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Das Zweitakt-Experiment Kawasaki 750 H2R-Dirt Tracker

Im amerikanischen Flat Track-Sport war Harley-Davidsons XR 750 stets Chef im Ring. Es hätte allerdings auch anders kommen können: Mitte der 1970er-Jahre wollten zornige Zweitakter die Vorherrschaft beenden.

Kawasaki 750 H2R Dirt Tracker (Teil1)

Bestes Beispiel, dass die Uhren in den USA etwas anders ticken als im Rest der Welt, ist der Motorradsport. Bereits kurz nach 1900, als die Rennerei losging, entstanden quer durchs Land hölzerne Arenen. In diesen Motordroms, mit jeweils zwei bis zu 60 Grad geneigten Steilwandkurven, donnerten waghalsige Kerle auf speziellen 1000er-Rennmaschinen ohne Kupplung und Getriebe und ohne Bremsen mit gut 200 Sachen über ungehobelte Holzplanken. Das Schauspiel war spektakulär, zog wie ein Magnet Tausende von Besuchern an, kostete aber einen hohen Zoll. Schwere Unfälle und Tote gehörten zur Tagesordnung. Als Nachfolger der „Neck and neck with death“-Board Track-Rennen etablierten sich die Dirt Track- oder auch Flat Track-Rennen auf flachen Ovalkursen. Die Bahnen waren eine viertel, halbe oder eine ganze Meile lang. Richtig los ging es nach dem Zweiten Weltkrieg. 

Ab 1954 führte die AMA, die American Motorcycle Association, die „Grand National Championship“ ein. Die Meisterschaft unterteilte sich in drei Kategorien: Flat Track, TT, eine Art Motocross und reinrassige Straßenrennen. Der beste Fahrer wurde am Saisonschluss als „Grand National Champion“ gefeiert. Der Titel war das höchste Prädikat, das ein US-Rennfahrer erreichen konnte - aus amerikanischer Sicht betrachtet, wertvoller als ein Titel in der Straßenweltmeisterschaft.

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Foto: Scheibe

Die Rennen waren enorm populär, die Profis verdienten gutes Geld. Besonders große Beliebtheit genossen die Flat Track-Läufe. Das Oval der gewalzten, mit Ölsand bestreuten Lehmfahrbahn war für die Zuschauer perfekt überschaubar. So konnten die begeisterten Fans Start, Fahrstil, Positionskämpfe und Überholmanöver hautnah verfolgen, der Atmosphäre in einem Fußballstadion vergleichbar.

Im Affenzahn raste die Meute auf die Kurve zu, die Fahrer nahmen kurz das Gas weg, kippten die Maschine in Schräglage und balancierten sie auf dem linken Fuß in atemberaubendem Drift durch die Kurven. Optisch und akustisch waren die Vorstellungen für die Schlachtenbummler ein Genuss. Genau so müssen Viertakter mit offenen Megaphonen brüllen. Wer erfolgreich sein wollte, kam kaum um eine Harley-Davidson herum. Für den Flat Track hatten die Harley-Ingenieure die XR 750 entwickelt. Dank der enormen Durchzugskraft des V2, der guten Motorbremswirkung sowie dem tadellosen Fahrwerk kürte sich der Milwaukee-Racer zum „King auf der Bahn“.

Im August 1975 schockte Yamaha- Werksfahrer Kenny Roberts die amerikanische Flat Track-Konkurrenz. In Indianapolis schob er eine Maschine an den Start, in deren filigranem Chassis der 120 PS starke Vierzylinder-Zweitakt-Rennmotor der Yamaha TZ 750 saß. Im Finale kam es, wie es kommen musste. Auf den letzten Metern überholte der junge Draufgänger die Harley-Werksfahrer Corky Keener und Jay Springsteen mit ihren XR 750 und gewann das Rennen. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Umgehend änderte die AMA das Reglement. Ab 1976 durften nur noch Maschinen mit maximal zwei Zylindern an den Start gehen. Insider waren sich sicher, dass hinter allem Harley-Davidson selbst steckte.

Dabei war Ausnahmekönner Kenny Roberts längst nicht der Erste, der mit einem Zweitakter gegen die übermächtige Armada von Harley-Davidson für Wirbel sorgte. Doch sein spektakulärer Auftritt und die damit verbundenen Folgen sorgten in der Szene lange für Gesprächsstoff, und blieb den Fans fest im Gedächtnis haften. Fast vergessen sind die Jahre 1974 und 1975, als das Rennteam von Erv Kanemoto mit Gary Nixon, Don Castro und Scott Brelsford auf Kawasaki 750 H2R die Idee vom Flat Tracker mit Straßenrennmotor ins Leben rief.

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Foto: Archiv

Der hochbegabte Techniker und Tuner mit japanischen Wurzeln war bereits seit Ende der 1960er-Jahre mit Kawasaki-USA verbunden. Als Mechaniker im Rennteam betreute er 1973 die Kawasaki 750 H2R-Straßenrennmaschine von Gary Nixon. Der gehörte in der damaligen Zeit zu den erfolgreichsten und beliebtesten Sportlern in den USA. Mit Triumph wurde er 1967 und 1968 AMA-Grand National Champion und Daytona 200-Sieger. In den 1970er- Jahren vertraute er auf Kawasaki und Suzuki. Für die Saison 1974 sollte der Vollprofi im Kampf um die National Championship ebenfalls im Flat Track auf Kawasaki starten. Von einer echten Werksmaschine konnte jedoch keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. Die 750er- H2R-Flat Tracker entstanden auf Initiative von Erv Kanemoto, der inzwischen sein eigenes Rennteam gegründet hatte, als Low Budget Racer. Das Fahrwerk ließ der Teamchef nach eigenen Vorgaben beim Rahmenspezialisten Champion in Kalifornien bauen. Für den 750er-Dreizylinder musste Erv Kanemoto nur ins Regal greifen.

Durch Ziehen eines Hebels am linken Lenkerende öffneten sich Dekompressionsventile in den Zylinderdeckeln und der 7:1 verdichtete Motor ließ sich leichter anschieben. Eine Pumpe versorgte die Kurbelwelle mit Schmierstoff direkt aus dem Öltank, Kolben und Zylinder schmierte dagegen das 1:30-Benzin-Ölgemisch. Die ungedämpfte H2R-Rennauspuffanlage schmiegte sich auf der rechten Seite eng an den Rahmen, da im Flat Track-Oval grundsätzlich gegen den Uhrzeigersinn gefahren wird. Eine Bremse im Vorderrad ist verboten, hinten diente eine Scheibenbremse als Notstopper. Schalthebel und Bremspedal fanden aus diesem Grund ihren Platz an der rechten Seite. Konsequent setzte Erv Kanemoto auf Gewichtsreduzierung, das Ergebnis von 120 Kilogramm konnte sich sehen lassen.

Kawasaki 750 H2R Dirt Trackern (Teil 2)

In der von Viertaktern, allen voran Harley-Davidsons XR 750, beherrschten Rennserie war der giftige Kawasaki-Triple schillernder Außenseiter. Das Zweitakt-Experiment verlief trotz Anfangsschwierigkeiten vielversprechend. Schon zu Beginn der Saison 1974 konnte Gary Nixon etliche Achtungserfolge einfahren. Nicht ohne Folgen. Eine Fraktion betrachtete die Offensive als Angriff auf ein Nationalheiligtum, die Harley-Racer, die andere fieberte euphorisch einer neuen Zeit entgegen. Leider sollte es anders kommen: Bei Testfahrten im Sommer 1974 in Japan stürzte der Haudegen und brach sich beide Arme. Verletzungsbedingt musste er die Saison 1974/1975 abschreiben.

Für 1975 waren die Weichen neu gestellt. Teamchef Kanemoto verpflichtete Don Castro und Scott Brelsford, den Bruder von Mark Brelsford, dem Grand National Champion von 1972, und gab bei Champion zwei weitere Fahrwerke in Auftrag. Top-Favorit in der schwer umkämpften Meisterschaft war allerdings Yamaha-Werksfahrer Kenny Roberts. Das Allroundgenie hatte 1973 mit nur 22 Jahren die AMA-Grand National Championship mit einem  auf 750 cm³ aufgebohrten Yamaha XS 650-Flat Tracker gewonnen, 1974 wiederholte er den Streich. Mit dem Twin war Kenny Roberts der Konkurrenz auf der Harley-Davidson XR 750 leistungsmäßig jedoch unterlegen. Allein dank seines außergewöhnlichen Fahrkönnens gelang es ihm, ganz vorne mitzumischen. Kenny Roberts und Yamaha wollten den Titel 1975 um jeden Preis erneut gewinnen.

Foto: Archiv

Dass die Antwort ein Zweitakter sein könnte, zeigten die beiden Drift-Akrobaten von Erv Kanemoto. So entstand der Yamaha TZ 750-Dirt Tracker. Das Intermezzo der 750er-Zweitakter im Flat Track war schrill, aber nur von kurzer Dauer. Nachdem sich Kawasaki 1976 aus dem US-Rennsport zurückgezogen hatte und Gary Nixon mit der Kawasaki KR 750 in der Formel 750 Vize-Weltmeister geworden war, heuerte Erv Kanemoto bei Honda an. Er entdeckte und förderte Freddie Spencer, der 1983 prompt jüngster 500er-Weltmeister wurde.

Nach dem Aus der Zweitakter verschwanden die 750er-Kawasaki-Flat Tracker von der Bildfläche und drohten endgültig in Vergessenheit zu geraten. „Im Sommer 2004 zeigte mir ein Insider Bilder von einem Kawasaki-Flat Tracker in einem privaten Museum in den USA. Spontan erinnerte ich mich an die Geschichte und fragte den Besitzer, ob ich das Bike kaufen könnte“, verrät Jürgen Weiss. Der in der Motorenentwicklung tätige Diplom-Ingenieur ist ausgewiesener Kawasaki-Zweitakt-Experte und in der Szene als H2-Guru bekannt. Seine Sammlung umfasst alle 750er-H2-Modelle, sowie Spezial-H2 mit Sonderfahrwerken und beherbergt die größte Sammlung originaler H2R-/KR 750-Werksmaschinen in Europa.

Bald stand die Rarität in seiner Garage. „Der technische Zustand war nicht berauschend. Den Tracker habe ich komplett überholt und so aufgebaut, wie Scott Brelsford mit der Startnummer 19 in der Saison 1975 startete. Leider gibt es bei uns kaum eine Möglichkeit, den weitgehend unbekannten Bahnrenner einem interessierten Publikum in Aktion zu zeigen. Dafür wird die außergewöhnliche Maschine bei Clubtreffen und Ausstellungen umso mehr bestaunt”, lässt Jürgen Weiss mit einem gewissen Stolz auf sein Tracker-Exponat wissen.

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