Im Test: Gilera GP 800 Der Großroller Gilera GP 800

Weder Tennis noch Alpin-Ski sind gemeint: Der unschuldig weiße Gilera GP 800 fungiert als PS-Oberhaupt im Großroller-Verein.

Foto: Bilski

Italiener haben Humor. Da transplantieren die Piaggio-Ingenieure den Motor aus der Aprilia Mana 850 in den Roller Gilera GP 800, aber anstelle die elektronisch gesteuerte Variomatik mit ihren verschiedenen Schaltmodi und den pflegeleichten Riemenantrieb gleich mitzunehmen, bekommt der Gilera nur ein fliehkraftgeregeltes Variogetriebe und, man höre und staune, einen Kettenantrieb zum Hinterrad. Das ändert aber nichts an der schlichten Tatsache, dass der GP 800 der derzeit leistungsstärkste Roller auf dem Markt ist: Satte 69 PS setzt er in sportliche Fahrleistungen um. Die wirken aufgrund der rollertypischen Sitzhaltung, also mit entspannt nach vorn gestreckten Beinen, noch viel beeindruckender als die nackten Zahlen: Nur 7,6 Sekunden vergehen bei Vollgas zwischen 60 und 140 km/h, und die Beschleunigung reicht weiter bis 193 km/h. Die ausladende Karosserie und die kleinen Räder verursachen zwar ab etwa 160 km/h ein gewisses Pendeln im Fahrwerk, aber schon das ist für einen Roller ein beachtliches Tempo.

Die kräftigen Bremsen verzögern den Fünfeinhalb-Zentner-Sportler knackig und zuverlässig, leider jedoch ist kein Antiblockiersystem verfügbar. Das Fahrwerk fühlt sich ebenfalls dem Sport mehr verpflichtet als dem Komfort, ist aber von unbarmherziger Härte noch weit entfernt. Es bietet ausreichende Schräglagenfreiheit, wobei in Linkskurven als Erstes der unnachgiebige Hauptständer aufsetzt; hier ist also ein wenig Zurückhaltung angebracht. Der Sozius sitzt sehr bequem; die elektrisch verstellbare Verkleidungsscheibe des GP 800 ist ein eher exotisches Ausstattungsmerkmal, das nur wenig über den recht knappen Stauraum im großen Fahrzeug hinwegtröstet: Außer einem Integralhelm passt wenig rein.

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Kurzurteil

Positiv

  • Stärkster verfügbarer Roller
  • Entspannte Sitzposition
  • Einstellbare Handhebel
  • Kräftige und gut dosierbare Bremsen
  • Über 300 km Reichweite


Negativ

  • Schweres Fahzeug
  • Magere Ausstattung
  • Kein ABS lieferbar
  • Pendelt bei hohem Tempo
  • Kettenantrieb benötigt Pflege
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Foto: Bilski

Technische Daten

Motor Zweizylinder-Viertakt/V
Hubraum 839 cm³
Kraftübertragung Variomatik/Kette
Leistung 51 kW (69 PS) bei 7750/min
Max. Drehmoment 71 Nm bei 4500/min
Bremse vorn Doppelscheibe (Ø 300 mm)
Bremse hinten Scheibe (Ø 280 mm)
Reifen vorn 120/70 R 16
Reifen hinten 160/60 R 15
Federweg vorn/hinten 126/135 mm
Tankinhalt 14,0 Liter, Super
Farben Rot, Schwarz, Weiß
Wartungsintervalle 5000 km
Preis 9699 Euro inkl. Nebenkosten

Die Messwerte:
Höchstgeschwindigkeit* 193 km/h
Beschleunigung 0−100 km/h 5,9 sek
Durchzug 60−140 km/h 7,6 sek
Gewicht vollgetankt 272 kg
Zuladung 178 kg
Verbrauch Landstraße 4,7 l/100 km

Foto: Bilski

Fazit

In der Stadt:
Eine Variomatik, die einem das Kuppeln und Schalten erspart, ist im Stadtverkehr immer ein Gewinn. Der Gilera steht beim Ampelstart niemandem im Weg, sondern sprintet aus dem Stand zügig los. Der geringe Stauraum schränkt den Nutzwert ein; die großen Ausmaße erschweren das Durchschlängeln.

Auf der Landstraße:

Für sportliche Genießer ist die Landstraße das Revier der Wahl. Wer vom Motorrad auf den GP 800 umsteigt, wird das Kuppeln und Schalten eine Weile vermissen. Die Automatik hält den Motor jedoch immer im optimalen Drehzahlbereich, sodass zügiges Kurvensurfen schnell zur Gewohnheit wird.

Auf der Autobahn:

193 km/h Spitzengeschwindigkeit sprechen eine deutliche Sprache: Natürlich kann der Gilera problemlos auf die Autobahn. Mit der Pendelneigung ab 160 km/h muss man sich arrangieren, und der elektrisch verstellbare Windschild ist in diesen Regionen auch am Ende seiner Schutzwirkung angelangt.

Abschluss-Zeugnis

Kategorie Motor:

Spurtstark, geschmeidig, kontrollierbare Leistungsentfaltung und dabei noch vergleichweise sparsam im Verbrauch: Was will man mehr?
5 von 5 Sternen

Kategorie Fahrwerk:

Trotz der sportlichen Abstimmung lässt die Fahrstabiliät ab 160 km/h zu wünschen übrig. Einstellmöglickeiten gibt es nicht.
3 von 5 Sternen

Kategorie Bremsen:

Die Doppelscheibe vorn und die Einzelscheibe hinten haben das schwere und schnelle Gefährt gut im Griff. Leider ist kein ABS verfügbar.
4 von 5 Sternen

Kategorie Ausstattung:

Die elektrisch verstellbare Scheibe ist der Höhepunkt; abgesehen davon bietet der Gilera bestenfalls klassenüblichen Standard.
3 von 5 Sternen

Kategorie Komfort:

Von einem Großroller erwartet man mehr, aber 69 PS müssen irgendwie kontrolliert werden. Die straffe Dämpfung geht also in Ordnung.
3 von 5 Sternen

Kategorie Einsteigertauglichkeit:

Insgesamt ist der GP 800 unkompliziert zu fahren. Eine aktivere Sitzposition würde mehr Kontrolle erlauben, was Einsteigern oft entgegenkommt.
4 von 5 Sternen

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