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Honda CB 650 F im Fahrbericht Schmankerl für Vierzylinder-Fans

Herrje! Wann gab es das schon mal? Vier Krümmer, so wunderschön, dass sie Diebe anlocken! Ob das alles ist oder die neue Honda CB 650 F noch mehr draufhat, durfte MOTORRAD in Spanien erfahren.

Bitte keinen Aufschrei jetzt! Natürlich gab es schon mal Krümmer, die ebensolche Begehrlichkeiten weckten: Die Honda CB 400 F, die seinerzeit 1975 bis 1978 vom Band lief, war mit einer mindestens ebenbürtigen Krümmergarnitur versehen, deren vier Rohre in einen Einzelschalldämpfer mündeten. Außer dieser Gemeinsamkeit gibt es kaum Parallelen zwischen der Honda CB 650 F und der CB 400 F.

Die Unterschiede beginnen bereits bei den Geburtsorten: Während der Urahn noch in Japan vom Band purzelte, wird die neue Honda CB 650 F komplett in Thailand gefertigt. Dieser Umstand muss nicht zwingend negativ sein. Denn bei der Präsentation des neuen Modells wurden die Honda-Verantwort­lichen nicht müde, auf die außerordentlich hohe Fertigungsqualität hinzuweisen, die im Segment der günstigen Maschinen anscheinend nicht obligatorisch ist.

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Preislich auf dem Niveau einer dreizylindrigen Yamaha MT-09

Und so schleicht man denn auch um die Honda CB 650 F und muss anerkennend nicken, ohne auch nur einen Meter gefahren zu sein. Die beiden Gussräder mit ihren zierlichen Speichen sind nicht nur leicht, sondern auch schön. Was ebenso für die riesigen 320er-Bremsscheiben gilt, die im Wave-Design­ ausgeführt sind. Und während die Konkurrenz bei günstigen Produkten fast ausnahmslos auf Stahlschwingen setzt, greift man bei Honda für die CB 650 F ins Alu-Regal. Keine Frage: Nichts wirkt billig.

Leider auch nicht die Maschine: Mit 7690 Euro plus 265 Euro Nebenkosten liegt man preislich auf dem Niveau einer dreizylindrigen Yamaha MT-09. Die ist nur 300 Euro teurer, serviert aber 28 PS sowie 25 Nm mehr und wiegt 20 Kilogramm weniger. Um das ins Verhältnis zu setzen, hier kurz die Werte der 208 Kilogramm schwe­ren Honda CB 650 F: 87 PS bei 11.000/min und 63 Nm bei 8000/min. Es muss also andere Gründe geben, sich in die 650er zu verlieben. Und die gilt es zu erfahren. Auf geht’s!

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Der Knieschluss zur Honda CB 650 F ist super

Die Sitzposition ist ­typisch Honda. Nichts zwickt oder zwackt, von klein bis groß bekommen alle Fahrer ihre Beine verstaut, und der Kniewinkel ist nie extrem. Auch der Knieschluss zur Honda CB 650 F ist super, die Armaturen und Hebel sind handgerecht, alles ist an dem Platz, an dem man es wahrscheinlich selbst festgeschraubt hätte. Der Druck auf den E-Start-Knopf schreckt den Vierzylinder aus seiner Starre. Verhalten summt es aus dem Schalldämpfer, der erste Gang rastet geschmeidig in seinen Klauen ein.

Lässig führt die Strecke aus der Stadt ins spanische Hinterland, wo man dem neu konstruierten Vierzylinder der Honda CB 650 F zum ersten Mal richtig die Sporen geben darf. Dabei gehen einem folgende Dinge durch den Kopf: ­Offiziell wird die CB 650 F von Honda als Streetfighter mit guten Manieren gehandelt. Sie ersetzt die Hornet 600 in der Modellpalette und soll die Lücke zwischen der CB 500 und der CB 1000 R schließen. Im Lastenheft der Ingenieure stand: leichtfüßiges Handling, geringer Benzinverbrauch, angenehmer Drehmomentverlauf aus dem Drehzahlkeller plus echtes Vierzylinder-Feeling inklusive hoher Drehzahlen. Oh, war das alles?

Vierzylinder dreht locker bis knapp über 11.000/min

Fakt ist: Der 649 cm³ starke Motor der Honda CB 650 F nimmt in allen Bereichen sauber Gas an und wirkt auch im unteren und mittleren Drehzahldrittel nie schlapp. Wer die Brause aufreißt, wird in jeglicher Situation mit spürbarer Beschleunigung belohnt. Der Vierzylinder gibt sich äußerst elastisch und verweigert seinen Dienst auch bei niedrigen Drehzahlen nicht. Und Vibrationen? Klar gibt’s die, sie sind feinfrequent vor allen bei mittleren Drehzahlen um 5000/min vorhanden, stören aber nicht wirklich. Den gierigen Drehzahlhunger einer CBR 600 RR oder Honda Hornet 600, die beide ab 8000/min noch mal eine Extraportion Benzin ins Feuer schütten, hat der neue Vierzylinder leider nicht.

Dennoch dreht er locker bis knapp über 11.000/min, gibt sich aber betont alltagsfreundlich. Was nichts anderes bedeutet, als dass man sich auch mal verschalten darf. Selbst wer einen Gang zu hoch fährt, erlebt noch respektablen Vorwärtsdrang, denn der Motor spannt schon ab 3000/min seine Muckis. Verschalten ist aber ein gutes Stichwort: Die Gänge der auf der Präsen­tation gefahrenen Honda CB 650 F rasteten mitunter nicht perfekt. Ob es sich hier um einen Einzelfall handelt, wird man im Laufe zukünftiger Tests sehen.

Serienmäßig mit ABS aus­gestattet

Die Fahrwerksabstimmung haben die Honda-Mannen gut hinbekommen. Das direkt an der Schwinge angelenkte Federbein der Honda CB 650 F macht sowohl allein als auch zu zweit eine gute Figur, auch das Ansprechverhalten geht in Ordnung. Nur sportlich Orientierte, die es ganz zügig angehen und dementsprechend hart auf der Bremse unterwegs sind, vermissen mitunter das perfekte Feedback von vorn. Die Gabel ist sicherlich 95 Prozent aller Anforderungen gewachsen, für Extrembremser hingegen könnte sie straffer gedämpft sein. Dass solche Fahrer ihrer Leidenschaft hier überhaupt frönen können, liegt an der guten Bremsleistung der Anlage, die serienmäßig mit ABS aus­gestattet ist. Vorn verzögern zwei Doppelkolben-Schwimmsättel, die in riesige 320er-Scheiben beißen. Hinten kommt eine 240er-Scheibe zum Einsatz. Wie bereits bei den NC-Modellen eingeführt, werden in einem Arbeitsgang je eine vordere und hintere Bremsscheibe aus einer Edelstahlplatte gestanzt. Was die Produktionskosten natürlich mindert.

Zigarettenpause. Gern umrundet man die Maschine nochmals und entdeckt mitunter neue Details, die mit Liebe zum Bike oder aus logischer Konsequenz geboren wurden. Beispielsweise wirkt der Motor recht clean, der Kühlkreislauf kommt mit wenigen Schläuchen aus. Sowohl im Frontscheinwerfer (Positionslicht) als auch im Rücklicht werden langlebige LEDs verbaut. Und auch der Stahlrahmen wirkt mit seinen ovalen Hauptrohren nicht billig. Der kleine Vier­zylinder macht Laune, da sind sich die Journalisten einig. Ob er sich mit diesem Preis im Reigen der günstigen Bikes durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Doch um nicht zu unken oder zweizylindrige Äpfel mit vier­zylindrigen Birnen oder dreizylindrigen Orangen zu vergleichen: Für einen Vierzylinder-Fan wird die Honda CB 650 F ein Schmankerl bleiben. Und das liegt nicht nur an den wunderschönen Krümmern.

Foto: Werk
Honda CB 650 F im Fahrbericht.
Honda CB 650 F im Fahrbericht.

Technische Daten

Honda CB 650 F

Motor: Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 32 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 343 W, Batterie 12 V/9 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 42:15.

Bohrung x Hub: 67,0 x 46,0 mm
Hubraum: 649 cm³
Verdichtungsverhältnis: 11,4:1
Nennleistung: 64,0 kW (87 PS) bei 11.000/min
Max. Drehmoment: 63 Nm bei 8000/min

Fahrwerk: Brückenrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 41 mm, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Federbein,
direkt angelenkt, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Doppelkolben-Schwimmsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Einkolben-Schwimmsattel, ABS.

Alu-Gussräder: 3.50 x 17; 5.50 x 17
Reifen: 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17

Maße+Gewichte: Radstand 1450 mm, Lenkkopfwinkel 64,5 Grad, Nachlauf 101 mm, Federweg v/h 120/128 mm, Sitzhöhe 810 mm, Gewicht vollgetankt 208 kg, zulässiges Gesamtgewicht 396 kg, Tankinhalt 17,3 Liter.

Garantie: zwei Jahre
Farben: Gelb, Schwarz, Silber, Tricolor (Blau/Weiß/Rot)
Preis: 7690 Euro
Nebenkosten: 265 Euro

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