiven Standrohren eingezogen. Schmal laufen die zunächst breiten Kotflügel nach hinten zu. Selbst die Blinkergehäuse enden wie die Helme früherer Rekordzeitfahrer in spitzen Kappen. Spleenig? Trendy? Vielleicht. Zumindest aber auffällig. Dagegen fällt die Motorisierung nicht
aus dem Rahmen. Wieso eigentlich »nur« eine XV 1900, wo die Mitbewerber volle zwei Liter bieten? »Nun fahrt doch erst mal«, beantworten die Yamaha-Vertreter lästige Fragen unwissender Journalisten. Der luftgekühlte 48-Grad-V2 mit Stoßstangen-Steuerung könnte oberflächlich betrachtet einfach nur ein aufgebohrtes Warrior-Triebwerk sein. Doch 100 PS bei 4250/min und satte 168 Newtonmeter bei gerade mal 2250/min lassen ahnen, dass die Techniker ganze Arbeit geleistet haben. Dieser Zweizylinder hat sogar mehr Dampf als das V-Triebwerk in der Roadster MT-01.
Alle Änderungen aufzuzählen, ergäbe ein lange Liste. Hier die Eckpunkte des Umbaus: Größere, geschmiedete Kolben mit 100 Millimeter Durchmesser und 118 Millimeter Hub ergeben 1854 Kubikzentimeter Hubraum. Die größeren Ein- und Auslassventile (36 und 31 Millimeter) stehen in engerem Winkel zueinander. Das erlaubte, die Ansaugwege strömungsgünstiger zu gestalten, und ergibt eine bessere Füllung. Zwei Zündkerzen pro Brennraum sorgen für eine effizientere Verbrennung. Und im Auspuff arbeitet eine Exup-Klappe wie in den Supersportlern, um den Verlauf der Drehmomentkurve noch fülliger zu gestalten.
Es ist der spielerisch leichten, kontrolliert einsetzenden hydraulischen Kupplung zu verdanken, dass die XV 1900 nicht schon beim geringsten Dreh am Gasgriff zum Sprung ansetzt. Sie rauscht einfach unter dumpfem Grollen scheinbar schwerelos davon und gewinnt mit jeder kleinen Erhöhung der Schlagzahl mächtig an Fahrt. Über mangelnden Schub kann sich wirklich niemand beklagen, egal bei welcher Drehzahl, ganz gleich in welchem Gang. Es bleibt dem Fahrer überlassen, die passende Drehzahl auszuloten: sich niedertourig vom sanften Pulsschlag des V-Twins wohlig durchfluten zu lassen oder einen schnelleren Beat anzuschlagen und im Gegenzug auch etwas intensiver massiert zu werden. Alles ist möglich. Den Technikern ist es jedenfalls gelungen, mit zwei Ausgleichswellen lästige, hochfrequente Vibrationen von Mann und Maschine fernzuhalten. Der einzige Kritikpunkt geht ans Getriebe. Angesichts der Drehmomentstärke wäre ein Overdrive-Gang sinnvoll gewesen.
Die Midnight Star ist eine kolossale Erscheinung, ihre Größe flößt Respekt ein. Dennoch gerät der Umgang mit ihr fast
schon spielerisch leicht. Die geringe Sitzhöhe und ein niedriger Schwerpunkt, der nicht zuletzt auf den leichten Alu-Rahmen zurückzuführen ist, verhelfen dem Power-Cruiser zu unerwarteter
Manövrierfähigkeit und einfachem Handling. Die für Cruiser-Verhältnisse geradezu ausgewogene Gewichtsverteilung von 49,6 Prozent vorn und 50,4 Prozent hinten wirkt sich in der Praxis vorteilhaft aus. Ihr neutrales Fahrverhalten macht sie sicher beherrschbar und trotz komfortabler Fahrwerksabstimmung
präzise und leicht lenkbar. Beherzt packen Vierkolbenzangen in die zwei 298er-Bremsscheiben und haben die bald sieben Zentner schwere Yamaha locker im Griff. Auch die hintere Scheiben-
bremse gewährt ordentliche Unterstützung.
In den USA ist die XV 1900 Roadliner bereits im Handel, die Midnight Star kommt erst im Sommer nach Deutschland. Das dumpfe Grollen aus der Sidepipe wird den hiesigen Geräuschvorschriften zum Opfer fallen. Ob dann mit Leistungs- und Drehmomentverlust zu rechnen ist, steht noch in den Sternen.

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