Fahrbericht Yamaha XVZ 13 TF Royal Star Venture Traumschiff

Im April 1999 wird sie in deutsche Häfen einlaufen, für rund 31500 Mark soll sie zu haben sein: die Royal Star Venture, Yamahas neuer Supercruiser für die große Tour.

Yamaha fällt von einem Extrem ins andere, so scheint es. Zuerst schockieren die Japaner die Konkurrenz mit ihren Supersport-Knüllern – und präsentieren nun die XVZ 13 TF Royal Star Venture, ein Motorrad, das die Gemüter nicht weniger erhitzen wird. Nach BMW K 1200 LT, der Honda Gold Wing und Harley E-Glide Ultra Classic nun also noch so ein »Mister Bombastic«, ein neues Traumschiff für Cruiser-Fans, geschaffen fürs genußvolle Reisen.
Über 400 Kilogramm Gewicht sind rekordverdächtig, was, so Yamaha, »eine weitgehende Neuentwicklung von Motor und Fahrwerk notwendig machte«. Das nominell 74 PS starke V4-Triebwerk der XVZ 13 A Royal Star einfach eins zu eins zu übernehmen wäre angesichts dieser Masse nicht standesgemäß gewesen. So wird für die Venture mit 98 PS deutlich mehr Leistung versprochen, die unter anderem durch schärfere Ventilsteuerzeiten erreicht werden soll. Des weiteren inhaliert der starr mit dem Rahmen verbundene Motor sein Gemisch durch größere Vergaser, nun mit 32 Millimeter Durchmesser. Zwei voluminöse Luftfilterkästen gewährleisten, daß dem Dickschiff dabei nicht die Puste ausgeht.
Fahrwerkseitig unterscheidet sich die Venture von ihrer »kleinen Schwester« XVZ 13 A durch ein dickes, unter dem Tank verlaufendes Hauptrahmenrohr, das dem Dampfer auch bei voller Zuladung ausreichend Stabilität verleihen soll. Ein neues, jetzt stehendes hinteres Federbein sorgt für den cruisergmäßen Dämpfungskomfort.
Da bei der ersten Fahrt im US-Bundesstaat Maine der Indian Summer buchstäblich ins Wasser fällt, bringt die rund 300 Kilometer lange Tour tiefgreifende Erkenntnisse in Sachen Wetterschutz: Dank der dicken Trittbretter und der breiten Beinschilder bleiben Schuhe und Unterschenkel weitgehend trocken. Das ausladende Windschild – in der deutschen Version wird es um rund 20 Zentimeter gekappt – schützt den Oberkörper ebenfalls vorbildlich, wenn auch nicht gänzlich ohne störende Verwirbelungen. Lediglich die Oberschenkel werden auf Dauer gründlich naß, weil sich die modischen, aber mehr auf Show ausgelegten zusätzlichen Windabweiser längs der mächtigen Standrohre als nicht besonders effektiv erweisen. Dafür verdient der Sitzkomfort der Venture uneingeschränkt das Prädikat »langstreckentauglich«. Der gut gekröpfte Lenker ermöglicht eine aufrechte, entspannte Sitzhaltung, dank des breiten und gut gepolsterten Sattels schmerzt der Allerwerteste auch nach dreistündiger Fahrt nicht über Gebühr.
Und als tags darauf dan doch noch die Sonne strahlt und die Laubwälder in den schönsten Farben schillern, steht nach weiteren 200 Kilometern fest: Dickschiff-Fahren macht richtig Laune. Freilich nur, wenn man sich auf die Venture einläßt – und Vorbehalte schleunigst über Bord wirft. Natürlich gleitet so ein Koloß nicht wie von selbst von einer Kurve in die nächste. Daß er aber nur fürs Geradeausfahren taugte, stimmt nicht. Die Venture läßt sich bei durchaus zügigem Tempo ohne größeren Nachdruck zu Schräglagen überreden – untermalt vom metallischen Knirschen der früh aufsetzenden Trittbretter.
Die luftunterstützten unterdämpften Federelemete im Bug und im Heck arbeiten zwar sehr komfortabel, dennoch fährt sich die Venture auch bei forscherer Gangart ausreichend stabil und verschont ihren Fahrer vor unliebsamen Schweißausbrüchen. Gewöhnungsbedürftig ist jedoch die Frontpartie, die sich anfühlt, als sei sie in Watte gepackt, weil der Lenker komfortbewußt in Gummi gelagert wurde. Gefühl fürs Vorderrad zu entwickeln fällt deshalb anfangs recht schwer. Zudem reagiert die überbreite vordere 150er Walze recht empfindlich auf Spurrillen. Die vordere Bremsanlage der Venture verlangt eine starke Hand, doch im Verbund mit der kräftig zubeißenden hinteren Scheibe läßt sich die Fuhre jederzeit verläßlich zum Stillstand bringen. Ein ABS sucht der Venture-Kapitän leider vergebens.
Und der überarbeitete Motor? Er zeigt sich vom Gewicht der Venture ziemlich unbeeindruckt, wirkt nie übermäßig angestrengt, fährt sich am schönsten im unteren bis mittleren Drehzahlbereich und verschont den Fahrer V4-typisch von nervigen Vibrationen. Trotz aller Unauffälligkeit ein echter Charakterdarsteller, der sehr sauber anspricht. Und die Venture – wenn’s denn sein muß – recht behende ans Ende der Tacho-Skalierung befördert, also auf 180 km/h. Nicht nur wegen des kinderleicht zu bedienenden Tempomats ist der Unterhaltungswert dieses Triebwerks mindestens ebensogroß wie der des serienmäßigen Cassettenradios (mit vier Lautsprecher à 14 Watt) nebst obligater Gegensprechanlage.
Nein, es liegt vor allem am Sound: Der übertrumpft den des Bordfunks nämlich mit Leichtigkeit. Dieser 1294 cm³ große V4 eröffnet durch seine beiden langen Edelstahlendstücke unbeschreiblich schöne Klangwelten, die sich der japanische Hersteller schleunigst patentrechtlich schützen lassen sollte. Yamaha schwört Stein und Bein, daß dieses Erlebnis auch bei der deutschen Venture-Version erhalten bleiben soll.

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