Fahrbericht: Harley Davidson Neuheiten 2011 Cruiser Neuheiten 2011- Softail und Sportster

Die im Spätsommer 2010 vorgestellten Harley-Neuheiten 2011 hielten sich in engen Grenzen. Nun gibts noch einen News-Nachschlag: zwei ordentliche Portionen aus dem System-Baukasten.

Fotos: Frank Ratering

Wenn man als Motorradhersteller in Sachen Neuheiten nichts wirklich Neues zu präsentieren hat, gibt es verschiedene Wege, damit umzugehen. Man könnnte sich bedeckt halten, was aber nicht wirklich clever ist. Besser ist es, sich etwas Ungewöhnliches einfallen zu lassen, wie es zum Beispiel Harley-Davidson jüngst machte. Die Amis luden V-Twin-affine Schreiberlinge zu einem "Custom-Event" in die USA ein, um Harleys pralle Zubehör- und Umbauwelt zu präsentieren.

Und so ganz nebenbei zauberten sie zwei weitere 2011-News aus dem Hut, deren technischer Neuheitenwert sich zwar in Grenzen hält, die aber bestens zum Oberbegriff "Customizing" passen; denn mit der Softail Blackline, dem günstigsten Softail-Modell, und der Sportster 1200 Custom, der teuersten Sporty, hat Harley ab sofort zwei ganz heiße Eisen im Feuer, die endgültig mit dem alten Vorurteil aufräumen, dass eine serienmäßige Harley bestenfalls als Umbaubasis dient. Diese beiden Flachmänner taugen bestens für ein zumindest in der Anfangsphase umbaufreies Bikerleben. Sie bringen ab Werk bereits vieles von dem mit, was früher der freundliche Harley-Customizer erledigte. Bei der Softail Blackline, dem preislich fair kalkulierten Einstieg in die Softail-Welt, ist das zum Beispiel die namensgebende Kolorierung: Rahmen, Schwinge, Fenderhalter, Tauchrohre, Gabelbrücken, Scheinwerfer, Ventildeckel, Kurbelgehäuse, Abdeckungen von Primärtrieb und Getriebe und sogar die Felgen - alles schwarz.

Gestutzter Heckfender, neuer Tank mit "Low Profile"-Tankdeckel sowie ein "Split-Drag"-Lenker mit innen liegender Kabelführung und vorverlegte Fußrasten - eine solche Kombination für ein Einstiegsmodell ist bemerkenswert. Noch mehr Lob verdient sich der Schwarzarbeiter mit seinem zwar etwas grob regelnden, aber immerhin serienmäßigen ABS. Beim Customizing ab Werk schossen die Harley-Macher aber an einer ganz prekären Stelle kräftig übers Ziel hinaus: Die Lücke zwischen Tank und Sitzbank vermittelt den Anschein, dass hier erst nachträglich ein Spritfass montiert wurde, was vielleicht nett anzusehen ist, bei sommerlichen Temperaturen aber dafür sorgt, dass man Chaps ganz vergessen kann und die Lederhose besser mit schwer entflammbaren Einlagen bestücken sollte. Wieso fällt dem Autor an dieser Stelle der Begriff Eierkocher ein? Egal, der sehr weit vorn montierte Lenker sorgt ohnehin dafür, dass die Sitzposition megacool, aber auf Dauer nicht wirklich bequem ist. Schon deshalb hält es wohl keiner so lange auf der Blackline aus, bis alles gegart ist.

Also ist vielleicht doch nachträgliches Customizing gefragt. Der famose Motor benötigt - von einer Sound-Optimierung abgesehen - keine Nacharbeiten. Beim Fahrwerk wissen Harley-Kenner, auf was sie sich einlassen: Wer etwas Dynamisches wünscht, kauft besser Dyna.

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Foto: Ratering

Oder vielleicht sogar eine Sportster, denn der Name ist - zumindest für Harley-Verhältnisse - immer noch Programm. Da macht auch die Sportster 1200 Custom keine Ausnahme. Im direkten Vergleich mit der Blackline ist sie die deutlich agilere Harley. Der Fahrer sitzt bequemer und kann dank etwas größerer Schräglagenfreiheit und stabilerer Heckpartie auf kurvigen Landstraßen viel mehr Fahrspaß haben.

Den ganz großen und schaltfaul zu genießenden Zweizylinder-Punch, den die Blackline durchaus zu bieten hat, darf man bei der Sportster nicht erwarten. Der 1200er-Twin klettert aus dem Drehzahlkeller nur etwas müde nach oben, und es darf gern etwas öfter im Fünfganggetriebe gerührt werden. Doch das stört die Zielgruppe vermutlich wenig, der Namenszusatz lautet schließlich "Custom". Davon gibts an der Frontpartie jede Menge, denn der in einer breiteren Gabel steckende 16-Zöller macht den wesentlichen Unterschied zu den Sporty-Schwestern. Ein extra flach montierter Frontfender, ein neuer Scheinwerferhalter und natürlich der an einem geschwungenen Riser montierte "Pull-Back"-Lenker machen das Custom-Paket komplett.

Die Sache mit dem knuffigeren Vorderrad bietet technisch keinerlei Vorteile, zumindest theoretisch gilt sogar eher das Gegenteil. Doch in der Praxis lässt sich die Fuhre sauber und mit nur minimal erhöhtem Kraftaufwand einlenken und hält dann tapfer die Spur. Der Blackline-Fahrer muss im Vergleich dazu deutlich mehr arbeiten und korrigieren.

Die von MOTORRAD gefahrene US-Version rollt auf Gussrädern und pufft aus ziemlich schrägen Töpfen aus. Zumindest in der Kalifornien-konformen Ausführung klingt das noch trauriger als in den Europa-Versionen. Ähnliches gilt für die Blackline, was zu der Erkenntnis führt, dass bei allem Customizing ab Werk zumindest die Auspuffdealer nicht arbeitslos werden.

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Foto: Ratering

Technische Daten: Softail Blackline

Motor

Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-45-Grad-V-Motor, zwei unten liegende, zahnkettengetriebene Nockenwellen, zwei Ausgleichswellen, zwei Ventile pro Zylinder, Hydrostößel, Stoßstangen, Kipphebel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Ø 46 mm, ungeregelter Katalysator, Lichtmaschine 439 W, Batterie 12 V/19 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Zahnriemen.
Bohrung x Hub 95,3 x 111,1 mm
Hubraum 1584 cm³
Nennleistung 56 kW (76 PS) bei 5450/min
Max. Drehmoment 125 Nm bei 3250/min

Fahrwerk

Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Ø 41 mm, Dreieckschwinge aus Rundstahlprofilen, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, Scheibenbremse vorn, Ø 292 mm, Vierkolben-Festsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 292 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, ABS. Drahtspeichenräder 2.15 x 21; 3.00 x 16, Reifen MH90-21; MU85 B 16.

Maße+Gewichte

Radstand 1689 mm, Lenkkopfwinkel 60 Grad, Nachlauf 123 mm, Federweg v/h 143/91 mm, Sitzhöhe 660 mm, Gewicht vollgetankt 306 kg, Zuladung 200 kg, Tankinhalt/Reserve 18,9/3,8 Liter.
Service-Intervalle 8000 km
Farben Schwarz, Blau/Schwarz,Orange/Schwarz
Preis zzgl. Nk. ab 16895 Euro

Foto: Ratering

Technische Daten: Sportster 1200 Custom

Motor

Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-45-Grad-V-Motor, vier unten liegende, zahnradgetriebene Nockenwellen, zwei Ventile pro Zylinder, Hydrostößel, Stoßstangen, Kipphebel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Ø 45 mm, ungeregelter Katalysator, Lichtmaschine 405 W, Batterie 12 V/12 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Zahnriemen.
Bohrung x Hub 88,9 x 96,8 mm
Hubraum 1202 cm³
Nennleistung 49 kW (67 PS) bei 5700/min
Max. Drehmoment 98 Nm bei 3200/min

Fahrwerk

Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Ø 39 mm, Zweiarmschwinge aus Stahlprofilen, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, Scheibenbremse vorn, Ø 292 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 292 mm, Einkolbensattel. Speichenräder 3.00 x 16; 3.00 x 16, Reifen 130/90 B 16; 150/80 B 16.

Maße+Gewichte

Radstand 1520 mm, Lenkkopfwinkel 60 Grad, Nachlauf 105 mm, Federweg v/h 105/54 mm, Sitzhöhe 710 mm, Gewicht vollgetankt 260 kg, Zuladung 194 kg, Tankinhalt/Reserve 17/3 Liter.
Service-Intervalle 8000 km
Farben Schwarz, Silber, Orange/Schwarz
Preis zzgl. Nk. ab 10795 Euro

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