Tuning: Harley-Davidson Softail Green Flame Getunter Chopper von Harley-Davidson

Riesige Räder, bombastischer Sound und sitzen wie Gott auf der Wolke - kaum eine andere Gattung Motorräder ist so auffällig wie eine gepimpte Harley. Aber wie fährt solch ein Showbike?

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Aufruhr in der Tiefgarage. Gleich nachdem der luftgekühlte Motor seine ersten Herzschläge tätigt, jodeln ein paar Autoalarmanlagen los. Denn die Green Flame genannte, umgebaute 2009er-Night Train von Harley-Davidson Hannover hat es in sich. Und lässt es auch raus: Durch zwei Edelstahlrohre mit je 65 Millimeter Durchmesser, die sich aus den Zylindertürmen offensichtlich schalldämpferlos gen Boden winden, grollen Verbrennungswogen ins Freie. Wer jetzt denkt, der V2 wuchere mit unendlich Hubraum, irrt. Denn der als Twin Cam 96B bezeichnete V2 ist im Serienzustand.

Er schöpft seine 73 PS aus 1584 Kubik. Ein Vorgang, der mit den Serientröten auch recht wohngebietskompatibel gelingt. Die verbaute Auspuffanlage der österreichischen Schmiede BSL nennt sich Rainbow Down Under und hat eine EG-Betriebserlaubnis. Wie kann das sein? Harley-Mann Kai Höcker von HD Hannover ist der Schöpfer des Bikes und entschuldigt den Krawall: "Die Einsätze sind auf einer Probefahrt rausgefallen, sorry." Mit eingeschraubten Dämpferelementen sei die Anlage zwar dumpfer und kräftiger als das Serienpendant, aber absolut legal. Wobei wir beim Thema sind: Customizing und Tuning im Cruiserbereich. "Geschätzte 80 Prozent unserer Kunden rüsten ihre Harley mit einer Zubehörauspuffanlage um", resümiert Kai Höcker. Dabei geht es nicht nur um einen kräftigeren Klang, sondern auch um die Optik. Die Nachfrage nach mehr Leistung oder Hubraum ist gering. Kann aber aus dem Harley-Regal durchaus bedient werden: Auf Basis des Twin Cam 96-Motors sind 1800 Kubik drin. Wer aus dem Vollen schöpfen will, für den bietet Harley einen 120 Kubikinch-Motor mit 1962 cm³ für rund 6500 Euro an. Mit zusätzlich benötigten Teilen wie Ansaugbrücke, Luftfilter oder Kabelbaum ist man da schnell bei 8000 Euro. Spezialisten wie Günther Sohn aus Walsheim (www.gr-sohn.com) in der Pfalz holen bis zu 120 PS aus dem 96er-Motor, wobei dieser dafür auf 1920 Kubik aufgebohrt wird.

Doch nicht Höchstleistung zählt in diesem Segment wirklich, es ist eher die Optik. „Bis vor fünf, sechs Jahren rannten uns die Kunden die Bude ein mit dem Wunsch nach Breitreifen“, sagt Kai Höcker stellvertretend für viele Harley-Händler. Mittlerweile hat der Hersteller reagiert und die Serienbereifung vieler Modelle vergrößert - 200er oder 240er Schlappen sind bei einigen Modellen mittlerweile ab Werk Standard. Auf der Green Flame rotiert hinten ein 280/40er auf einer 20-Zoll-Felge. Vorn beließen es die Hannoveraner beim 130/60er, der allerdings auf eine 23 Zoll große Felge gespannt ist. Wie fährt sich so etwas?

Gang rein in der Tiefgarage. Schon beim Umzirkeln der Betonpfeiler ist man verwundert. Die irgendwie erwarteten fahrdynamischen Eigenschaften einer Dampfwalze bleiben aus. Überraschend locker und zielgenau schwingt sich die Maschine gen Ausgang und 20 Minuten später durch die Kurven. Sicherlich lässt sich der Breitreifen nicht wegdiskutieren, aber er ist kein überzeugter Schräglagenfeind. Die problemlose Fahrbarkeit trotz Riesenrad ermöglicht der Schwingenkit vom Spezialisten Ricks in Baden-Baden (www.ricks-motorcycles.de). Mithilfe dieser einzigartigen Konstruktion kann ein extrem breiter Reifen ohne die bisher obligatorischen Rahmenänderungen und den Versatz von Getriebe und Primärtrieb verbaut werden. In Verbindung mit einer speziellen Nabe läuft das Hinterrad nach dem Umbau wieder exakt in der Spur mit dem Vorderrad - was bei vielen Extremumbauten technisch oft nicht mehr möglich war. Weiterer Vorteil: Die Schräglagenfreiheit ab Werk bleibt erhalten. Obwohl: Darum geht es beim Cruisen auch nicht.

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Gut rüberkommen, lässig sitzen und satter Klang sind das A und O. Nach diesen Kriterien ist die Green Flame ein Hauptgewinn, für den man mit 47 500 Euro allerdings auch tief in die Tasche greifen muss. Viele Details, wie die im Tank versenkte Anzeige, die aufwendige Airbrush-Lackierung, die aus den Vollen gefrästen Fünfspeichenräder, die gestickte Sitzbank oder zusätzliche Gimmicks wie das pneumatisch absenkbare Heck, begründen den Preis.

Bei Letzterem wird das Luftfederbein über einen kleinen Kompressor aufgepumpt. Das sogenannte Air-Ride-System dient allein der Optik: Ohne Luft im Federbein ist die Maschine hinten derart tief gelegt, dass der Kotflügel nahezu auf dem Reifen aufliegt. Fahren ist so unmöglich. Im aufgepumpten Zustand darf man allerdings auch nicht viel Komfort erwarten - wer ein Euro-stück überrollt, weiß sofort ob Adler oder Zahl oben lag. Aber auch das ist hier nicht wirklich wichtig. Denn wie heißt es doch? Wer schön sein will, muss leiden.Wer schön fahren will ebenso.

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Umbaumaßnahmen

  • Basis: Harley-Davidson Softail Night Train, Baujahr 2009
  • Auspuffanlage: BSL Rainbow Down Under 2100 Euro
  • Gabelbrücke: Müller Bob Style FXST mit fünf Grad Versatz 850 Euro
  • Schwinge: Ricks 4950 Euro
  • Stoßdämpfersystem  hinten: Legend Air 2150 Euro
  • Rad vorn: Ricks Rodder 3,5 x 23" 2400 Euro
  • Reifen vorn: Avon 130/60 185 Euro
  • Rad hinten: Ricks Rodder 10,5 x 20" 2700 Euro
  • Reifen hinten: Avon 280/40-20 420 Euro
  • Tankverlängerung: Ricks 629 Euro
  • Hinterradbremse: Ricks 950 Euro
  • Airbrush: Dannys 3500 Euro
  • Sitzbank: Leder, gesteppt 1000 Euro
  • Heck: Ricks 1100 Euro

Insgesamt sind Teile im Wert von zirka 23 000 Euro verbaut worden. Zuzüglich der Arbeitskosten und des Basismaschinenpreises repräsentiert das Fahrzeug einen Wert von rund 47 500 Euro.

Anbieter
Harley-Davidson Hannover GmbH, Grambartstr. 27, 30165 Hannover, Tel. 05 11/3 50 36 72, www.hd-hannover.de

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