Yamaha Flat Track TZ 750 Den Kenny doch

Indianapolis, 34 Jahre später: Kenny Roberts, heute ein gesetzter Herr, fuhr anlässlich des US-Grand Prix noch einmal seinen starken Flat Tracker von 1975. Zur Erinnerung an einen kühnen Husarenritt und den für ihn wichtigsten Sieg seiner Karriere.

Foto: Lundin
Es ist fast wie im August 1975, als dieser schneidende Klang zum ersten Mal über den Flat Track der Indiana State Fairgrounds fetzte. Wo sonst die XR-750-Viertakter donnern, gibt nun der Zweitakter einer Yamaha TZ 750 den Ton an, zerrt mit der unerbittlichen Selbstverständlichkeit eines überstarken Gummibands eine dieser typisch amerikanischen Bahnrennmaschinen über das sandbestreute Meilenoval. Mit einem energischen Lenkimpuls und einem kurzen Biss der Hinterradbremse stellt der Fahrer am Kurveneingang die Maschine quer, legt Gas an und stützt mit ausgestelltem linkem Bein einen anhaltenden Drift durch die langgezogene Kurve. Der historische Rennzweitakter kreischt in den höchsten Tönen, das Motorrad wheelt und wackelt, sobald der Hinterreifen auf der Geraden wieder Grip gewinnt, spontan beginnt die Menge auf den Tribünen zu jubeln. King Kenny hat seine eigene Vorstellung von Showrunden. Gelernt ist eben gelernt. Wer in den siebziger Jahren die Meisterschaft der American Motorcycle Association (AMA) gewinnen und den klangvollen Titel Grand National Champion erringen wollte, musste ein vielseitiger Fahrer sein. So waren im Jahr 1975 21 Rennen zu bestreiten, darunter vier Straßenrennen. Der Rest waren Flat Track-Rennen auf Ovalkursen von einer viertel, halben oder ganzen Meile und sogenannte TT's. Während auf den Flat Tracks, die aus geöltem Sand auf einer Unterlage aus gewalztem Lehm bestanden, stets nur gegen den Uhrzeigersinn gefahren wurde, musste eine TT-Strecke mindestens eine Rechtskurve sowie einen Sprunghügel enthalten. Drei Rennmotorräder brauchte es für die verschiedenen Disziplinen.
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Foto: Archiv
Champion der Jahre 1973 und 1974 wurde ein junger Kalifornier namens Kenny Roberts, gleich in der zweiten Saison nach seinem Aufstieg aus der Jugendklasse. Was schon erstaunlich genug war. Noch ungewöhnlicher allerdings musste dem amerikanischen Publikum Roberts Flat Track-Rennmaschine vorkommen. Bereits eng mit Yamaha verbunden, setzte er nämlich auf den Motor der XS 650 in einem vom Spezialisten Doug Schwerma gebauten Rahmen. Der kreuzbrave Parallel-Twin war auch nach dem Aufbohren auf die erlaubten 750 cm³ den etablierten XR-750-Motoren von Harley-Davidson unterlegen. Um dennoch zu gewinnen, brauchte Roberts sein ganzes Fahrgenie, seine Schlitzohrigkeit und die besondere Beobachtungsgabe, mit der er jede Kleinigkeit erkannte, die er für sich nutzen konnte. Nachdem Harley-Davidson für die 1975er-Saison nachgelegt hatte, um die alte Vormachtstellung zurückzugewinnen, und nachdem die immer schärfer getunten XS-Motoren starben wie die Fliegen, wurde die Lage für den Jungstar frustrierend. In dieser Situation erinnerten sich die Verantwortlichen von Yamaha USA an eine Idee von Rahmenbauer Schwerma, die sie noch im Jahr zuvor für verrückt gehalten hatten: ein Flat Track Miler mit dem Motor der Yamaha TZ 750. Rund 120 PS stark. Ein erster von Schwerma gebauter TZ 750 Miler trug Rick Hocking zum dritten Platz bei der Ascot Park TT, Yamaha USA bestellte daraufhin fünf weitere Fahrwerke für Skip Aksland, Steve Baker, Randy Cleek und Kenny Roberts. Rechtzeitig für die Indianapolis Mile am 23. August. Als die Fahrer dort auftauchten, sahen sie ihre Motorräder zum ersten Mal. Kenny Roberts erinnert sich: "Nach der dritten Runde gaste ich richtig an, und das Ding sprang sofort aufs Hinterrad. Es war schnell, hat aber die ganze Gerade hinunter gependelt." Nach einem vierten Platz im Qualifikationsrennen entschloss er sich, das Monster länger zu übersetzen, um die Leistung besser auf die Straße zu bringen und mehr Topspeed herauszuholen. Auch hatte er eine spezielle Kurventechnik entwickelt, die er mit dem Zurückprallen einer Billardkugel von der Bande verglich: umlegen, hinten bremsen, sich an einer Art Anlieger abstützen und von dort wieder auf die Gerade hinausschießen. Es war ihm aufgefallen, dass sich in der letzten Kurve vor dem Ziel ein ausgeprägt hohes Bankett gebildet hatte, welches er dafür nutzen konnte. Nicht so in der ersten Doppelkurve; hier zog ihn sein Motorrad weit hinaus in den losen, aufgeworfenen Dreck, und je nachdem, wie gut oder schlecht ihm dort die Drifts gelangen, variierten seine Rundenzeiten um eine halbe Sekunde. Offensichtlich waren sich seine stärksten Gegner, die Harley-Werksfahrer Corky Keener und Jay Springsteen, ihrer Führung im Rennen sehr sicher. Sie trieben ein Schaulaufen mit ständigen Führungswechseln. Um den Sieg wollten sie erst in der letzten Runde ernsthaft kämpfen. Hinter ihnen jedoch lauerte der Champ, der sich näher und näher heran gekämpft hatte. "Corky nutzte den Windschatten, um sich neben Jay zu schieben, so erhielt ich einen doppelten Windschatten. Ich habe das Gas offen gehalten, Schwung geholt, und als ich zum Hochschalten die Kupplung zog, hörte der Reifen auf durchzudrehen, bekam richtig guten Grip, und ich kam vorbei. Ich habe mit einem Fuß Vorsprung gewonnen." Es blieb der einzige Sieg des bis heute stärksten Milers. Der Versuch, ihm durch einen weiter nach vorn und unten gerückten Motor mehr Stabilität zu geben, scheiterte, ebenso die Experimente mit verschiedenen Reifen, die das Durchdrehen des Hinterrads bei vollem Leistungseinsatz mildern sollten. So waren es möglicherweise die kritischen Kommentare von Kenny Roberts selbst, welche die AMA schließlich veranlassten, Motoren mit mehr als zwei Zylindern für Flat-Track-Rennen zu verbieten. Etliche Fans sind sich jedoch sicher, dass es der Einfluss der, wie sie es nennen, "Milwaukee-Mafia", also Harley-Davidsons war, der das Aus des gefährlich starken Yamaha-Renners herbeigeführt hat. Auf alle Fälle hat Kenny Roberts bis heute ein ambivalentes Verhältnis zum TZ Miler. "Sie zahlen mir nicht genug dafür, dieses Ding zu fahren", hat er einmal geäußert, was er später relativierte: Für sich selbst habe er ihn nicht als gefährlich empfunden, nur könne er sich nicht vorstellen, mit 14 anderen TZ-Piloten zu fahren. Nach der Wiederbegegnung im Sommer 2009 formulierte er es wieder drastischer: "Gott sei Dank haben sie sie verboten, sonst hätte ich mich umgebracht damit."
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Foto: 2snap

Yamaha Flat Track TZ 750 Daten

Motor: Wassergekühlter Vierzylinder-Zweitaktmotor, Mischungsschmierung, Rundschieber-vergaser, ø 34 mm, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Trockenkupplung, Sechsganggetriebe,Kette; Bohrung x Hub 66,4 x 54,0 mm, Hubraum 748 cm³, Nennleistung 88,2 (120 PS) bei 9000/min

Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, ø 35 mm, Zweiarmschwinge ausStahl, zwei direkt angelenkte Federbeine, verstellbare Federbasis, vorn keine Bremse, Scheibenbremse hinten, ø 296 mm, Zweikolben-Festsattel, Speichenräder mit Alufelgen 2.15x18; 3.25x18

Gewicht: vollgetankt zirka 140 kg, Tankinhalt zirka 10 Liter;

Farben: Gelb/SchwarzPreis: keine Angabe

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