75stes Jubiläum von Harley-Davidson: Eine wahre Zweirad-Ikone.

Finale: Harley-Davidson-Jubiläum 75 Jahre Knucklehead-Cruiser

Vor 75 Jahren entstand der Urahn aller modernen Harley-Davidson-Motorräder. Zwischen Weltwirtschaftskrise und Zweitem Weltkrieg blieb Zeit für eine wegweisende Entwicklung und wahre Zweirad-Ikone.

Fotos: Harley-Davidson
75stes Jubiläum von Harley-Davidson: Eine wahre Zweirad-Ikone.
75stes Jubiläum von Harley-Davidson: Eine wahre Zweirad-Ikone.

Amerikaner sind selten um Stolz, Selbstbewusstsein und Superlative verlegen: Von dem "überragenden Motorrad der heutigen Zeit" und zugleich dem "Motorrad der Zukunft" spricht man 1936 in Milwaukee, USA. Die Rede ist vom Harley-Davidson Modell E. Welch profaner Name für ein derart faszinierendes Produkt, meinen die Fans der Marke, von denen es schon damals jede Menge gibt. Und weil die Form der Kipphebelgehäuse des brandneuen V2 sie so sehr an die Knöchel einer geballten Faust erinnern, taufen sie die Schöne bald auf den Namen "Knucklehead". Dass dies übersetzt nicht nur "Knöchel-", sondern auch "Schwachkopf" bedeutet, sei hier nur beiläufig erwähnt. Die "Knuckle" bildet einen Quantensprung für die gerade mal 33 Jahre alte US-Marke. Und sie ist äußerst gewagt, schließlich wurde der Startschuss zu ihrer Entwicklung schon 1931 gegeben.
 
In einer Zeit, in der die Wirtschaftskrise den Globus fest im Würgegriff hält, einer Ära, in der Absätze stagnieren und Firmen kapitulieren. Die Arbeitslosenquote in den USA springt auf über 16 Prozent: Acht Millionen US-Bürger sind ohne Lohn und Brot. Die Stadt Chicago ist so pleite, dass sie monatelang noch nicht einmal mehr ihre Lehrer bezahlen kann. Selbst die Natur scheint gegen die Menschen verschworen: Eine verheerende Dürre verwandelt große Teile des Mittleren Westens in Landschaften aus Staub und lässt die Lebensmittelpreise steigen.

Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken? No, Sir! US-Präsident Hoover eröffnet in New York das Empire State Building, das mit 449 Metern die nächsten 41 Jahre das höchste Gebäude der Welt sein wird. RCS platziert sogleich eine Fernsehantenne obendrauf, denn TV ist der letzte Schrei bei denen, die es sich leisten können. Eine glorreiche Zukunft soll auch Jacob Schicks und Wallace Corothers Erfindungen des Jahres zuteilwerden: dem Elektrorasierer und dem Nylon. Amerikaner geben nicht auf, meint man auch im Harley-Davidson-Headquarter. Stattdessen entscheiden sich Bill Harley und seine Kompagnons Arthur, Walter und William Davidson für die Flucht nach vorn und für die Entwicklung eines völlig neuen Technologieträgers - stark, schnell und schön.

Vier Jahre arbeitet man in Milwaukee fieberhaft an dem neuen Motorrad. Am 25. November 1935 ist es so weit: Harley enthüllt erstmals seine Neuheit, das Bike für das Jahr 1936, wegweisend in Look und Technik. Die Maschine soll sich in den USA und überall auf der Welt vermarkten lassen, einer Welt, die langsam einen gewissen Aufschwung spürt. Magnetband und Zippo kommen auf den Markt, das Magazin Billboard veröffentlicht die erste "Hitparade" der beliebtesten Songs. In England läuft die Queen Mary zu ihrer ersten Atlantikfahrt aus, in Deutschland startet die Hindenburg zu ihrer Jungfernfahrt.

Die Botschaft "Motorradfahren ist Freizeitsport" hat der Motor Company während der großen Depression das Überleben gesichert, und die Knucklehead soll dem Ganzen nun die Krone aufsetzen. Und tatsächlich: Kunden und Presse sind gleichermaßen begeistert. Sie wollen Motorräder, und sie wollen Leistung. Bessere Kraftstoffe ermöglichen den Einsatz höherer Verdichtungen, und es ist sinnvoll, Konstruktionen mit obenliegenden Ventilen einzusetzen - Konstruktionen wie die E. Dass sie eine komplette Neuentwicklung ist, erkennt man schon von weitem an der Form des Motors. Der ist zwar nach wie vor ein 45-Grad-V2, doch der Bereich über den Zylinderkühlrippen zeugt von modernen Zeiten. Seine Stößelstangen münden in eleganten Kipphebelgehäusen, die je zwei obenliegende Ventile pro Zylinder beherbergen. Als OHV - "overhead valve" - bezeichnet der Techniker das, im Gegensatz zu den bisherigen SV-Modellen mit seitlich angeordneten Ventilen. 61 Kubikzoll (1000 cm³) misst der Hubraum, aus dem der Twin bis zu 40 PS schöpft. In der Version EL kommt das Bike mit dem Beinamen "Special Sport Solo" und höherer Verdichtung. Erstmals setzt Harley Druckumlaufschmierung ein, bei der das Öl durch den Motor und zurück in den Öltank gepumpt wird, statt ins Freie zu entweichen.

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Foto: Harley-Davidson

Was 1936 noch niemand ahnt: Der Knucklehead-V2 ist der veritable Urahn aller künftigen Harley-Motoren. Grundsätzliche Konstruktionsprinzipien wie Zylinderzahl und -anordnung sowie Art der Kühlung und Ventilsteuerung haben sich bei den Big Twins aus Milwaukee nie wieder geändert. Doch sie ist mehr als ein Technik-Highlight. William G. Davidson, Firmengründer-Enkel, Designpapst und H-D-Markenikone, ist sich sicher: "Die Knuckle ist eines der schönsten Modelle, die wir je hergestellt haben, schließlich definierte sie einen Look, der bis heute unsere Motorräder kennzeichnet." Der Senior Vice President and Chief Styling Officer der Motor Company muss es wissen. Fünf Exemplare zählt "Willie G." in seiner persönlichen Sammlung. Er schätzt ihren charakteristischen Motor, die Anmut der Silhouette, die stimmigen Proportionen und die eleganten Details wie die Tankkonsole, die 1936 erstmals alle Anzeigen bündelt. Zu diesen zählt ein Tachometer - der erste, den Harley-Davidson serienmäßig an ein Motorrad montiert. Sein großes Ziffernblatt sticht aus der schwarzen Konsole hervor, die den Tank krönt.

1526 Knuckles rollen 1936 aus den Werkshallen, knapp 400 Dollar wandern für jede Einzelne über die Ladentheke. Zum Vergleich: Ein Laib Brot kostet acht, eine Gallone Sprit zehn Cent, die Monatsmiete für ein Durchschnittshaus beträgt 24 Dollar.

Das 1937er Modell kommt mit mehr als 100 technischen Änderungen - unter anderem mit neuen Motorlagern und Pleuelzapfen sowie diversen neuen Ölabdichtungen. Die Knucklehead soll jetzt zeigen, was in ihr steckt. Ein Rekord muss her. Werksfahrer Joe Petrali übernimmt den Job auf dem topfebenen Strand von Daytona. Joe fährt eine mächtig aufgebrezelte Knuckle: Vorn rotiert ein Scheibenrad in der verkleideten Gabel, auf der ein zur Cockpitverkleidung umfunktionierter Benzintank thront, während das Heck aus einer stromlinienförmigen Blechflosse besteht. Unglückseligerweise bringt genau diese Flosse das Bike derart zum Pendeln, dass man sie für die finale Rekordfahrt flugs gegen ein Serienteil tauscht. Der von zwei Vergasern gefütterte V2 wird mit einem teuflischen Alkohol-Benzol-Gemisch gedopt, um 67 PS zu mobilisieren. Der als Sensibelchen geltende Motor besteht die Drehzahl- und Temperaturorgie mit Bravour: Am 13. März 1937 erreicht der völlig angstfreie Joe mit 136,2 mph (knapp 220 km/h) den Geschwindigkeitsweltrekord für Motorräder, der erst elf Jahre später gebrochen werden soll.

1941 gibt Harley noch mal mächtig Gas und erhöht den Hubraum seines OHV. 74 Kubikzoll (1213 cm³) sind jetzt gut für bis zu 48 PS. F und FL heißen die neuen, stärkeren Versionen. Im letzten Monat dieses Schicksalsjahrs ist dann für Amerika Schluss mit lustig: Am 7. Dezember bombardieren japanische Flieger Pearl Harbour und einen Tag später treten die USA in den Zweiten Weltkrieg ein - jeder Arbeiter wird fortan für die Militärproduktion benötigt. Ab 1943 fertigt man offiziell gar keine Motorräder mehr für den zivilen Markt.

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Foto: Harley-Davidson

Erst nach Kriegsende geht es mit der Knuckle weiter. Nicht so rasch, wie man es sich in Milwaukee wünscht, denn wichtige Rohstoffe werden für den Wiederaufbau in Europa benötigt. Zu den technischen Goodies zählt 1946 der neue hydraulische Stoßdämpfer - nicht etwa am Heck, sondern an der Springergabel. Eine Telegabel, bereits 1946 erprobt, kommt in der Knuckle nicht mehr zum Einsatz, denn 1947 endet ihre Produktion. Zum Abschied spendiert ihr die Motor Company die Streamline-Instrumentenkonsole und das Tombstone Rücklicht.
605 Dollar kostet die 47er-FL, für 590 Dollar gibts die "kleine" EL. Wer etwa 700 Bucks mehr im Geldbeutel hat, darf in einen durchschnittlichen Neuwagen steigen. Der Preis tut dem Erfolg der Knuckle keinen Abbruch. Von den knapp 36900 Einheiten, die zwischen 1936 und 1947 entstehen, verkauft Harley über 10000 im letzten Produktionsjahr. Wer erst 75 Jahre nach dem Debüt eine Knuckle kaufen möchte, muss neben einem großen Herz für Oldtimer ein Guthaben von mindestens 30000 Euro haben. Zum Glück gibts da ihre vielen günstigeren Nachkommen: Sie heißen Sportster, Dyna, Softail und Touring.

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