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Harley-Davidson 16 F im Fahrbericht Eine wahre Legende aus dem Jahr 1916

Legende, Mythos, Ikone - solche Begriffe werden reflexartig benutzt, wenn man von Harley-Davidson spricht. Und sie werden davon nicht aussagekräftiger. Hier jedoch ist der Begriff Legende angebracht, denn in der Harley-Davidson 16 F von 1916 kam der V2 von Harley richtig in Fahrt.

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Die Harley-Davidson 16 F in der Zeit ihrer Entstehung zu fahren war für die Deutschen unmöglich, wahrscheinlich nicht einmal denkbar. 1916 hatten sie anderes zu tun. Der Erste Weltkrieg wütete mit aller Wucht. Am 1. Juli waren die Briten und Franzosen nach vierzehntägigem Artilleriebeschuss an der Somme-Front in Nordfrankreich zum Angriff übergegangen. In dichten Reihen, weil sie glaubten, die deutschen Stellungen seien völlig zerschossen. Sie liefen in ein mörderisches Maschinengewehrfeuer.

Harley Davidson Modell 16 F
Das Video zum Artikel: Und so klingt die Harley-Davidson 16 F.
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Silent Grey Fellows-Lackierung von 1911

Südwestlich der Somme tobte die Schlacht um Verdun und das Zentrum des dortigen Festungsgürtels, das Fort Douaumont. Seit der deutschen Offensive im Februar bekriegten sich die feindlichen Armeen dort mit nicht nachlassender Härte und unvorstellbarem Einsatz von schwerer Ar­tillerie. Beide Schlachten endeten erst im Herbst des Jahres, nachdem Hunderttausende Soldaten ihr Leben gelassen hatten. Sie brachten keine Entscheidung; es zeichnete sich jedoch ab, dass die deutsche Armee ihre Kräfte überspannt hatte.

Szenen- und Zeitenwechsel: Durch ein stilles Tal in der Nähe von Flonheim schlängelt sich eine schmale, baumbestandene Straße. Nur ab und zu fährt dort ein Auto. Ich bin froh darüber, dass ich die Harley-Davidson 16 F hier und unter solchen Umständen kennenlernen darf. Sie gehört Thomas Trapp von der Frankfurter Harley-Factory, ist dort auch für jeden Besucher zusammen mit anderen seiner Schätze zu besichtigen. Nur für heute haben wir sie aus dem Hessischen ins Rheinhessische entführt. Gegen das Grün der Bäume und das Gelb der Getreidefelder hebt sich ihr grauer, mit einem blauen Schimmer unterlegter Lack gleicher­maßen gut ab.

1916 war das letzte Jahr, in dem Harley-Davidson diese Lackierung des sogenannten Silent Grey Fellows von 1911 verwendete, die übrigens einem von Peugeot kreierten Farbton abgeschaut war. Spätere Jahrgänge des baugleichen Motorrads, die mit der US-Army 1917 in den Krieg eintraten, waren olivgrün. Grau wirkt edler.

Foto: Gargolov
1916 war das letzte Jahr, in dem Harley-Davidson diese Lackierung des sogenannten Silent Grey Fellows von 1911 verwendete.
1916 war das letzte Jahr, in dem Harley-Davidson diese Lackierung des sogenannten Silent Grey Fellows von 1911 verwendete.

Besondere Handgriffe sind von Nöten

Nach ein paar Tritten auf den Kickstarter und dem üblichen Probieren mit der Kaltstartanreicherung springt der Motor an. Und schon das ist eine große Show im Kleinen. Kräftig, aber keineswegs laut klingt der Auspuff der Harley-Davidson 16 F, robust, aber keinesfalls unkultiviert tickert die Mechanik. Die offenen Stoßstangen und Kipphebel der hängenden Einlassventile vollführen ihr mechanisches Ballett vor aller Augen, das Vorderrad hüpft im Takt der Zündungen, und aufkommende Motorhitze lässt stehen gebliebene Sprühöltröpfchen in kleinen Wolken verdampfen.

Fürs Fahren sind bei der Harley-Davidson 16 F ganz andere Handgriffe beziehungsweise Fußbewegungen zu erlernen als bei allen anderen alten Motorrädern, die ich bislang bewegen durfte. Heute hat die Fußkupplung Premiere, dafür besitzt das „Model 16 F“, anders als die jüngere BMW R 32 einen Gasdrehgriff. Benzin- und Luftzufuhr werden synchron gesteuert. Geschaltet wird links am Tank, und diese Anordnung verlangt einem Neuling einiges an Konzentration und Koordinationsvermögen ab. Unwillkürlich fasse ich zum Schalten mit der rechten Hand nach links; das ist wohl noch aus der Zeit hängen geblieben, als ich ein Rennrad mit Rahmenschalthebeln besaß, die ich auch beide mit der Rechten bediente.

Foto: Gargolov
Im Zusammenspiel von handlichem Fahrwerk und fröhlich vor sich hin prasselndem 989er-V2 verströmt die historische Harley einen ansteckenden Enthusiasmus.
Im Zusammenspiel von handlichem Fahrwerk und fröhlich vor sich hin prasselndem 989er-V2 verströmt die historische Harley einen ansteckenden Enthusiasmus.

Die Kupplung ist schwer zu dosieren. Das Hebelsystem zu ihrer Betätigung ist mit einer Gleitfläche versehen, gegen die ein Reibbelag drückt. Er verhindert, dass die Kupplung durch die Motorvibrationen unkontrolliert eingerückt wird. Die Vorspannung ist jedoch etwas stramm und erschwert die feinfühlige Bedienung per Fuß. Doch allmählich lernt die linke Hand, was sie beim Schalten zu tun hat, und übernimmt dann auch das Kuppeln am optionalen Handhebel links unter dem Tank.

Harley-Davidson 16 F wiegt rund 150 Kilogramm

So ist es besser, jetzt läuft es rund. Die Räder der drei Gänge finden rasch und ohne Kratzen zueinander, auch die Reifen mit ihrer rechteckigen Kontur geben sich mit der Zeit geschmeidiger und erlauben einen Hauch von Schräglage – nach modernen Maßstäben gemessen. Immerhin genug, um die jung gebliebene alte Dame zügig durchs Kurvengeschlängel zu treiben. Das ist wahrscheinlich nicht das Fahrprogramm, das die amerikanischen Konstrukteure von damals vor Augen hatten, aber die Harley-Davidson 16 F absolviert es mit Bravour. Entgegen landläufiger Vorstellungen vom „schweren Motorrad“ ist sie mit rund 150 Kilogramm ein Leichtgewicht und fährt sich sehr handlich.

Im Zusammenspiel von handlichem Fahrwerk und fröhlich vor sich hin prasselndem 989er-V2 verströmt die historische Harley einen ansteckenden Enthusiasmus. Sie ist eine kultivierte, aber expressive Persönlichkeit, die sich unbefangen auslebt. Die Harley-Davidson 16 F hält nichts zurück, vibriert, tönt, versprüht Öltröpfchen, wird bockig, wenn sie über Bodenwellen gehetzt wird, oder verbrennt die rechte Wade des Fahrers, wenn diese der Ausbuchtung der Brennräume zu nahe kommt. Das Gutmaschinentum moderner Motorräder ist ihr fremd, und gerade das macht sie so angenehm im Umgang.

Foto: Gargolov
Und weil es so schön war, gleich noch eine Runde.
Und weil es so schön war, gleich noch eine Runde.

Bis zu 100 Stundenkilometer

Vor allem aber strebt sie immer vorwärts. Bis zu 100 Stundenkilometer schnell auf geraden Strecken und souverän in den Steigungen. Man ahnt, warum Harley-Davidson die wechselgesteuerten Motoren noch bis 1929 baute. Nur manchmal rennt die Harley-Davidson 16 F zu fröhlich weiter, wenn man es als Fahrer gerade nicht haben will. Das Bremsmoment des Motors ist gering, die Bremsleistung der Halbnaben-Innenbackenbremse im Hinterrad bescheiden und die Wirkung der Außenbandbremse, welche die gleiche Bremstrommel von außen aufheizt, nicht der Rede wert.

Der kluge Rat, vorausschauend zu fahren, rückt angesichts der möglichen Verzögerungen hart an den Rand der Klugscheißerei. Prophetische Gaben wären besser für manche Ortsdurchfahrt oder bei der Begegnung mit Autofahrern von zweifelhafter Vorfahrtsmoral. Das musste mal gesagt werden. Es ist mir aber völlig egal.

Denn diese Harley-Davidson 16 F ist mit oder ohne Bremsen die beste Harley, die ich jemals gefahren habe. Stolze Besitzer moderner Maschinen mögen mir diese Ansicht bitte verzeihen. Wie andere sportlich motivierte Kollegen bei MOTORRAD war ich bisher der Meinung, ich sei noch zu jung für diese Marke. Die 16 F hat mich eines Besseren belehrt. Nicht ich bin zu jung für moderne Harleys, sondern moderne Harleys sind nicht alt genug für mich.

Foto: Gargolov
Harley im Film: In „Mathilde“ spielt eine F 16 neben Audrey Tautou.
Harley im Film: In „Mathilde“ spielt eine F 16 neben Audrey Tautou.

Die Nachfolger der 16 F in Europa

Schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es vereinzelt Harleys in Deutschland, seit 1910 reparierte der Hamburger Händler Georg Suck einige der raren Einzelstücke. Später wurde er der erste deutsche Harley-Importeur. Doch richtig bekannt wurden die Harleys hierzulande und in ganz Europa durch den Kriegseintritt der USA im Jahr 1917 und die olivgrün lackierten Militärmaschinen, die ansonsten baugleich waren mit der Harley-Davidson 16 F.

Die Harley im Kino

In „Das MOTORRAD“ erschien erst 1929 eine Art Test von einer Harley-Davidson. In dem spannenden, aufwendig inszenierten französischen Spielfilm „Un Long Dimanche de Fiançailles“ (2004), der in Deutschland unter seinem dümmlich-nichts­sagenden Titel „Mathilde. Eine große Liebe“ zu leiden hatte, spielt eine Harley aus Militärbeständen eine kleine Rolle. Die Nebenhandlung um ihren Besitzer, den cleveren Kriegsgewinnler Célestin Poux, hat Regisseur Jean-Pierre Jeunet mit gutem Gespür für die historischen Fakten in den Handlungsstrang eingeflochten, auch die Details der Maschine sind, soweit erkennbar, historisch korrekt. Der Film basiert auf dem Roman „Die Mimosen von Hossegor“ von Sébastien Japrisot.

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