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Vor mehr als 60 Jahren ging die Vincent Black Shadow in Serie und ging in die Geschichte ein, als erstes Motorrad mit einer Geschwindigkeit über 200 km/h.

Finale: Vincent Black Shadow Intermot-Countdown 9: Die 200-km/h-Maschine

Die Vincent Black Shadow war das erste Motorrad, das über 200 km/h lief. Und zwar serienmäßig. Sie war das erste Big Bike und ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus.

Kennen Sie Rollie Free? Nein? Doch, Sie kennen ihn. Es ist jener verwegene Typ, der nur mit Badehose, Badelatschen und Badekappe bekleidet liegend über den Bonneville-Salzsee knallt. Eines der berühmtesten Fotos der Motorradgeschichte. Rollie Free wollte es wissen. Wie schnell kann eine Vincent Black Lightning, die Rennversion der Black Shadow rasen, wenn man es auf die Spitze treibt? 150,313 Meilen pro Stunde wurden offiziell gestoppt. Das sind schlanke 240 Sachen. 1948 mit einer weitgehend serienmäßigen Vincent gefahren. Noch Fragen?

Klar, jede Menge. Aber zunächst einmal noch eine Erklärung für diese Geschichte und die in den folgenden Ausgaben von MOTORRAD erscheinenden. Wir, die Redaktion MOTORRAD, haben uns zehn Highlights der Motorradgeschichte ausgesucht, die wir in Folge beschreiben werden. Alle zehn Maschinen werden Sie dann, liebe Leserinnen und Leser, auf unserer Sonderschau auf der Kölner INTERMOT bewundern können. Im letzten Heft startete unser INTERMOT-Countdown mit dem Bike Nummer eins, der Hildebrand und Wolfmüller. Heute schreiben wir über die Vincent Black Shadow, das schnellste Motorrad bis weit in die 1950er-Jahre hinein. Also ein großer Schritt von der mit 40 km/h schnaufenden Urmaschine hin zum ersten richtig schnellen Motorrad. Und in den folgenden Ausgaben nähern wir uns immer mehr der Gegenwart. Zurück in das Jahr 1946. Bereits im Frühjahr des Jahres eins nach Kriegsende stellte die ehrgeizige britische Motorradschmiede einen ersten Prototyp dieser neuen Generation Motorrad auf die Räder. Bereits vor dem Krieg hatte Vincent einen 1000er-V2 auf den Markt gebracht und immerhin noch 78 Maschinen gebaut. Die neue Maschine war jedoch um einiges eleganter konstruiert und mit neuem Motor ausgerüstet. Und mit was für einem! Selten noch haben Motorradbauer Mechanik in solch schöne Form gegossen. Der 50-Grad-V2, dessen 84 Millimeter große Kolben neun Zentimeter auf und ab gleiten, würde noch heute manchem Bike gut zu Gesicht stehen. Kühlrippen, Stoßstangenrohre, reduziert geführter Zwei-in-eins-Auspuff, der mächtige herzförmige Deckel, der den Nockenwellenantrieb beherbergt, ein Kunstwerk.
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Nur wenige Gentlemen konnten sich eine solche Maschine leisten. Umgerechnet 5500 Mark kostete damals die Maschine, so viel wie ein guter deutscher VW Käfer in "Export"-Version. Und so wurden in den Jahren 1948 bis 1955 nur 1507 Maschinen gebaut. Genügend, um zur Legende zu werden.
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Foto: Nakamura
Ultrastarkes High-Tech-Krad: Vincent Black Shadow, erstes Bike mit Sitzbank.
Ultrastarkes High-Tech-Krad: Vincent Black Shadow, erstes Bike mit Sitzbank.
Aber woher holte die Vincent ihre damals dramatische Leistung von 55 PS? Der 1000er-V2 war eine trickreiche Konstruktion. Die Nockenwellen zur Ventilsteuerung lagen halbhoch, sodass nur sehr kurze Stoßstangen auf die Kipphebel der Ventilbetätigung nötig waren. Das machte die Vincent verhältnismäßig drehzahlfest und erlaubte gleichzeitig scharfe Steuerzeiten. Zudem griffen die Kipphebel die Ventile unterhalb der Federn, was die Stoßstangenlänge zusätzlich reduzierte.

Atmen und auspuffen durfte der V2 ziemlich frei. Rein ging es durch 28,6-Millimeter große Amal-Vergaser, raus durch die schon erwähnte Zwei-in-eins-Anlage, deren Sound unvergleichlich war. Um die brachiale Leistung in das innovativ im Motorgehäuse untergebrachte Vierganggetriebe zu übertragen, waren zwei Kupplungen nötig. Eine Einscheiben-Trockenkupplung war einer Trommelkupplung vorgeschaltet, eine durchaus knifflig zu dosierende Angelegenheit. Aber noch viel moderner war das Fahrwerk ausgeführt. Yamaha nannte es Jahrzehnte später Cantilever, in der Vincent debütierte die Dreiecksschwinge mit oben angelenkten Federbeinen. Nur mit dieser sehr steifen Konstruktion ließ sich die Urgewalt des britischen Donnerbolzens im Zaum halten. Federbeine darf man übrigens hier wörtlich nehmen, denn die Dämpfung übernahm ein einstellbarer Reibungsdämpfer auf der Schwinge.

Vorn kümmerte sich eine für die damalige Zeit nicht selbstverständliche gefederte und gedämpfte Girder-Trapez-gabel um die Führung des 21-Zoll-Vor-derrads. High-Tech also und Garant dafür, dass die Vincent auch bei 200 Sachen nicht aus der Spur lief.

Ganz schrecklich muss das damalige Bremsen gewesen sein. Zwar besaß die Black Shadow immerhin vier Simplex-Trommelbremsen, aber MOTORRAD-Mitarbeiter Alan Cathcart, der Pilot auch hier auf unseren Bildern, berichtet von minimaler Wirkung bei maximalem Muskeleinsatz, ein ABS der ersten Stunde sozusagen.
Foto: Nakamura
Und die Neuerungen lohnen sich. Auf der Straße lässt sich die Black Shadow super beherrschen. Hier brettert Alan Cathcart über die Insel.
Und die Neuerungen lohnen sich. Auf der Straße lässt sich die Black Shadow super beherrschen. Hier brettert Alan Cathcart über die Insel.
Das Nonplusultra und Gegenstand sicher vieler Motorradfahrerträume in den damaligen Zeiten: der riesige Meilentacho mit der magischen Ziffer 150 am Ende der Skala. 150 Meilen pro Stunde, 240 km/h, das war Flugzeugtempo. Wenn auch in der Realität bei knapp 130 Meilen Schluss war. Man halte sich nur einmal die damaligen Straßen- und Verkehrsverhältnisse vor Augen! Diese Fahrer müssen echte Kerle gewesen sein.

Nicht überliefert ist, wie viele der Vincent-Besitzer im Geschwindigkeitsrausch zerschellten. Wohl aber, wie viel eine gut erhaltene Vincent heute wert ist. Unter 50000 Euro geht da nicht viel. Trotz hoher Preise ging die Firma von Phil Vincent schnell pleite. Bereits 1955 wurde die Motorradproduktion eingestellt. Zu hoch war der eigene Anspruch, ein technisch perfektes Motorrad zu bauen. Die Black Shadow hätte wohl noch deutlich mehr kosten müssen, um die Herstellungskosten wieder einzuspielen.
Foto: Nakamura
Schwarzes Kraftwerk: 50-Grad-V2 mit 1000 Kubik, 55 PS und 76 Nm Drehmoment. Vier kurze Stoßstangen zur Ventilsteuerung.
Schwarzes Kraftwerk: 50-Grad-V2 mit 1000 Kubik, 55 PS und 76 Nm Drehmoment. Vier kurze Stoßstangen zur Ventilsteuerung.

Technische Daten

Motor:
Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-50-Grad-V-Motor, zwei Ventile pro Brennraum, über Schlepphebel, Stoß-stangen und Kipphebel gesteuert, Bohrung x Hub 84 x 90 Millimeter, 1000 cm3, 40 kW (55 PS) bei 5700/min, Magnet-zündung, je ein 1,1/8-Zoll-Amal-Vergaser, Kickstarter, Trommel-Servokupplung, Primär-Triplexkette, Vierganggetriebe.

Fahrwerk:
Rückgratrahmen aus Stahl, vorn Trapezgabel, hinten Dreiecksschwinge mit direkt angelenkten Doppelfederbein, Doppel-Simplexbremsen vorn und hinten, 21/20-Zoll-Drahtspeichenrad vorn/hinten, Doppelsitzbank.

Maße und Gewicht:
Gewicht vollgetankt 208 kg, Tankinhalt 16 Liter, Höchstgeschwindigkeit über 200 km/h.

Preis: zirka 5500 Mark (1950)

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