Finale: Aguiar-BMW R 65 BMW-Custom-Bike aus Kalifornien

MOTORRAD-Korrespondent David Folch sah sich die BMW-Kreationen von Rodney Aguiar an. Er entdeckte darin neben den bei eBay erstandenen Boxermotoren viel Künstlertum des Erbauers.

Foto: Folch
Die erste Schöpfung von Rodney, die mir auffiel, stand auf einer Ausstellung in San Mateo, einer Stadt in der Nähe von San Francisco. Es war eine BMW R 80. In aller Schlichtheit feinst verarbeitet, mit schwarzen Speichenrädern, mattschwarzer Lackierung von Rahmen, Gabel und Scheinwerfer und mit nichts weiter als gelben Tupfern auf Tank und Federbein. Ein kleiner Ledersattel wie von einem Fahrrad, eigentlich nicht vorhandene Schalldämpfer - diese Maschine hat mich neugierig gemacht auf den Erbauer, der in Kalifornien beheimatet ist und sich mit Deutschem Altmaterial beschäftigt. Bei einer anderen Bike Show, dieses Mal in New York, stieß ich auf eine weitere seiner Schöpfungen, eine R 65, das Motorrad dieser Geschichte. Im Erscheinungsbild modernisiert durch zeitgemäße Teile wie die Gabel einer Suzuki GSX-R 1000 oder die Einarmschwinge einer BMW R 1150 GS. Natürlich in Mattschwarz. Der Rahmen basiert auf der originalen Doppelschleife und stellt sich wie auch den kleinen pistaziengrünen Tank, der unter seinem Hauptrohr Platz findet, völlig unverstellt zur Schau. Wie bei der R 80 harmoniert der Ledersattel perfekt mit dem Scheinwerfer am anderen Ende des Rohrrahmens. Die kurzen Auspufftöpfe erlauben dem Kurzhub-Boxer von 1978, frei zu atmen, dürften sich aber aufgrund ihrer sonoren Lautäußerungen bei kalifornischen Bürokraten nur wenige Freunde machen.

Schließlich schaffte ich es, mit Rodney in Kontakt zu kommen - wieder so ein schüchterner Zeitgenosse. Er erlaubte mir, ihn zu besuchen und die R 65 zu fahren. So finde ich mich eines schönen Frühlingsmorgens in Fullerton bei San Francisco ein, wo Rodney eine kleine Villa bezogen hat. "Demnächst baue ich im Garten eine Werkstatt, dann kann ich endlich alle meine Motorräder an einem Platz versammeln." Rodney arbeitet bei Roland Sands, einem bekannten Anbieter von Custom-Teilen und -Motorrädern, wo er kostbare Custom-Einzelstücke aufbaut. Zum Beispiel den streng geheimen Prototyp eines Ducati-Cruisers oder eine Supermoto für Ben Spies.
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Foto: Folch
"Wenn Du die ganze Woche an Motorrädern herum bosselst, tötet das alle Lust, am Wochenende das Gleiche zu tun." Daher verabscheut er die großen amerikanischen Twins. Man muss auch wissen, dass Rodney ebenso sehr Künstler wie Kunsthandwerker ist und sich lieber fernhält vom Trubel der Fernseh-Shows über Mode-Customizer wie die Witzfiguren von Orange County oder Jesse James, den untreuen Gatten von Sandra Bullock. "Bevor der seine Show gemacht hat und zum selbsternannten Star wurde, hat er halt seine Teile zusammen gefriemelt", sagt Rodney.

Warum nur erzählt er mir anschließend von einem mechanischen Apparat, den er gebaut hat und der mit Hilfe von Ketten und Schubstangen ohne Unterlass auf einer mechanischen Schreibmaschine das Wort "nothing" tippt? Zurück zu unserer schwarz-grünen R 65. Der Lenkkopfwinkel des selbst gebauten Rahmens liegt irgendwo zwischen 62 und 63 Grad, also flacher als das Original. Die Lackierung und die Details wurden mit höchster Sorgfalt ausgeführt. Rodney ruft sich die Entstehung ins Gedächtnis: "Dafür habe ich allein drei Monate gebraucht. Damals hatte ich noch viel Zeit. Ach ja, den Sattel habe ich auch selbst genäht. Also, wenn ich sie verkaufen müsste, würde ich rund 16000 Euro verlangen." So nehme ich ganz besonders vorsichtig Platz am Lenker, darauf bedacht, das einzigartige Stück und die widerborstige Mechanik, die ihr Alter nicht verleugnet, nicht zu beschädigen. Der Boxer bricht in einen geradezu höhlenartigen Klang aus. Im Sattel, ohne die Möglichkeit, die Knie anzulegen, fällt das Fehlen eines konventionellen Tanks erst so richtig auf. Die versetzten Rasten lassen meinen großen Füßen zwischen Zylindern und Vergasern nicht gerade viel Platz, aber ich habe mir sagen lassen, das sei halt so bei alten BMW. Also gebe ich Gas und lasse mich von diesem drehfreudigen, fast schon giftigen kleinen Motor vorwärts reißen.
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Foto: Folch
Auf den kleinen Bergstraßen, zu denen mich Rodney für die Fahraufnahmen geführt hat, fühlt sich die Frontpartie beim Einlenken ziemlich träge an. Nicht gerade gefällig bei langsamem Tempo, aber beruhigend, wenn man einen schnelleren Rhythmus anschlägt. Aber wer seine Rahmen selber baut, kann ihre Geometrie ja auch weiterentwickeln und das nächste Mal den Lenkkopf etwas steiler ansetzen.

In erster Linie ist das Fahrgestell das Resultat eines wilden stilistischen Patchworks, das Handling spielte bei seiner Entstehung eine Nebenrolle. Angenehm und komfortabel sind die Federelemente abgestimmt; es hat schon seine Richtigkeit, dass Rodney mir dieses Bike als Cruiser vorgestellt hat. Angesichts ihrer Herkunft (GSX-R 1000) dürfte es wohl niemanden verwundern, dass die Bremsen ziemlich kräftig zubeißen.

Nicht ohne Bedauern folge ich dem Konstrukteur auf den Heimweg. Einige Meilen mehr, einige Tage an der Küste herumzustrolchen - das wäre genau das Richtige gewesen, um gänzlich vertraut zu werden mit dieser sehr speziellen BMW, die dieser nicht minder spezielle Mensch gebaut hat.
Foto: Folch

Porträt Rodney Aguiar

Der Erbauer der Minimal-BMW hat ein reiches mechanisches Oeuvre geschaffen.

Rodney Aguiar ist der Enkel eines Matrosen der portugiesischen Marine, der auf einer Schiffsreise nach Hawaii buchstäblich von Bord gesprungen ist, um sich in Kalifornien niederzulassen. Nach einem ersten Leben als Anlagenbauer - er installierte Füllventile für Tankstellen - verkaufte er seine Firma und gönnte sich einige Jahre Auszeit, um sich ganz dem Bau mechanischer Kunstwerke zu widmen. Zehn Jahre lang unterhielt er mit einem Kompagnon eine Werkstatt, die Autos für Sammler restaurierte. Sein Freund, der Customizer Roland Sands, fragte ihn ein paar Mal um Rat, und seit drei Jahren arbeiten die beiden nun zusammen. Aus seiner privaten Leidenschaft für mechanische Kunstwerke will Rodney aber kein Geschäft machen: "Sobald Geld ins Spiel kommt, gibt es Probleme." Also experimentiert er lieber, baut eine Honda 450 CRF mit Allradantrieb oder verpasst einer ehrwürdigen R 80 einen Turbolader. Bringt sie zum Laufen, ohne genau zu wissen, worauf es ankommt. Sein Bravourstück gelingt ihm mit einem Monster von Motorrad, in dem er einen 250 PS starken Zweischeiben-Wankelmotor von Mazda mit der Schwinge und dem Kardanantrieb einer R 1150 R kombiniert.

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