Im Einzeltest Moto Guzzi Stelvio 1200 NTX

Dieser italienische Schuh ist weder klein noch bloßer Mode-Chic, sondern ein Latschen für die große Tour. Guzzis Zweizylinder sitzt, passt und wackelt.

Foto: Archiv
Moto Guzzi bläst zum Angriff auf die urbayerische Domäne der Großenduro und hat dafür eigens die Stelvio 1200 NTX gebaut. Rein äußerlich wirkt die mit guzzi-typischem V-Motor ausgestattete Maschine mindestens ebenso imposant wie die Marktführerin BMW R 1200 GS. Und die Verantwortlichen aus Mandello del Lario meinen es ernst: Alu-Motorschutz, Stahl-Schutzbügel für Krümmer und Zylinder, zwei Zusatzscheinwerfer, Plastik-Handprotektoren, schwarz eloxierte 37-Liter-Alu-Koffer mit Klappdeckel – alles inklusive. Das erspart mühevolle Abwägungen beim Kauf, welche Ausstattung man denn noch oder lieber doch nicht möchte. Die Stelvio NTX sagt: Wer mich kauft, der will reisen – und zwar überall hin. Wirklich überall hin? Auf Asphalt lässt sich das Italo-Gebirge leichtfüßig von einer in die nächste Schräglage werfen, dem moderaten 150er-Hinterreifen gegenüber dem 180er in der Standard-Stelvio sei Dank. Beim engagierten Ritt auf losem Terrain hingegen wiegen ihre fahrfertigen 285 Kilogramm doppelt schwer, schon in der ersten Kurve mahnt die nach außen schiebende Front zu gemütlicherer Gangart. Auch die vergleichsweise kurzen Federwege laden eher zu genussvollem Enduro-Wandern denn forschem Pisten-Preschen ein. Zwar versprüht die Stelvio den Charme des "alles ist möglich", doch beschränkt man sich besser auf asphaltierte Wege. Die Bremsen ankern rekordverdächtig, setzen einen neuen Bestwert bei den Großenduros. Willig dreht der 90-Grad-V2 hoch, butterweich lässt sich die Kupplung ziehen, und der linke Fuß steppt durch das Getriebe, dass es nur so eine Freude ist. Dazu noch der satte Auspuffschlag – so herzlich kann eine Reiseenduro sein! Der Soziusplatz bietet reichlich Komfort, bei der Federung wünscht man sich mehr davon. Ebenso beim Tankinhalt und der Zuladung. Die Stelvio ist schließlich kein Sprinter, sondern ein Langläufer. Daran sollte noch geschneidert werden, damit der italienische Stiefel noch besser passt.
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Foto: Archiv

Kurzurteil

Plus:
● Dumpfer Twin-Sound
● Formidable Bremsen
● Mehr als umfangreiche Serien-Ausstattung
● Sehr gelungene Ergonomie
● Fernreisetauglich ab Werk
● Wartungsarmer Kardanantrieb

Minus:
● Magere Reichweite durch 18-Liter-Tank
● Für eine 1200er zu wenig Druck
● Gewöhnungsbedürftige Größe
● Ganz schön schwer
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Foto: Jahn

Die Konkurrenz

Durch jahrelange Feinarbeit noch immer der Platzhirsch. Robuster Boxer mit riesigem Zubehörprogramm, fast überall einsetzbar.
Preis: 14350 Euro
Foto: Jahn
Die offroadigste unter den Großenduros fegt mit ihrem sportlichen V2 über den Schotter, dass einem schwindlig wird. Top und flott.
Preis: 13295 Euro
Foto: Nakamura
Lobenswert eigenständig interpretiert Morini das Thema Reiseenduro. Ihr bärenstarker V2 und das geringe Gewicht überzeugen.  
Preis: 12795 Euro
Foto: Archiv

In der Stadt

Die Stelvio ist alles andere als ein zierlicher City-Roller, spätestens mit montierten Koffern ist mit Durchschlängeln Schluss. Aber: Die hervorragende Übersichtlichkeit durch die aufrechte Sitz­position, die handliche Geometrie und das sauber agierende Getriebe machen das Städtegewusel erstaunlich einfach.

 

Auf der Landstraße

Hier bollert das V2-Herz freudig los, lässt den Reisekahn fast sportlich von Kehre zu Kehre sausen. Die Vierkolben-bremsen von Brembo sind ein Gedicht, der Bremsweg markiert den neuen Referenzwert bei Reiseenduros. Dank schmaler Reifen ist mit grobstolligen Pneus auch mal ein Ausflug ins Gelände drin.

Auf der Autobahn

Von den versprochenen 220 km/h Höchstgeschwindigkeit bleiben 197 gemessene übrig. Die außerordentlich gute Unterbringung vorne wie hinten wiegt das jedoch allemal auf. Bei Fernreisen zählt Ent­spannung sowohl beim Fahren als auch danach auf jeden Fall mehr als das letzte Quäntchen Top-Speed.

Foto: Archiv

Abschluss-Zeugnis Moto Guzzi Stelvio 1200 NTX

Motor
V2-Sound zum Genießen, doch die knapp 1200 cm3 könnten ruhig mehr Druck liefern. Kupplung und Schaltung lassen sich leicht bedienen.
3 von 5 Punkten

Fahrwerk
Prima Lenkverhalten und Stabilität selbst beim Soziustransport. Die Federungsabstimmung geriet zu straff, fürs Gelände fehlt etwas Federweg.
4 von 5 Punkten

Bremsen
Die Brembo-Stopper benötigen geringe Handkraft und sind erstklassig dosierbar. Im Verbund mit dem serienmäßigen ABS eine sichere Vorstellung.
4 von 5 Punkten

Ausstattung
Bis auf Heizgriffe, Navi und Topcase ist serienmäßig alles an Bord, was das Motorradfahrerherz begehrt. Ok, der Tank könnte ein paar Liter mehr fassen
5 von 5 Punkten

Komfort
Einziger Kritikpunkt: die zu straffe Federung. Fahrer wie Passagier
sind superbequem untergebracht, der Windschutz ist ordentlich.
4 von 5 Punkten

Einsteigertauglichkeit

Die Leistung überfordert nicht und ABS kommt jedem Einsteiger
ent­gegen. Doch Gewicht und Größe verbieten eine solche Empfehlung.
1 von 5 Punkten

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