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Motorräder mit Seele: italienische Custombikes Headbanger Motorcycles im Test

Motorräder mit Seele - die italienische Custombike-Schmiede Headbanger Motorcycles will mit einem einzigartigen Mix Zweiräder bauen, die den Menschen lang vermisste Gefühle zurückgeben. Was und wer steckt dahinter?

Es ist frisch an diesem sonnigen Aprilmorgen in Rovato, 50 Kilometer westlich des Gardasees. Ein Dutzend Motorräder steht aufgereiht glitzernd in der Sonne. Hoch über ihnen schwebt die Fahne des Herstellers: Headbanger Motorcycles. Es sind auffällige Bikes, farblich wie handwerklich. Custombikes, an denen man Plastik so vergeblich sucht wie überdimensionierte Schalldämpfer oder -Einspritzanlagen. Letzteres ist die Crux in diesen Tagen der Euro-3-Restriktionen, in denen fast alles von der Armada kleiner elektronischer Helferlein kommandiert wird. Die Custombikes sind allesamt mit hubraumstarken, luftgekühlten V2-Antrieben -renommierter amerikanischer Motorenschmieden wie S & S oder RevTech ausgerüstet und leisten zwischen 60 und 85 PS. Sie atmen ein durch altbackene Vergaser und aus durch puristisch anmutende Auspuff-Anlägelchen, in denen sich ein oder zwei ungeregelte Katalysatoren darum bemühen, nicht nur Schadstoffe, sondern -irgendwie auch den Schall zu reduzieren …

Start. Rovato erstarrt. Gefühlte 400 Liter Hubraum pumpen. Blätter rieseln, Fensterläden klappen. „100 dB bei 3000/min“ steht eingeschlagen auf einigen Typenschildern der Motorradrahmen, die der szenebekannte Hersteller Penz aus Österreich zuliefert. Luciano Andreoli, technischer Kopf bei Headbanger Motorcycles, schlendert an seinen Babys vorbei und gibt einigen Jungjournalisten Tipps, wie man mit einem Bauteil namens Choke umgeht. Der 48-Jährige, der als volltätowiertes, italienisches Bruce-Willis-Double Karriere machen würde, steht da wie ein Monument. Was er sagt, das glaubt man ihm.

Und er erzählt mitunter Dinge, die sich wie ein modernes Märchen anhören. Beispielsweise die Story seiner Firma Headbanger Motorcycles, die es erst seit drei Jahren gibt. Bis dahin hatte Luciano mit den Motorrädern seiner kleinen Manufaktur bereits ein paar beachtenswerte Preise auf internationalem Terrain gewonnen, war kein unbeschriebenes Blatt und in Italien szenebekannt. Eines Tages, er sei ins Schrauben an einem Motorrad vertieft gewesen, betrat ein grauhaariger, graubeanzugter Mann seine Werkstatt, stellte sich neben ihn und sagte, er habe einen Traum, den er zusammen mit Luciano erfüllen wolle. Der Traum von Headbanger-Bikes. Der Mann heißt -Giorgio Sandi. Ein Mann mit intensiven Träumen. Ein Mann mit dickem Portemonnaie. Einer, der genau weiß, was er will.

Abfahrt: Getrieberäder verheiraten sich, das Donnergrollen schwillt zum Inferno an, die Headbanger-Armada kehrt Rovato den -Rücken. Räder rumpeln über kleine Wege, minimale Federwege und puristische Schwingsättel berichten den Fahrern gefühlsecht über die Beschaffenheit norditalienischer Bodenbeläge. Durch ihre magere Abstimmung wollen die Motoren ohne Choke anfangs nicht recht rundlaufen.

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Foto: Hersteller
Headbanger Motorcycles Modell Gypsy Soul: Old-School-Chopper. Softail-Rahmen; S&S-Shovelhead-Motor; 1530 Kubik; 41er-Springergabel; Räder: 21 Zoll vorn, 16 Zoll hinten; 660 mm Sitzhöhe; 233 kg Trockengewicht; ab 21322 Euro.
Headbanger Motorcycles Modell Gypsy Soul: Old-School-Chopper. Softail-Rahmen; S&S-Shovelhead-Motor; 1530 Kubik; 41er-Springergabel; Räder: 21 Zoll vorn, 16 Zoll hinten; 660 mm Sitzhöhe; 233 kg Trockengewicht; ab 21322 Euro.

Egal, ob von RevTech oder S & S - die ersten -Minuten der Reise bestimmt nicht nur das Donnergrollen, sondern auch das Spotzen der Motoren im Schiebebetrieb. Oder das Absterben von Motoren an roten Ampeln. Hier muss der Mensch noch wissen, was das mechanische Herz unter ihm gerade braucht zum Glücklichsein. Mehr oder weniger Gas, mehr oder weniger Choke.

Das -Motorrad lebt. Man hört und fühlt es. Genau darum geht es Sandi in seinen Träumen: um Leben. Um Seele. „Motorradfahren ist extrem emotional“, sagt Giorgio Sandi. „Man muss riechen, schmecken, fühlen, hören und sehen“, betet er Luciano an jenem Tag vor und hält ihm die Idee -einer Motorradschmiede vor die Nase: ameri-kanische Motoren, italienisches Design, -Baukastensystem. Sandis grobe Skizzen inspirieren alle. Er holt einen der besten Airbrusher mit ins Boot, findet eine Werbeagentur mit Benzin im Blut, eine Brauerei, die sein „Headbanger Ale“ braut und mit Luciano einen großartigen Mechaniker, der seine zweirädrigen Träume zum Rollen bringt.

Seine Träume an jenem sonnigen Morgen bewegen zu dürfen, adelt Weicheier zu Männern und nötigt selbst abgebrühten Testfahrern ein anerkennendes Kopfnicken ab. Schwermetall kann durchaus handlich sein. Trotz optischer Imposanz und teils -dicken Vorderrädern lassen sich die Headbanger lässig bewegen und wegen ihren durchweg niedrigen Sitzhöhen auch im Stand gut rangieren. Besonders überraschend: Modelle wie Woodstock Boogie oder Gypsie Soul, denen man durch ihre Apehanger kaum mehr zutraut, als geradeaus zu fahren, geben sich vergleichsweise handlich. Was vielleicht auch mit ihren -schmalen Vorderrädern zu tun hat. Doch hier ist jeder seines Glückes Schmied. Denn das Baukastensystem ermöglicht es, von jedem der sechs erhältlichen Grundmodelle seine eigene Version zu ordern: Verschiedene Räder, Tanks, Lenker oder Gabeln zaubern aus demselben Modell ein total anderes Bike. Die Lackierung wird bei Bedarf ebenfalls auf Kundenwunsch angefertigt.

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Foto: Hersteller
Headbanger Motorcycles Modell Woodstock Boogie II:  Cruiser im Stil der 1960er-Jahre. Softail-Rahmen; S & S-Panhead-Motor; 1530 Kubik; 41er-Springergabel; Räder: 16 Zoll vorn und hinten; 600 mm Sitzhöhe; 233 kg Trockengewicht; ab 23058 Euro.
Headbanger Motorcycles Modell Woodstock Boogie II: Cruiser im Stil der 1960er-Jahre. Softail-Rahmen; S & S-Panhead-Motor; 1530 Kubik; 41er-Springergabel; Räder: 16 Zoll vorn und hinten; 600 mm Sitzhöhe; 233 kg Trockengewicht; ab 23058 Euro.

So entstehen trotz eigentlicher -Serienfertigung stets Unikate. Die technische wie optische Ausführung ist tadellos, das Resultat löst Sandis Vorgabe tatsächlich ein: große Emotionen. Hier gehts nicht mehr darum, ob das Motorrad brutal bremst oder wie schnell es beschleunigt - nebensächlich. Es geht vielmehr darum, wie viel dir das Bike auf deiner Tour -erzählt. Dazu gehört Erlebnis durch Verzicht. Denn: Windschutz - null. Komfort: gering. -Vibrationen: ordentlich. ABS, TCS: bitte? Es geht ums Motorradfahren. Ohne Netz und doppelten Boden. Wenn die Maschine dann wieder in der heimischen Garage und man selbst mit dem Bier davorsteht, schmeckt Letzteres doppelt gut.

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