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Harley-Davidson Street 750 im Test Baby-Harley für die junge Generation

Harley steht seit Jahren auf der Gewinnerseite der deutschen Zulassungsstatistik. Doch ein bezahlbares Modell für die junge Generation fehlte bisher. Die Harley-Davidson Street 750 soll diese Lücke nun schließen.

An diesem Montagnachmittag hat es die Straßen der spanischen Hauptstadt besonders fies erwischt. Ununterbrochen hupen Busse, Roller, Autos und Motorräder durcheinander. Die Ampeln in Madrid sind allesamt ausgeknipst. Aufgeregte Verkehrspolizisten gestikulieren wild und ohne erkennbaren Zweck auf den Kreuzungen umher, versuchen mit exzessiver Nutzung ihrer Trillerpfeifen, die ohrenbetäubende Geräuschkulisse zu dominieren. Doch für eine Lösung des Chaos ist es längst zu spät. Die Blechkarossen stehen still, nur Einspurfahrzeuge manövrieren sich noch zäh zwischen Außenspiegeln hindurch.

Normalerweise wünscht man sich als Mopedfahrer in dieser Situation alles andere als eine Harley-Davidson herbei. Diese Männer-Motorräder verhindern durch ihre schiere Masse, üppige Verkleidungen und ausladende Lenker ein flinkes Durchstochern durch die Autokorsos. Aber wie gesagt: normalerweise. Bisher gab es ja auch noch keine aktuelle Harley, die nur 222 Kilogramm auf die Waage brachte. Das ändert sich nun mit der Harley-Davidson Street 750.

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Kinderleichtes Handling und ungetrübtes Harley-Feeling?

Die neue Harley-Davidson Street 750 soll fortan den Kompromiss zwischen kinderleichtem Handling und ungetrübtem Harley-Feeling schließen. Mit einem neuen, wassergekühlten 750-Kubik-V2-Motor, gemäßigtem Radstand von 1534 Millimetern und einer rückenschonenden, aufrechten Sitzposition deutet die genetische Grundausstattung klar auf eine erfolgreiche Umsetzung dieses Vorhabens hin. Wer als echter Fan der Milwaukee-Schmiede nun eine weich gespülte Baby-Harley vor Augen hat, liegt nicht gänzlich falsch. Wachstum erfordert eben neue Märkte.

Und da die Kundschaft in der Vergangenheit überwiegend älter und gut verdienend war, muss nun etwas für die junge Generation mit Hornbrille und wenig Zaster auf der Bank her. Entsprechend dürfte sich das Lastenheft der Harley-Davidson Street 750 gelesen haben: nicht zu schwer, nicht zu teuer, nicht zu kräftig, dafür aber echtes Harley-Davidson-Gefühl und urbane Durchschlängel-Qualitäten. Das Endergebnis darf die Fachwelt nun im Verkehrsinfarkt Madrids ausprobieren, was zur Herausforderung für Ross und Reiter avanciert! Denn diese Harley ist alles andere als gewöhnlich. So wird die Street 750 nicht in den USA, sondern komplett in der indischen Stadt Bawal, 100 Kilometer südwestlich von Neu-Delhi, zusammengebaut. Ob das funktionieren kann?

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Eine echte Harley, die aus Indien kommt?

Eine echte Harley, die aus Indien kommt? Im Stadtverkehr verhält sich der wassergekühlte V-Twin der Harley-Davidson Street 750 zunächst erfreulich zurückhaltend. Das mit maximal 60 Newtonmetern vorantreibende Aggregat hängt ­manierlich am Gas, erfordert keine feinmotorische Handakrobatik, um kontrolliert vorwärtszurollen. Zudem drückt der Twin auf den ersten Metern nicht dermaßen vehement vorwärts, dass man es mit der Angst zu tun bekäme. Schade, dass dieser positive Aspekt im kalten Zustand von einer stark rupfenden Kupplung beeinträchtigt wird. Das gehört sich für ein Neufahrzeug mit gerade einmal 200 Kilometern auf der Uhr schlichtweg nicht.

Leider bleibt es nicht der einzige Kritikpunkt: Das gefahrene Exemplar fällt unangenehm mit einer verspannten Gabel auf. Lässt der Fahrer den Lenker bei langsamer Fahrt los, geht’s ruck, zuck rechts in Richtung Straßenrand. Die Streets anderer Journalisten fahren hingegen stabil geradeaus. Ob das Qualitätsmanagement in Indien noch Nachholbedarf hat? Es scheint so, denn auch das prinzipiell gut abgestufte Sechsganggetriebe lässt sich beim Schaltvorgang gern häufiger bitten, bis es den gewünschten Gangwechsel vornimmt. Eine zum Vergleich gefahrene Harley-Davidson Street 750 eines Kollegen überzeugte überraschenderweise mit klarer Rastung und kurzen Schaltwegen.

Flacher Tank mit einem Fassungsvermögen von gut 13 Litern

Was an allen Exemplaren verbesserungswürdig erscheint: Der Harley-Davidson Street 750 fehlt es an federbelasteten Fußrasten, die bei Berührung stets in die vorgesehene Position zurückschnalzen. Bei der Street klappt man die Rasten beim Versuch, die Füße auf diesen abzustellen, regelmäßig mit dem Hosenbund hoch und muss sie dann – zwangsläufig – manuell zurückklappen. Auf Dauer ein ziemlich ermüdendes Geschäft.

Im Gegensatz dazu gibt es an der Ergonomie der Harley-Davidson Street 750 nichts zu meckern. Klar, dass der flache Tank mit einem Fassungsvermögen von gut 13 Litern genretypisch etwas breiter baut und die Beine leicht auseinanderspreizt. Doch das geht in Ordnung und ermöglicht mit dem in angenehmer Höhe platzierten, schmalen Lenker eine langstrecken-taugliche, aktive Sitzposition. Und jene lässt sich tatsächlich ausnutzen: Spielerisch navigiert man sich mit der 750er an den Außenspiegeln vorbei auf die Pole Position, direkt vor die pfeifenden Verkehrspolizisten. Dank großen Lenkeinschlags gelingen auch kurzfristige Kurskorrekturen in die nächste freie Lücke mit erfrischender Leichtigkeit. Nicht weniger flott als die spanische Rollerfraktion entkommt man so nach und nach dem städtischen Tumult und flüchtet sich ins spanische Hinterland. Nun kann der zurückhaltend vor sich hin pöttelnde V2 zeigen, was in ihm steckt.

An Leistung und Laufkultur mangelt es der Harley-Davidson Street 750 nicht

Also runter in den zweiten Gang geschaltet und einfach mal das Gas stehen lassen, bis der Begrenzer bei 8000 Umdrehungen eingreift. Man ist verblüfft, wie kernig die Fuhre vorwärtsgeht. Die versprochenen 56 Pferdchen nimmt man dem Aggregat sofort ab. Die Leistung steigt nicht nur angenehm linear an, sondern überzeugt drehmomentseitig mit einer bulligen Mitte. Das Maximum von 60 Newtonmetern bei 4000 Touren klingt vielleicht nicht nach einem Power-Bike, subjektiv schiebt der Dreiviertelliter die Harley-Davidson Street 750 aber jederzeit kräftig voran und zeigt dabei eine unerwartete Drehfreude. Dass der Motor selbst bei hoher Drehzahl nicht unanständig vibriert, beweist, dass die Harley-Ingenieure mit diesem Triebwerk einen Volltreffer gelandet haben

An Leistung und Laufkultur mangelt es der Harley-Davidson Street 750 auf jeden Fall nicht. Eher an einer engagierten Vorderradbremse. Sie benötigt hohe Handkräfte und neigt nur bei ganz heftigen Digitalbremsungen zum Blockieren des Vorderreifens (Michelin Scorcher 11). Ein ABS gibt es bis zum Jahr 2016 nicht. Die Hinterradbremse verrichtet ihren Job auf jeden Fall besser. Das kann man auch vom Fahrwerk behaupten. Die Gabel besitzt zwar nur wenig Dämpfung, bügelt Bodenwellen und Querfugen aber ordentlich weg. Die Stereofederbeine fügen sich harmonisch in dieses Bild ein und machen entspanntes Cruisen ohne besorgniserregende Auffälligkeiten möglich. Selbst bei Geschwindigkeiten oberhalb von 120 km/h und schlechter Fahrbahnqualität bleibt das Motorrad stabil auf Kurs. Das kann sich sehen lassen.

Primär für Schwellenländer wie Thailand oder Brasilien konzipiert?

An der Verarbeitungs- und Materialqualität muss allerdings auf ganzer Linie nachgearbeitet werden. Spätestens hier wird deutlich, dass die Harley-Davidson Street 750 primär für Schwellenländer wie Thailand oder Brasilien konzipiert wurde. Die Mängelliste reicht von ungeschützten Steckerverbindungen, sichtbar verlegten bunten Kabeln, nicht entgrateten Metallteilen, milchig angelaufenen Scheinwerfergläsern bis hin zu unschönen Schweißnähten. Klar, von einer günstigen Harley, die in Fernost produziert wird, sollte man nicht die hohen europäischen Qualitätsstandards erwarten.

Aber erstens beweisen Hersteller wie KTM und Honda, was mit einem professionellen Qualitätsmanagement möglich ist. Und zweitens ist noch längst nicht ausgemacht, ob die Street wirklich so günstig zu uns kommt wie erhofft. Aus dem Umfeld des Importeurs vermutet man für Deutschland einen Preis von etwa 7800 Euro. Damit läge die Baby-Harley etwas mehr als 1000 Euro unterhalb der Iron 883. Ob sich die Harley-Davidson Street 750 für diesen Preis gut verkaufen würde, bleibt fraglich. Klar ist aber: Strebt Harley mit der Street den gleichen Erfolg an wie Honda mit der NC-Baureihe oder Yamaha mit den MT-Modellen, müssen sie sich ranhalten. Der Motor, das Fahrwerk und die guten Handling-Eigenschaften bieten ohne Zweifel eine gute Basis für ein attraktives Einstiegsmodell. Beim Finish muss man in Indien allerdings noch eine große Schippe drauflegen.

Technische Daten

Harley-Davidson Street 750

Motor: Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-60-Grad-V-Motor, je eine obenliegende, kettengetriebene Nockenwelle, vier Ventile pro Zylinder, Einspritzung, Ø 38 mm, Batterie 12 V, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Zahnriemen.

Bohrung x Hub: 85,0 x 66,0 mm

Hubraum: 749 cm³

Verdichtungsverhältnis: 10,5:1

Nennleistung: 41 kW (56 PS) bei 8000/min

Max. Drehmoment: 60 Nm bei 4000/min

Fahrwerk: Rohrrahmen aus Stahl, Telegabel, Zweiarmschwinge aus Stahl, zwei Federbeine, Scheibenbremse vorn, Ø 300 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 292 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel.

Alu-Gussräder: 2.50 x 17; 3.50 x 15

Reifen: 100/80 R 17; 140/75 R 15

Maße und Gewichte: Radstand 1534 mm, Lenkkopfwinkel 58,0 Grad, Nachlauf 115 mm, Federweg v/h k. A., Sitzhöhe 709 mm, Gewicht fahrfertig 222 kg, Tankinhalt 13,1 Liter.

Garantie: zwei Jahre

Farben: Dunkelrot, Mattschwarz, Schwarz

Preis: k. A.

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