Premiere Honda Crossrunner Der neue Sporttourer von Honda

Man nehme einen etwas in die Jahre gekommenen Sporttourer, verpasse ihm lange Beine und eine pfiffige Optik, voilà: Fertig ist das Funbike. Funktioniert das simple Konzept der Honda Crossrunner?

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Wiederverwertung ist in. Egal, ob es um Papier, den Sonntagsbraten oder Ex-Minister zu Guttenbergs Doktorarbeit geht, in allen Bereichen wird kräftig zweitverwertet.

Die Motorrad-Branche macht hier keine Ausnahme. Jüngstes Beispiel: die Honda Crossrunner. Antrieb und Chassis des Funbikes wurden weitgehend unverändert von der VFR 800 übernommen. Lediglich am Motor besserten die Japaner nach: Längere und dünnere Ansaugtrichtern sowie Modifikationen an der Auspuffanlage sollen das Drehmomentloch der VFR bei 4000/min ausgemerzt haben.

Die Kunst guter Wiederverwertung besteht jedoch darin, Altes mit Neuem zu kombinieren. So verpasste Honda der Neuen ein Fahrwerk mit langen Federwegen (vorne 165, hinten 145 Millimeter) und peppte die Optik gründlich auf. Bei der Formgebung der in Weiß, Rot oder Schwarz erhältlichen Verkleidung orientierte sich Hondas Chefdesigner Teofilo Plaza an einem Jet-Ski. Ungewöhnlich. Auch ansonsten fällt die Crossrunner konzeptionell etwas aus dem Rahmen. Die Modellbezeichnung lehnt sich an den Roadrunner an, einen rasanten, leicht überdrehten Zeichentrickvogel, der vermutlich keine Drogenkontrolle bestehen würde. Ähnlich wie der Amphetamin-Vogel soll auch die Crossrunner gute Laune verströmen.

Tatsächlich überspannt bereits nach den ersten Metern auf der hochbeinigen Japanerin ein breites Grinsen das Pilotengesicht. Die Crossrunner entpuppt sich als echter Spaßbringer und macht genau das, was der Pilot von ihr möchte. Besonders das Handling des 238-Kilo-Brummers sorgt für gute Stimmung. Auf den kleinsten Zug am hässlich verkleideten Lenker fällt die Honda neutral in Schräglage und folgt mühelos der anvisierten Linie. Nicht zuletzt ein Verdienst der neu entwickelten Pirelli Scorpion Trail, deren Kontur speziell auf die Crossrunner abgestimmt wurde. Das Gripniveau der Multi-Compound-Reifen geht in Ordnung, auf glatten Straßenabschnitten bricht aber bisweilen das Hinterrad aus.
Die langen Federelemente sprechen gut an, bügeln feinfühlig über Asphaltflicken und verwöhnen den Piloten mit viel Komfort. Sah beim Roadrunner immer viel ungemütlicher aus.

Allerdings halten sich die Einstellmöglichkeiten des Fahrwerks sehr in Grenzen. Am Federbein sind Zugstufe und Federbasis variabel, die Gabel muss der Pilot so nehmen, wie sie ist. Auf Landstraßentouren ist das kein Problem, doch wenn es sportlich zur Sache geht, kommt viel Bewegung in den Straßen-Jet-Ski.

Die Dreikolben-Schwimmsättel-Bremse bietet passend dazu landstraßengerechten Biss und gute Dosierbarkeit. Auch das C-ABS überzeugt mit feinen Regelintervallen, greift aber recht früh ein.

Der 90-Grad-V-Vierzylinder aus der VFR 800 macht seine Sache in der Crossrunner ausgesprochen gut. Akustisch zurückhaltend tritt er bereits ab 2000/min kräftig an, zieht linear durchs Drehzahlband, ändert dann bei knapp 7000/min plötzlich die Klangfarbe und brüllt 1000 Umdrehungen später hemmungslos mit durchaus sportlichem Ehrgeiz vorwärts. Diese Kojote-im-Schafspelz-Vorstellung entsteht durch die variable Ventilsteuerung V-Tec und bietet dem Piloten zwei komplett unterschiedliche Motorcharakteristiken. Beim Wochenendtrip mit der Freundin verwöhnt die Honda mit butterweichem Leistungseinsatz, gut kontrollierbarer Power und dezentem Blubbern aus dem Edelstahlendtopf, beim Angasen auf der Hausstrecke nach Feierabend bietet sie aggressiven Sound und fetten Vorwärtsschub. Neben dem Spaßfaktor hat die akustische Zweiteilung noch einen weiteren Vorteil: Sie hilft die Drehzahl des V-Motors einzuschätzen. Eigentlich sollte der digitale Drehzahlmesser diese Aufgabe übernehmen. Dieser ist im weit oben positionierten Cockpit aber sehr schlecht ablesbar. Vielleicht hätte Honda besser auch hier das VFR-Teil wiederverwertet.

PS-Urteil


Die Crossrunner ist ein gelungenes Funbike für Jedermann. Über die Optik lässt sich streiten, aber das tolle Handling und der Motor mit den zwei Gesichtern machen richtig Spaß. Vor allem aber fährt sie sich sehr unkompliziert. Aufsitzen, losfahren, wohlfühlen. Gut gemacht, Honda.

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Technische Daten

Antrieb
Vierzylinder-90-Grad-V-Motor, 4 Ventile/Zylinder, 74,9 kW (102 PS) bei 10 000/min*, 73 Nm bei 9500/min*, 782 cm3, Bohrung/Hub: 72,0/48,0 mm, Verdichtung: 11,6:1, Zünd-/Ein-spritzanlage, 36-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbad-Kupplung, Sechsgang-Getriebe, Kette

Fahrwerk
Leichtmetall-Brückenrahmen, Lenkkopfwinkel: 64,6 Grad, Nachlauf: 96 mm, Radstand: 1464 mm, Ø Gabelinnenrohr: 43 mm, Federweg v./h.: 165/145 mm

Räder und Bremsen
Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17"/5.50 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 180/55 ZR 17, 296-mm-Doppelscheibenbremse mit Dreikolben-Schwimmsätteln vorn, 256-mm-Einzelscheibe mit Dreikolben-Schwimmsattel hinten, C-ABS

Gewicht (vollgetankt)
238 kg* Tankinhalt: 21,5 Liter Super

Grundpreis
10 790 Euro (zzgl. NK)*

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