Husqvarna 500 GP Racer Husqvarnas Racebike vor über 80 Jahren

Husqvarnas angekündigte Neuheit, die zweizylindrige 900 Nuda, sorgt für Aufsehen. Kaum jemand weiß jedoch, dass die Schweden bereits vor über 80 Jahren starke, im Rennsport erfolgreiche V-Twins gebaut haben. Ein Blick zurück.

Foto: Nakamura

Was haben uns die Schweden schon gebracht? Ikea, Volvo und Saab natürlich. Zweiradfans denken zuerst an Husqvarna, dabei vor allem an zweitaktende, später auch viertaktende Enduros und Crosser, die der Marke zu ruhmreichen, sportlichen Erfolgen verholfen haben. 21 Enduro-, vier Motocross- und fünf Supermoto-Weltmeistertitel kann Husqvarna vorweisen. Und nun, so die landläufige Meinung, bringen die Schweden mit dem radikal gestylten Supermoto-Streetfighter Nuda 900 erstmals ein Zweizylinder-Bike.

Erstmals? Mitnichten. Wer in der Historie der bereits 1689 gegründeten Firma, die zunächst Waffen, später auch Haushaltsgeräte herstellte, stöbert, stößt schnell auf die weitgehend unbekannte Bedeutung, welche die Schweden im Motorradbau für sich beanspruchen können. Bereits 1903 entsteht das erste Motorrad in der kleinen namensgebenden Stadt zwischen Malmö und Stockholm, mit einem Einzylindermotor des belgischen Herstellers FN. 1920 wird ein eigenes Motorenwerk gegründet, wo zunächst ein 50-Grad-V2-Motor mit 550 cm³ gebaut wird, der stark den Harley- und Indian-Motoren ähnelt. 1929 schließlich tritt ein neuer Chefingenieur seinen Dienst an, der bald für reichlich frischen Wind sorgen wird: Folke Mannerstedt, ein Geschwindigkeitsfanatiker und ein früher Verfechter des Leichtbaus. Trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten überzeugt er die Firmenbosse von seinen Plänen für ein Engagement im Straßenrennsport. 1931 entsteht der erste eigene Werksrenner, der bei seinem Debüt auf der Isle of Man leider ausfällt. Doch schon 1932 können die Schweden die Hauptkonkurrenten des Norton-Werksteams auf die Plätze verweisen. Ein Sieg beim Schweden-GP, dem einzigen Lauf in der Europameisterschaft, beschert Gunnar Kalén und Husqvarna 1933 den Titel in der 500er-EM.

Nur eine Handvoll der damals produzierten 350er- und 500er-Racer ist heute noch übrig, teils in Werksbesitz, teils in Museen, wie die hier gezeigte und gefahrene 500er von 1934. Die konsequente Verwendung von Magnesium und Leichtmetall ermöglichte das damals sensationell geringe Trockengewicht von nur 127 Kilogramm, der Motor selbst wiegt nur deren 27. Nicht zuletzt dank des vertikal geteilten Kurbelwellengehäuses aus besagtem leichten Magnesium. Für die Gemischaufbereitung sorgen zwei 25-Millimeter-Amal-Vergaser. Diese sind geneigt angeordnet, ermöglichen so nahezu gerade Ansaugwege und folgen bereits weitgehend dem Fallstrom-Prinzip. Modern anmutende Zutaten also.

Wer den stoßstangengesteuerten Motor startet, erntet ein ganz spezielles, ungleichmäßiges, hartes Stakkato. Verblüffenderweise bietet der V2 ansatzweise den seidigen, vibrationsarmen Lauf einer modernen Ducati, ohne moderne Hilfsmittel wie Ausgleichswellen oder Hubzapfenversatz zu verwenden. Der Husqvarna-Motor ist kein stampfender, schüttelnder Büffel, sondern ein drehfreudiger V-Twin, der nicht sonderlich mächtig von unten herausdrückt, sondern gedreht werden will und muss. Mannerstedts Vorliebe für radikale Ventilsteuerzeiten folgend, entwickelt der V2 seine Leistung erst bei hohen Drehzahlen. Unterstützung bezieht der Motor auch aus Resonanzschwingungen im Auslasstrakt, was zu solch enorm langen Auspuffrohren führte, wie sie die 500er linksseitig trägt. Der Motorradsport-Weltverband verbot diese überlangen Endrohre schließlich, die, wie Spötter behaupteten, wohl auch dazu beitragen sollten, sich die Konkurrenz in engen Kurven vom Leib zu halten. Denn mit jener, vorwiegend britischer Herkunft, konnte die schwedische 500er vor allem in puncto Handling nicht ganz mithalten. Die über den langen Tank kauernde Sitzhaltung mutet aus heutiger Sicht recht kurios an, ebenso die fehlende Hinterradfederung. Immerhin: Der gefederte Sattel bietet einen Rest an Komfort, die Trapezgabel vorn leistet zeitgenössisch akzeptable Arbeit. Als absolut nutzlos erwies sich allerdings schon damals die Vorderbremse - zum Verzögern, so hieß es, sei es ratsam, sich voll auf das Pedal für die Hinterbremse zu stellen und zu beten.

Das Ende der Renn-Ära kam früh: Gunnar Kalén starb schon 1934 bei einem Unfall auf dem Badberg-Viereck, dem Vorgänger des heutigen Sachsenrings. 1935 stellten die Schweden ihr Werksengagement im Straßenrennsport ein. Der Husqvarna-Zweizylinder-Tradition hingegen wird mit der 900 Nuda schon bald wieder neues Leben eingehaucht

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Foto: Nakamura

Technische Daten

Motor:
Luftgekühlter Zweizylinder Viertakt-50-Grad-V-Motor, zwei Ventile pro Zylinder, über Stoßstangen und Tassenstößel gesteuert, Bohrung x Hub 64,9 x 75 Millimeter, 498 cm³, 32,4 kW (44 PS) bei 6800/min, Verdichtung 8,2:1, 2 Amal-Vergaser mit Ø 25,4 mm, Kickstarter, Trockensumpfschmierung, Mehrscheiben-Trockenkupplung, Vierganggetriebe, Kettenantrieb.

Fahrwerk:
Einschleifen-Stahlrohrrahmen, Girder-Gabel mit Zentralfeder (Länge 178 mm) vorn, ungefederte Dreiecksschwinge aus Stahlrohr hinten, Simplex-Trommelbremse vorn und hinten, Ø 180 mm, Stahlspeichenräder, Bereifung 3.00 x 21 und 100/90-19.

Maße und Gewicht:
Radstand 1430 mm, Gewicht trocken 127 kg, Tankinhalt 22 Liter, Höchstgeschwindigkeit 190 km/h, Baujahr 1934, Besitzer: Sammy Miller Museum, New Milton, GB; www.sammymiller.co.uk

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