Im Test: MV Agusta MV Agusta Brutale 990 R

Im Sattel der neuen Brutale 990 R bleibt niemand cool: Die MV weckt das Jagdfieber und treibt dem Fahrer Schweißperlen auf die Stirn. Gute Besserung?

Foto: Archiv
Kein fröhliches Halali, eher ein aggressives Knurren, wahlweise ein angriffslustiges Kreischen entweicht den edlen Tröten der neuen Brutale. Dass sie neben der 1090 RR (Test in 2Räder 1/2010) nur die Kleine sei, hört sie nicht so gern. Mit 139 PS muss sie sich vor der großen Schwester mit 144 PS ja auch nicht verstecken. Vielmehr wurden schon früh Stimmen laut, welche die 990er zur harmonischeren Variante erklärten. Also Nachprüfen. Mit dem neuen Motor (jetzt mit Ausgleichswelle, neuer Einspritzung und mehr Hub ausgelegt) hat die MV einen enorm kräftigen Vierzylinder in den neuen, jetzt handgeschweißten Gitterrohrrahmen montiert. Nicht völlig ruckfrei, doch viel sanfter und gutmütiger als bei der Vorgängerin erfolgt der Leistungseinsatz nun, aber auch energischer und unbarmherziger denn je. In sechs Sekunden im letzten Gang von 60 auf 140 km/h - einrekordverdächtiger Wert, bei dem selbst die 200 PS starke Yamaha Vmax nicht mithalten kann. Was die beiden wiederum eint, ist ihr Hang zum Suff. Die 990er schüttet sich schon bei normal-zügiger Fahrt ziemlich unbescheiden den Sprit rein. Daran denkt aber niemand, der die MV lustvoll über kurvige Landstraßen hetzt, die unverminderte Handlichkeit genießt und erfreut die geringere Neigung zur Nervosität registriert. Etwas längerer Radstand, minimal flacher stehende Gabel, schon passt's. Passen sollte nun auch die etwas verlängerte Sitzbank für große wie kleine Fahrer. Die Sitzhaltung hinterm schmalen, flachen Lenker gefällt, die Beinhaltung ist sportlich angewinkelt. Für lange Reisen ist die Brutale natürlich nicht gemacht, der Komfort hält sich in Grenzen. Was nicht heißt, dass die Italienerin derb über drittklassige Pisten rumpelt. Ihr voll einstellbares Fahrwerk schluckt Löcher und Flicken ganz ordentlich, bietet aber jederzeit die gewünschte Stabilität und Präzision, die man bei sportlicher Fahrweise erwartet. Apropos bieten und erwarten: Angesichts des stolzen Preises darf der MV-Treiber wohl gute Ausstattung und edle Verarbeitung erwarten. Und er bekommt dies alles. Den betörenden Sound und die Beachtung des Publikums gibt es praktisch gratis dazu. Also Motoröl auf 80, die Körpertemperatur auf fiebrige 39 Grad bringen - und auf zum fröhlichen Jagen.
Anzeige

Kurzurteil

Positiv

  • Durchzugsstarker Motor
  • Ausstattung und Verarbeitung top
  • Sehr präzises Fahrverhalten
  • Tolle Handlichkeit
  • Hohe Exklusivität


Negativ

  • Stolzer Kaufpreis
  • Hoher Verbrauch
  • Kurze Inspektionsintervalle
Anzeige
Foto: Archiv

Technische Daten

Die Daten (Werksangabe):
Motor Vierzylinder-Viertakt/Reihe
Hubraum 998 cm³
Kraftübertragung Sechsganggetriebe/Kette
Leistung 102 kW (139 PS) bei 10600/min
Max. Drehmoment 106 Nm bei 8000/min
Bremse vorn Doppelscheibe (Ø 310 mm)
Bremse hinten Scheibe (Ø 210 mm)
Reifen vorn 120/70 ZR 17
Reifen hinten 190/55 ZR 17
Federweg vorn/hinten 130/120 mm
Tankinhalt 23 Liter, Super
Farben Rot, Schwarz
Wartungsintervalle 6000 km
Preis 15 500 Euro (plus Nebenkosten)

Die Messwerte:
Höchstgeschwindigkeit (Werksangabe) 265 km/h
Beschleunigung 0−100 km/h 3,2 sek
Durchzug 60−140 km/h 6,0 sek
Gewicht vollgetankt 214 kg
Zuladung 179 kg
Verbrauch Landstraße 7,2 l/100 km
Foto: Archiv

Abschluss-Zeugnis

Fazit:

In der Stadt:
Die leichte und wendige Brutale lässt sich willig durchs Innenstadtgewühl zirkeln, bietet allerdings in den Spiegeln nur eingeschränkte Sicht. Die Sitzhaltung fällt dank der nun längeren Sitzbank entspannter aus, der Leistungseinsatz erfolgt beim neuen 990er-Motor jetzt sanfter und berechenbarer.

Auf der Landstraße:
Die sanftere Gasannahme kommt der neuen MV auch beim kräftigen Rausbeschleunigen aus Kehren zugute. Sie fällt äußerst willig in Schräglage, umrundet Kurven präzise und macht so, auch dank der locker-entspannten Sitzhaltung, auf Landstraßen enorm Spaß. Hier erwacht der Jagdtrieb.

Auf der Autobahn:
Vollgasfahrten mit deutlich über 200 km/h machen wegen des fehlenden Windschutzes auf Dauer keinen Spaß. Dafür sind Überhol-Zwischensprints mit dem enorm kräftigen Motor immer wieder das reine Vergnügen. Reichweite? Der Tank ist zwar groß (23 Liter), der Spritdurst des Vierzylinders jedoch auch. Abschluss-Zeugnis:

Motor

Der herrlich klingende Motor ist ein Tier in Sachen Durchzug, geht nun sanfter und berechenbarer ans Gas, säuft aber wie ein Elch.
(4 von 5 Sternen)

Fahrwerk
Unverändert handlich, etwas weniger nervös, straff, aber dennoch schluckfreudig - das stabile Fahrwerk gibt sich keine Blöße.
(4 von 5 Sternen)

Bremsen
Die Bremsen sind wirkungsvoll und gut dosierbar, wenn auch nicht ganz so bissig wie jene der 1090er-Schwester, und verlangen nach kräftigem Zugriff.
(4 von 5 Sternen)

Ausstattung
Feinste Anbauteile, voll einstellbares Fahrwerk, hochwertige Verarbeitung und edles Finish lassen keine weiteren Wünsche aufkommen.
(4 von 5 Sternen)

Komfort
Die straffe MV ist keine Sänfte, bügelt aber die meisten Fahrbahnen glatt und bietet eine angenehme Sitzhaltung. Nur die Beine sind stark angewinkelt.
(3 von 5 Sternen)

Einsteigertauglichkeit
Der zornige Motor, der stets zum Angasen verleitet, gehört nicht wirklich in Anfängerhände. Zumal kein ABS hilft, die Brutale zu zügeln.
(1 von 5 Sternen)

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel