Impressionen: mein 41-Liter-Tank Mein Tank - meine Freiheit

Dieser Tank. Dieser verdammte Tank. In Gedanken verklappte UNTRWEGS-Redakteur Michael Schröder 41 Liter und gab Gas. Wer ein solches Fass besitzt, ist ständig auf dem Weg. Ist immer dorthin unterwegs, wo es nichts zu tanken gibt. Das klingt nach Sahara, nach Feuerland, nach Abenteuer. Das klingt nach der Freiheit, wie er sie meint. Gut, dass Freiheit käuflich ist.

Das Ding vor mir war keine normale BMW R 1100 GS mehr. Ausufernd üppige Formen unter einem blauen Gewand - ich bewunderte einen Paradiesvogel, der auf den Namen Desierto hört. Vernunft kapitulierte vor der Macht der Sinne. Die oder keine. Was bleibt, sind Fragen. Wieviel Motorrad braucht der Mensch? Oder tut´s auch eine Transalp? Und wie oft kann man Brötchen holen, wenn eine Tankfüllung 80 Mark kostet?
Was ich nicht wusste: Der Preis für eine Desierto ist hoch. Sehr hoch. Und ich rede nicht vom Geld. Nicht davon, dass man allein vom Erlös sämtlicher Zubehöreile, die aus einer GS eine Desierto machen, ganz sicher ein halbes Jahr sorgenfrei um die Welt reisen könnte, wenn einen der Chef bloß ließe. Nicht, dass ich mich an dieser Stelle beschweren möchte. Regelmäßig Kohle auf dem Konto ist schon in Ordnung. Doch diese Träume im Kopf, die machen einem das Leben schwer. Oder diese Erinnerungen. Als Student viel blau gemacht und auf einer damals schon betagten R 80 GS gleich zweimal nach Südamerika. 35000 Kilometer ohne Alukoffer, ohne GPS, ohne Zip und Zap und ständig pleite. Aber glücklich. Und heute? Heute geh´ ich nach Feierabend in meine Garage und schau´ auf meine Desierto. Auch so etwas wie Glück. Und in Gedanken tröstet das Gefühl, dass ich damit ja könnt´, wenn ich wollt´. Irgendwann zumindest.
Zurück zum Thema. Die Sache mit dem Preis, den man zahlen muss, wenn man Desierto fährt. Nicht in der Wüste, denn Sand hat meine GS noch nicht gesehen. Sondern im Berufsverkehr. Man fällt auf. Weil der breite Boxer oft genau so festhängt wie der Lkw davor. In den Autos rechts und links verstummen die Gespäche, Fenster werden heruntergekurbelt, Fragen gestellt. Immer die gleiche Litanei. Wie viel Liter (gemeint ist der Tank)? Wie teuer (siehe oben)? Wie wird man BMW-Werksfahrer (das ehrt mich jedes Mal sehr)? Und ich kann´s verstehen. Säß´ ich im Auto und würde die beiden Lichter der Desierto im Rückspiegel ausmachen, ich würde mich ihr vor die Räder schmeißen.
Richtig zur Sache geht´s erst auf dem Boulevard. Leute, vergesst MV Agusta und Ducati 996. Massenware. Motorräder von der Stange. Eine Harley sowieso. Steht heutzutage vor jedem Jugendzentrum. Wer´s wirklich wissen will, parkt die Desierto und setzt sich ins Café gegenüber. Fünf Minuten später brennt die Luft. Ernsthaft. Ich hab´s erlebt und erzähle keinen Stuss. Das Gedrängel im Winterschlussverkauf ist ein Spaziergang dagegen.
Der hat es aber nötig. Sprecht ruhig aus, was ihr denkt. Sind sowieso immer die Kleinsten, die die dicksten Dinger fahren. Wegen der Frauen und gegen die Komplexe und so. Was musste ich mir schon alles anhören. Besonders von guten Freunden. Und von Kollegen. Jeden Morgen vor der Redaktion. Schröder, haste auch ´ne Leiter dabei? Schröder, haste dieses Jahr schon getankt? Schröder, haste auch ´nen Rückwärtsgang? Ich überhör´s inzwischen. Weil ich meine Desierto auch fahren würde, wenn ich einsachtzig groß wäre. Und glaubt´s mir endlich: Ein Bienenfänger ist das Teil ohnehin nicht. Den Applaus der Frauen erntet der Typ auf der Vespa. Das war schon immer so. Außer in unseren Träumen. Nur dort leben wir im Paradies, wo die Mädels einen Fuchsschwanz, 150 PS und Breitreifen wirklich toll finden. Oder im Fall Desierto aufspringen, um über den Tank zu fühlen, um festzustellen, dass auch vorn ein Federbein aus dem Hause Öhlins dämpft, und um schließlich über die gelben Hard-Parts zu staunen, die den Lenkeranschlag und die Heckaufnahme verstärken. Und dann den Fahrer natürlich zum Essen einladen. Mensch Leute, wacht auf. Die Realität sieht anders aus. Was sich da um meine Desierto drängt, am IMO-Bordcomputer fummelt und bis unter den Ölwannenschutz kriecht, trägt in der Regel Bart und BMW-Systemhelm. Oder Anzug. Aber niemals Mini.
Wenn das so ist, warum dann die ganze Mühe? Oder käme unterm Strich auch eine Transalp in Frage? Die ist billiger und wird bestimmt nicht geklaut. Zwei nicht unwichtige Argumente. Und ich war mit so einer mal in den Alpen unterwegs. Die geht wirklich mördermäßig gut ums Eck und konnte eigentlich vieles besser als die meisten Mopeds, auf denen ich bisher saß. Aber fahren ist nur eine Sache. Ein Moped anschauen und sich begeistern lassen, die andere. Und jetzt mal Hand aufs Herz: Wer hat je jemanden gesehen, der beim Anblick einer Transalp in die Hände geklatscht hat? Na also. Brot und Butter machen satt, schmecken auf Dauer nur ein bisschen fad.
Desierto-Fahren gleicht einem Fünf-Sterne-Menü. Und will zelebriert werden. Man steigt nicht einfach in den Sattel. Und man fährt auch nicht einfach los. Nein. So funktioniert das nicht. Denn der Kopf braucht Zeit, um die schiere Größe des Bikes zu begreifen. Und um sich an Form und Farbe sattzusehen. Jedes Mal. Schaust du direkt von vorn, stehst du vor einer Wand von einem Motorrad. Erst die Zylinder. 1100 Kubik, die nach rechts und links ausschlagen. Nichts Neues, sondern eben BMW. Darüber aber der Tank. Tief, rund und breit. Wenn´s drauf ankommt, sind Reichweiten drin, von denen ansonsten nur Diesel-Fahrer berichten. Dann die Verkleidung. Abgekupfert bei den Rallye-KTM. Zwei angedeutete Lufthutzen, zwei kleine Lampen, die wie freche Augen herausfordernd blinzeln, und eine hohe, getönte Scheibe. Formen und Proportionen, die für weiche Knie sorgen. Dass ein Scheunentor vermutlich einen besseren CW-Wert hat, interessiert mich nicht.
Nachdem Träger und Alukoffer in den Keller gewandert sind, gefällt mir auch der Blick von hinten. Ein schmales Heck und die mächtigen Flanken des Tanks bestimmen die Linie. Stundenlang könnte ich mir das reinziehen. Oder die Perspektive von vornschräguntenrechts, wenn der Karren auf dem Seitenständer steht. Man sollte sich dabei nur nicht zu oft erwischen lassen. Wer weiß schon, was Freundin oder Nachbarn denken, wenn man ständig vor der Garage auf dem Bauch im Gras liegt.
Schließlich aber nimmt man Platz. Die Beine umschließen diese gewaltige Blase, die Finger greifen an den breiten Lenker, aktivieren den IMO und rufen per Miniknopf eine fast schon unüberschaubare Datenmenge auf. Außen- und Motortemperatur, die bisher erreichte Höchstgeschwindigkeit, die Fahrtdauer von vorgestern abzüglich der Pausenzeit, und und und... Kann schon mal passieren, dass der Tag vorbei geht und man noch immer auf dem Hobel in der Garage sitzt und Knöpfe drückt.
Wenn die Zeit doch noch reicht, dann nichts wie raus. Auf der Strecke wird die Desierto endgültig zum Platzhirsch. Dass eine GS auf der Landstraße gut läuft, weiß heute jedes Kind. Diese läuft besser. Garantiert. Zum Beispiel wegen der Öhlins-Dämpfer. Knüppelhart, die beiden Teile. Kontakt statt Komfort. Wie bei einem Supersportler. Bequem sitzen will ich vorm Fernseher und in einer S-Klasse, nicht, wenn es darum geht, auf meiner Hausstrecke rote Laternen zu verteilen. Und wer heute noch ohne Stahlflex-Bremsleitungen unterwegs ist, darf sich gleich ganz hinten anstellen. Noch ein Tipp sei hier verraten: Mit einer Desierto niemals mit vollen Tank auf die Strecke! Man könnte sein Motorrad gleich mit Blei ausgießen. Macht sich beim Rangieren aber nicht so gut. Nein, am Wochenende stets nur zehn Liter ins Fass, das trotz seiner Ausmaße übrigens leichter als das Original ausfällt. Das ist mein letzter Trumpf, von dem niemand etwas ahnt.
Neulich aber, da bin ich beim Brötchen holen liegen geblieben. Trocken wie ein Martini. Ist noch peinlicher, als einen Ampelstart zu verlieren. Ohne Netz und doppelten Boden kann Freiheit auch lästig sein.

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