Im Test: Harley-Davidson XR 1200 X Harley-Davidson XR 1200 X: viel V2-Charisma

Die XR 1200 X ist Harley-Davidsons bislang konsequentester Beitrag zum Thema Naked Bike. Dazu ein Schuss Sport, ein wenig Tradition und ganz viel V2-Charisma.

Foto: Gargolov

Quirlig, Wendig und Sportlich sind kaum Attribute, die man gemeinhin mit einer Harley-Davidson verbindet. Zur XR 1200 X passen sie aber: Mit 91 PS und 100 Nm ist sie landstraßentauglich motorisiert. Ihre voll einstellbaren Federbeine bieten zwar wenig Federweg, doch arbeiten sie ehrlich und direkt. Weit hinten liegende Fußrasten signalisieren "Angriff"; der breite Lenker deutet allerdings eher auf gemütliches Cruisen hin. Zu diesem Kompromiss spielt der luftgekühlte V2-Motor das entspannte Lied von der Souveränität: Geschmeidig stampft er durch die Drehzahlskala, wechselt dabei die Tonlage vom kernigen Bass in einen melodiösen Tenor und macht zu keiner Zeit einen Hehl aus seiner Herkunft: Good Vibrations will an einer Harley-Davidson niemand missen. Dass die XR sich immer mächtig, jedoch niemals hektisch anfühlt, verdankt sie großen Schwungmassen.

Die allerdings sorgen auch dafür, dass der Motor beim Gaswegnehmen ungewohnt lange nachläuft. Kurven wollen gut geplant und im richtigen Tempo angegangen sein. Auf Bremsen in Schräglage reagiert die Harley nämlich recht empfindlich und stellt sich auf. Dank ordentlich rastender Gänge ist es ein Vergnügen, früh herunterzuschalten; die vordere Bremse verlangt eine zupackende Hand. Dann leicht Gas anlegen, mit wohldosiertem Nachdruck einlenken und den Bogen unter Zug fahren. Der Zahn-riemenantrieb hält die Lastwechselreaktionen dabei erfreulich klein. Wer zu viel Schräglage abruft, schickt in Rechtskurven die unnachgiebigen Krümmer auf Asphaltkontakt. Extreme sind eben nicht das Metier der XR 1200 X.



Kurzurteil:
Positiv

  • Kräftiger, souveräner Motor
  • Ordentliches Fahrwerk
  • Pflegeleichter Riemenantrieb
  • Für eine Harley preiswert
  • Klassisches, massives Erscheinungsbild


Negativ

  • Krümmer setzt früh auf
  • Gewöhnungsbedürftiges Kurvenverhalten
  • Tacho und Kontrollleuchten schwer ablesbar
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Foto: Archiv

Technische Daten

Die Daten:
Motor Zweizylinder-Viertakt/V
Hubraum 1202 cm³
Kraftübertragung Fünfganggetriebe/Riemen
Leistung 67 kW (91 PS) bei 7000/min
Max. Drehmoment 100 Nm bei 3700/min
Bremse vorn Doppelscheibe (Ø 292 mm)
Bremse hinten Scheibe (Ø 260 mm)
Reifen vorn 120/70 ZR 18
Reifen hinten 180/55 ZR 17
Federweg vorn/hinten 125/89 mm
Tankinhalt 13,3 Liter, Super
Farbe Schwarz
Wartungsintervalle 8000 km
Preis 12 220 Euro inkl. Nebenkosten

Die Messwerte:
Höchstgeschwindigkeit (Werksangabe) 200 km/h
Beschleunigung 0−100 km/h 4,2 sek
Durchzug 60−140 km/h 9,4 sek
Gewicht vollgetankt 263 kg
Zuladung 176 kg
Verbrauch Landstraße 5,4 l/100 km

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Foto: Archiv

Fazit

In der Stadt:
Natürlich ist man mit einer Harley-Davidson auch auf der Flaniermeile immer gut angezogen. Im Stop-and-go-Verkehr von Ampel zu Ampel ermüden die Arme jedoch rasch, und die Sitzposition bietet wenig Komfort. Durchschlängeln will mit so viel Schwermetall wohl überlegt und geübt sein.

Auf der Landstraße:
Klarer Fall, hier gehört sie hin: Der kräftige, schaltfaul fahrbare Motor, das ordentliche Fahrwerk und die angriffslustige Sitzhaltung sind genau das Richtige für weit geschwungene Überlandstraßen. Enges Geschlängel mag die XR 1200 X weniger, schlägt sich aber auch in Serpentinenkehren manierlich.

Auf der Autobahn:

Wenn sie muss, dann kann sie. 200 km/h Spitzengeschwindigkeit wird jedoch kaum jemand länger auskosten wollen; ohne Windschutz am breiten Lenker liegt das Wohlfühltempo deutlich niedriger. Der druckvolle Motor ist die Trumpfkarte beim Überholen; vorbildlicher Geradeauslauf.



Abschluss-Zeugnis
Motor:

Die große Stärke der Harley ist ihr kerniger V2. Seine Lebensäußerungen lassen die Beschleunigung mächtiger wirken, als die Stoppuhr messen kann.
4 von 5 Sternen

Fahrwerk:

Gabel und Federbein arbeiten zwar etwas unharmonisch, dank relativ kompakter Geometrie fährt sich die Harley aber neutral.
3 von 5 Sternen

Bremsen:

Weil die XR 1200 X recht schwer ist, verzögert die Zweischeibenbremse vorn eher mäßig und braucht viel Handkraft. ABS gibt es nicht.
2 von 5 Sternen

Ausstattung:

Die Beschränkung auf das Nötige wird dem Charakter der XR gerecht; ordentliche Verarbeitung und einstellbare Federbeine geben Punkte.
3 von 5 Sternen

Komfort:

Direkt, ehrlich, herzlich: Wer eine Sänfte will, braucht ein anderes Motorrad. Wer Action sucht, ohne sich quälen zu müssen, wird hier fündig.
2 von 5 Sternen

Einsteigertauglichkeit:

Ein gutmütiges Motorrad dank kontrollierbarer Leistungsentfaltung. Das Fahrwerk ist mit etwas Erfahrung jedoch besser zu genießen.
3 von 5 Sternen

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