Fahrbericht Yamaha YZ 450 F/YZ 250 F Erntezeit

Sie hatten den Viertakt-Boden jahrelang beackert, mit Bedacht gesät, mit Liebe gepflegt. Nun will Yamaha mit der neuen YZ 450 F und der überarbeiteten YZ 250 F die Ernte einfahren.

Im Winter 1996/1997 – eigentlich gar nicht so lange her – kündigte Yamaha an, mit einem nur 400 cm3 großen Viertakter in der 500er-Cross-WM gegen die bärenstarken Zweitakter antreten zu wollen. David gegen Goliath – der ungleiche Kampf hat in der Offroad-Branche seither für Furore gesorgt. Damals ahnte freilich kaum jemand die langfristige Perspektive der Viertakter. Inzwischen ist es bereits Geschichte, dass diese in der größten Klasse das Zepter vollends übernommen haben, Halbliter-Zweitakter mittlerweile ausgestorben sind. Der endgültige Durchbruch der Viertakter steht jedoch noch bevor, denn 2003 dürfen diese den Spieß umdrehen: 250er-Vier- gegen 125er-Zweitakter, 450er gegen 250er.
Genau jetzt soll sich die Arbeit der Blauen auszahlen. Umso ärgerlicher, dass Honda dieses Jahr mit der CRF 450 R die modernere, leichtere und stärkere Maschine präsentierte. Daher verordnete Yamaha dem »Oldie« YZ 426 F eine radikale Fitnesskur: Muskeln aufbauen und abspecken lautete das übliche Rezept für solche Formkrisen. Im Klartext: mehr Hubraum, konsequenter Leichtbau.
Der Motor ist praktisch neu. So wurde erstmalig ein Zylinderkopf speziell für die bisher schon verwendeten Titan-Ventile ausgelegt. Die leiten Wärme besser ab, weshalb sie nun in kürzeren Führungen stecken. Auf der Suche nach den überschüssigen Gramm widmeten sich die Techniker selbst Kleinigkeiten wie dem Kupplungszug. Nur den schnöden Stahllenker haben sie offenbar übersehen. Macht summa summarum trotzdem glaubhafte fünf Kilogramm, was einem fahrfertigen Gewicht von 106 Kilo entspräche. Die Alu-gerahmte CRF, laut MOTORRAD-Messung 106,5 Kilogramm leicht, scheint besiegt – in dieser Disziplin.
Zum Gesamtsieg ist mehr nötig. Erste Eindrücke der Leistungsfähigkeit konnte MOTORRAD auf der schnellen GP-Strecke in Asti/Italien sammeln. Moderner wirken die neuen YZ-F schon wegen der flacheren Tank-Sitzbank-Kombination. Und endlich hat Yamaha das Abschreckungspotenzial der umständlichen Startprozedur erkannt. Bei der Neuen erleichtert die lange geforderte Dekompressionsautomatik Zweitaktfahrern den Umstieg. Bereits die ersten Meter auf der griffigen, wunderbar präparierten Piste machen unmissverständlich klar, wohin der Weg in der neuen Hubraumkategorie führt. Drehmoment ist angesagt, schiere Kraft aus dem Drehzahlkeller. Vorbei die Zeiten, in denen sich weniger durchtrainierte Amateure am sanften Charakter einer YZ 400 erfreuten. Die Yamaha zieht einem nun ab Leerlaufdrehzahl die Arme lang.
Ein übermotorisiertes Monster ist die 450er aber keineswegs. Im Gegenteil, die lineare Charakteristik kann begeistern. Der plötzliche Kick im mittleren Bereich, der die alte YZ mitunter schwer zähmbar machte, ist unter einem Drehmomentgebirge eingeebnet. Oben raus ist kein großer Unterschied auszumachen, nach wie vor kann man bei Bedarf den Gang gern mal länger drin lassen. Mehr Power, mehr Aggressivität, mehr Lärm, das weckt Neugier auf den ersten Vergleich mit dem Erzfeind CRF. Das neue Vierganggetriebe harmoniert übrigens in jeder Situation hervorragend mit dem breiten Leistungsband, auf den meisten Strecken würden wohl drei Gänge genügen.
Dank des direkten, spritzigen Antriebs gehört das kopflastige, etwas behäbige, aber auch kreuzbrave 426er-Feeling der Vergangenheit an. Nicht nur der der Fahrer, auch das Fahrwerk wird durch die kraftvolle, härtere Charakteristik viel stärker beansprucht. Die 450er kämpft beim Beschleunigen mehr um Traktion, auf der Bremse kommt die Gabel mitunter schwer in die Bredouillie. Das satte Feeling ist weg, leichtere Maschinen sind nun mal grundsätzlich nervöser. Unterm Strich bringt die Gewichtabnahme aber drastische Vorteile. Die neue YZ lässt sich leichter umklappen, wirkt bei Sprüngen spielerischer. Erhalten blieb das Yamaha-typische, neutrale Lenkverhalten, die Präzision ist hervorragend.
Im Vergleich mit der explosiven 450er wirkt die nur leicht überarbeitete YZ 250 F geradezu wie ein Spielzeug. Auch sie soll nochmals ein, zwei Kilos verloren haben. Wichtiger ist jedoch der flachere Tank und die verbesserte Sitzposition. Zumindest in der kleinen Kategorie wird die Yamaha-Ernte sicherlich reichlich ausfallen: Denn ernsthafte viertaktende Konkurrenz gibt es in der 125/250er-Klasse im kommenden Jahr kaum.

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