Erschienen in: 25/ 2014 MOTORRAD

Fanenstich-BMW F 800 S mit MAB-Turbo im Einzeltest

Null auf 200 in elf Sekunden

Ein MAB-Turbolader macht der BMW F 800 S von Tobias Fanenstich ordentlich Druck. Umbauten an Fahrwerk, Optik und Ergonomie garnieren die Extrapower vorzüglich.

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Umbauten an Fahrwerk, Optik und Ergonomie garnieren die Extrapower vorzüglich.

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4 Seiten Einzeltest
aus MOTORRAD 25/2014
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Termin bei Tobias Fanenstich in Herten, einst die Stadt mit der größten Steinkohleförderung Europas. Tobias zeigt sein persönliches Custombike, eine Victory Hammer S: Er hat das total zerlegte Dauertestexemplar von MOTORRAD über 50.000 Kilometer, siehe Ausgabe 21/2014, wieder aufgebaut. Doch der 32-Jährige hat noch „was anderes Schönes“ in der Garage. Und so präsentiert der Werkstattmeister vom Motorradcenter Vogelsang aus Recklinghausen eine von bloß drei Fanenstich-BMW F 800 S Turbo in Deutschland. Sie war 2006 eine der ersten F 800 S überhaupt.

Seinerzeit versah MAB Power aus Itzehoe, renommierter Betrieb für Spezialauspuffanlagen und Turbolader, den Twin mit Zwangsbeatmung. Für die BMW Niederlassung Hamburg. Über den Umweg Dänemark fand die Fanenstich-BMW F 800 S dann den Weg in den Ruhrpott. An ihrer für beide Zylinder gemein­samen, armdicken Krümmer-Anaconda aus Edelstahl sitzt links ein Lader von KKK mit eigenem Luftfilter. Nach der großen Kat-­Patrone (Euro 3 mit TÜV!) führt der Abgasstrom durch einen MAB-Endtopf. Komplettanlage eben. „Ich wollte einen Wolf im Schafspelz“, sagt Tobias. Gleichwohl, ein Tarnanzug sieht anders aus. Technologisch ein echter Kracher, optisch ziemlich drahtig.

Ab 3000 Touren gibt es kein Halten mehr

Der schwarz lackierte Aluminium-Brückenrahmen harmoniert prima mit weißem Sonderlack und blauen Felgen. Stämmig und stimmig wirken der Umbau auf Superbike-Lenker von AC Schnitzer, Soziussitzabdeckung und die sportiv schwarz getönte Scheibe. Reichlich Goodies sind über die Fanenstich-BMW F 800 S verteilt: gefräste Handhebel, Sturzpads an den Achsen, Wilbers-Federbein mit Drehknauf. „Was man nicht sieht“, sagt Tobias, „ist die Airbox aus Aluminium unter der hohen Tankattrappe: Kunststoff würde den Überdruck nicht aushalten.“ Er lächelt. „Schlüssel?“ Hhmm, eigentlich keine Zeit. „Okay, einmal um den Block.“ Das reizt schon. Spontan startet der nur noch 8,8 statt vorher zwölf zu eins verdichtende Paralleltwin. Er pröttelt nicht zu aggressiv, klingt kernig und dumpf. Fast wie ein getunter Boxer, dank ebenfalls gleichmäßiger Zündfolge. Handzahm geht es in den unteren Gängen in der Stadt voran. Die Turbo frisst nicht gleich kleine Kinder. Doch Vorsicht: Bei 2800 Touren spürst du, wie der Lader einsetzt, ab 3000 gibt es kein Halten mehr. Von nun an liegt das Drehmoment stets zwischen 105 und 115 Newtonmeter. In 133 PS gipfelt die Leistung. Brause auf!

Wow, das zieht am Ortsausgangsschild aber ganz schön am (Zahn-)Riemen! Null auf 200 in elf Sekunden! Dazu ein Durchzug von Tempo 60 auf 140 in 6,5 Sekunden! Der Schub ist einfach ein Erlebnis, macht süchtig. Dabei braucht der sechste Gang 3000 als Mindestdrehzahl, sollte frühestens ab 80 eingelegt werden. Darunter gibt es mitunter heftige Aussetzer. Trotzdem, Tobias’ Motto stimmt: „Gute Fahrbarkeit.“ Der Leistungseinsatz kommt schön weich, selbst in Kurven nie überfallartig. Der Turbo der Fanenstich-BMW F 800 S lässt sich schön einfach rein über den Zug am Kabel fahren. Sanft, wenn es sein soll, brachial immer dann, wenn es sein muss.

Bei jedem Gaswegnehmen oder Hochschalten macht es „Pfffttt“, fast wie bei einer Dampflok: Das Ablassventil lässt Druck ab, hält den maximalen Ladedruck bei zahmen 0,6 bar. Power-Wheelies ohne Einsatz der Kupplung? Klar. Einfach so. Nach einer unsanften Landung war Tobias einmal das Vorderrad an dem vor dem Wasserkühler montierten Ladeluftkühler angeschlagen. Tja, die konstruktiv einfache, nicht verstellbare Seriengabel ist in Dämpfung und Federung lasch. Viel mehr Reserven brachten Kartuscheneinsätze von HH Race-Tech mit geänderten Federn. Nun ist die Gabel der Fanenstich-BMW F 800 S komplett einstellbar. Ihr Verstellbereich ist groß; kleine Drehungen bei Druck- und Zugstufe bringen spürbare Unterschiede.

Überraschend gut: der Windschutz

Feinfühlig tasten Gabel und Wilbers-Federbein das Asphaltrelief ab, projizieren Informationen darüber transparent ans Gehirn. Nur mal schnell über die A 43 raus ins Münsterland. Unerschütterlich stabil zieht die Tuning-Turbo selbst bei Topspeed ihre Bahn. Und das trotz der ziemlich aufrechten Sitzposition hinter dem Superbike-Lenker. Derbe Querfugen lassen die BMW mit dem großen Wuppfaktor völlig kalt. Ihr Lenkungsdämpfer leistet ganze Arbeit. Bei 231 km/h (Tachoanzeige 245) greift der Begrenzer zu. Überraschend gut: der Windschutz. Schnell noch einmal flüssige Kurvenkombinationen ausprobieren. Mit dem breiten, perfekt zur Hand liegenden Alulenker lässt sich die Fanenstich-BMW F 800 S auf den Punkt hin dirigieren. Geht alles ganz easy.


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Sie fährt forsch, diese Fanenstich-BMW F 800 S, fast verwegen. Diese 800er löst den BMW-Wahlspruch von der Freude am Fahren ein. Das „S“ im Namen trägt sie zu Recht. Ihre Zielgenauigkeit indes könnten andere Reifen als Michelin Pilot Road 2 noch toppen. Ups, gar nicht gemerkt – schon sind 200 Kilometer abgerissen. Ein letztes Mal brabbelt der MAB-Auspuff beim Gaswegnehmen grollend vor sich hin. Der recht fett laufende Twin hat das Nummernschild leicht verrußt. Nun, wo Qualm ist, da ist auch Feuer.

Schweißspezialist (Alu, Stahl, Titan) Michael Klein von MAB Power hat diese Turbo seit Jahren nicht mehr eingestellt. Es gäbe nun aber große Fortschritte bei Hard- und Software: „Wir haben dazugelernt: Eine F 800 ist mit einem bar Ladedruck und Zusatzeinspritzung sogar für 145 PS am Hinterrad gut!“ Dann müsse man allerdings auch länger übersetzen, wegen akuter Überschlagsgefahr. Macht nichts, wir hatten mit der Fanenstich-BMW F 800 S rund um Herten auch so viel Spaß.

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20.11.2014 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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