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Kein Kupplungshebel, kein Schalthebel - stattdessen Akkus, Akkus, Akkus.

Finale: Elektro-Rennmaschine Die Elektro-Rennmaschine MotoCzysz E1Pc

Eine Spitzenleistung wie ein 600er-Supersportler, aber das fünffache Drehmoment - mit dieser Kombination holte die MotoCzysz E1Pc den Sieg in der Elektro-Rennklasse auf der Isle of Man. MOTORRAD-Mitarbeiter David Folch durfte den Strom-Express fahren.

Mit ernster Miene schiebt Michael Czysz das Motorrad aus der Box, drückt es mir kommentarlos in die Hände. Manchmal kann Schweigen mehr bedeuten als tausend Worte. In diesem Fall die unausgesprochene Ermahnung: Bloß nicht stürzen. 200000 Euro stehen auf dem Spiel. Denn so viel hat die Entwicklung der MotoCzysz E1Pc gekostet. Vom ideellen Wert ganz abgesehen. Schließlich hat diese Rennmaschine Geschichte geschrieben. Während der Tourist Trophy auf der Isle of Man stellte das Bike Anfang Juni dieses Jahres einen Rundenrekord auf - denjenigen für elektrogetriebene Motorräder. Mit einem Durchschnittstempo von 156 km/h (96,8 mph) auf dem 60,7 Kilometer langen Mountain Circuit. Beeindruckend für ein Konzept, von dem die Veranstalter bei der Premiere dieser TT Zero im Jahr 2009 zunächst nur eines verlangten: Ohne Batteriewechsel oder menschliches Zutun eine komplette Runde auf der legendären Strecke hinter sich zu bringen.

Doch Ballaugh Bridge und die an der Strecke lauernden Mauern und Zäune sind hier im Barber Motorsports Park im US-Bundesstaat Alabama weit weg. Zum Glück. Denn die Daten des Unikats flößen bereits genügend Respekt ein. Gespeist von fünf Lithium-Polymer-Akku-Paketen mit insgesamt 12,5 kWh Kapazität zerrt der ölgekühlte Elektromotor des amerikanischen Herstellers Remy mit 90 Kilowatt (etwa 120 PS) Spitzenleistung an der Kette. Vor allem aber beeindruckt das sensationelle Drehmoment von 320 Newtonmetern - dem Fünffachen einer Honda CBR 600 RR. Obendrein, wie bei Elektromotoren prinzipbedingt der Fall, quasi aus dem Stand. Verständlich, dass die maximal abrufbare Leistung unterhalb von 60 km/h in zwei Stufen begrenzt ist.

Michael schnippt den Kippschalter auf "On". Ein grünes Lämpchen signalisiert: Jetzt wird‘s ernst. Und ungewohnt. Getriebe, Schalthebel, Kupplung - das gibt es in der Welt des Elektroantriebs nicht mehr. Einfach am Gasgriff drehen reicht. Mit einem kurzen Ruck packt die MotoCzysz an, schiebt uns mit Nachdruck aus der Boxengasse Richtung Strecke. Nach Jahrzehnten auf Sportbikes mit Verbrennungsmotor fehlt jede gewohnte Orientierung. Zu langsam, zu schnell? Die verwirrten Sinne klammern sich an das feine turbinenartige Singen des E-Motors, versuchen sich mit dem immer stärker werdenden Windgeräusch unterm Helm zu behelfen. Erst nach ein paar Kurven lässt sich die Situation einordnen. Welch ein Punch! Besonders aus engen Ecken schiebt der Elektro-Racer mit Macht an, sprintet anschließend mit dem Druck einer gut gehenden 600er-Supersportmaschine auf die Gerade. Mit 217 km/h Topspeed wurde das US-Bike auf der Isle of Man gemessen, gar mit 262 km/h im September auf dem Salzsee in Bonneville.

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Foto: Folch
David Folch auf der der MotoCzysz E1Pc.
David Folch auf der der MotoCzysz E1Pc.

Wie schnell wir jetzt wohl sind? Rasant genug jedenfalls, um vor der nächsten Kurve kräftig in die Eisen steigen zu müssen. Gas zu und - uff - drückt es den Oberkörper auf die Tankattrappe. Rekuperation heißt das Zauberwort, wenn bei vollständig geschlossenem Gasgriff der Elektromotor zum Generator wird und mit der Bremsenergie die Batterien wieder aufgeladen werden. Den Rest des Verzögerungsjobs übernimmt die Doppelscheibe mit den radial angeschlagenen Bremssätteln. Erst beim Einlenken fallen die 235 Kilogramm Gesamtgewicht auf - knapp die Hälfte davon steuern die Batterien bei -, machen das Handling durch diese zudem relativ weit vorn sitzenden und hoch bauenden Akkus träge.

Noch immer wirkt die Fahrt auf der MotoCzysz surreal, lassen sich die beeindruckenden Fahrleistungen nur schwer mit dem fast geräuschlosen Auftritt verbinden. Erstaunlich, wie effizient die Konzentration auf das Wesentliche den Ritt auf dem E-Renner macht. Ohne schalten und kuppeln zu müssen, ohne die Verpflichtung, die Aufmerksamkeit auf den passenden Gang oder ein korrektes Drehzahlniveau zu richten und ohne Motorenlärm, verändert sich das Fahrerlebnis grundlegend. Vielleicht war es gerade diese faszinierende Erfahrung, die Michael Czysz sein ursprüngliches Zweirad-Projekt aufgeben ließ. Mitte vergangenen Jahrzehnts macht der motorradbesessene Architekt nämlich noch mit einem technisch spektakulären MotoGP-Bike, der C1-990 Furore. Auch wenn deren Jungfernfernfahrt auf einer Ehrenrunde beim US-Grand Prix im Jahr 2005 nie ein Renneinsatz folgen sollte.

Der wortkarge Konstrukteur winkt uns heraus. Schade, die Akkukapazität hätte noch einige Runden hergegeben. Sogar unter extremen Rennbedingungen sollen 90 Kilometer Reichweite möglich sein. Vielleicht wollte der Visionär aus Oregon aber auch nur sein patentiertes Akku-Wechselsystem präsentieren. In gerade mal einer Minute sind die leeren Packs gegen frisch aufgeladene ausgetauscht.

Ein weiteres Argument, das zum Nachdenken anregt. Kein Lärm, ausreichend Leistung, genügend Reichweite für den Rennsport - man beginnt zu grübeln. Allerdings auch beim Thema Finanzen. Michael plant eine Kleinserie der MotoCzysz E1Pc aufzulegen. Neben der Sportversion für den Einsatz in der internationalen Rennserie für Elektro-Rennmaschinen, den so genannten TTXGP soll der blitzsauber verarbeitete E-Flitzer sogar in einer straßenzulassungsfähigen Version zu haben sein. Der Tarif ist allerdings nicht von Pappe: 90000 Euro - der Preis von sieben Honda CBR 600 RR.

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