Fahrbericht: Kawasaki ER-6n 2012 Kawasaki überarbeitet sein Bestseller-Naked-Bike

Kawasakis erfolgreiche ER-6-Modelle mit dem 650er-Reihenmotor kommen 2012 umfassend überarbeitet als dritte Generation in den Handel. Den Anfang macht die nackte, zackige ER-6n.

Foto: Kawasaki

Unter der warmen Sonne der Algarve in Portugal parkt ein zitronengelbes Motorrad zwischen Pinien, Palmen und Eukalyptusbäumen. Markant und doch bekannt. Kawasakis für 2012 grundlegend renovierte ER-6n steht lässig auf dem Seitenständer. Schnittiger und schärfer schaut sie aus der verkürzten Lampenmaske um die beiden übereinandergestapelten Scheinwerfer. Stylish soll sie sein, die dritte Auflage, ein eleganter Streetfighter fürs Volk. Fließende Formen wohin das Auge blickt. Bis hin zu den zwei kunstvoll geschwungenen Krümmern und der formvollendeten einteiligen Fußrastenanlage. Augenfälligste und wichtigste Neuerung beider ER-6-Typen - auch der halb verkleideten ER-6f - ist der komplett neu gestaltete Stahlrohrrahmen. Jetzt verlaufen zwei parallele Rohre über dem 650er-Reihenmotor. Sogar die gebogene Schwinge mit jetzt hochwertigeren Kettenspannern ist in der neuen Doppelrohr-Konstruktion ausgeführt. Zwischen Front- und Heckrahmen sitzt bei der 2012er-ER-6 ein einzelner Träger aus Rechteckrohr.

Dieser engere Zuschnitt des Mittelrahmens macht die Taille schön schmal. Selbst kleinere Piloten oder Pilotinnen erreichen dank kürzerer Schrittbogenlänge sicher mit beiden Füßen den Erdboden. Das vermittelt Sicherheit, gibt ein gutes Gefühl. Die nun zweiteilige Sitzbank ist dicker gepolstert, der Fahrersitz komfortabler konturiert. Im hinteren Teil ist seine Auflagefläche breiter. Aufsteigen und sich wohlfühlen. Prima zur Hand liegt der in Gummi gelagerte, um zwei Zentimeter verbreiterte Lenker. Das Zündschloss sitzt nun wie bei der Z 1000 in einer Mulde vor dem um zwei Zentimeter höheren Stahltank. Knurrig erwacht der Motor zum Leben, klingt kernig aus dem unterm Triebwerk verlegten Edelstahlauspuff. Der hat jetzt mehr Volumen und ragt steiler nach hinten auf. Dumpf hämmernd saugt der Motor nach Luft, aus Ansaugrohren links und rechts zwischen den Rahmenrohren.

Weiterhin unterschlägt die Modellbezeichnung 50 cm3, befeuern die Kawa doch 650 Kubik. Ihr Motor ist ein Gegenläufer: Ihm takten zwei 83 Millimeter messende Kolben, um 180 Grad versetzt, den Herzschlag. Unangetastet blieb die Hardware mit doppelten obenliegenden Nockenwellen und Sechsgang-Kassettengetriebe.

Fülligeres Drehmoment bringen sollen eine geänderte Software für Zündung und Einspritzung sowie ein Verbindungsrohr zwischen den beiden Edelstahlkrümmern. Zumindest im alltagsrelevanten Bereich unter 7000 Touren. Nur das maximale Drehmoment sank von 66 auf 64 Newtonmeter. Hoppla, richtig kräftig kommt der Motor beim Anfahren von der leichtgängigen Seilzugkupplung. Bereits bei drei-, viertausend Touren packt der tolle Twin kraftvoll zu. Der vitale Antrieb legt ab 6000/min noch mal richtig Briketts nach. Er hängt feinfühlig am Gas, direkter, als man das vom alten Motor in Erinnerung hatte. Das fühlt sich nach mehr an, als es unveränderte 72 PS Spitzenleistung vermuten lassen.

Bei Bedarf dreht die ER locker in fünfstellige Bereiche. Man kann, aber man muss diesen Motor nicht auswringen. Wheelen oder bummeln, beides ist drin. Um den eingelegten Gang muss man sich bei dem benutzerfreundlichen Triebwerk nie Gedanken machen. Trotzdem wäre eine Ganganzeige fein. Eine Ausgleichswelle hält -stören-de Vibrationen erfolgreich unter Kontrolle. Der kerngesunde Twin pulsiert angenehm - so, dass man ihn eben arbeiten spürt.

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Quicklebendig gibt sich das Fahrwerk. Dieses Motorrad fährt fast von selbst, lässt sich kinderleicht um Schlaglöcher und Zebrastreifen zirkeln. Fahren im Fluss. Leicht klappt die handliche, nicht überhandliche Kawa in Schräglage ab. Nervös wird sie nie. Viel fischen die neu abgestimmten Federelemente aus rauen Asphaltoberflächen. Der Kompromiss aus Federungskomfort und (Topspeed-)Stabilität ist voll gelungen. Beim neuen Modell treffen weichere, längere Federn auf angepasste Dämpfung. Wie gehabt ist das direkt angelenkte, rechts liegende Federbein gut zugänglich. Viel Haftung und Rückmeldung bieten Dunlops nagelneue Rodsmart II. Diese Originalbereifung trägt die ER-6n exklusiv weltweit als erstes Motorrad ab Werk.

Plötzlich rennt laut bellend ein großer Hund auf die Straße. Mag er keine Motor-räder? Oder keine Kawas? Egal, eine Vollbremsung ist angesagt. Gut dosierbar und kraftvoll genug packen die drei Bremsen zu. Vorn beißen Doppelkolben-Schwimmsättel auf die Wave-Bremsscheiben. Bei der hier gefahrenen Variante ohne ABS immerhin mit bissiger abgestimmten Belägen. Nach Deutschland kommen die Maschinen ausschließlich mit einem überarbeiteten ABS. Das leistungsfähigere, leichtere Steuergerät soll feinere Regelintervalle und bessere Bremswege ermöglichen. Puh, heute ist es auch ohne Blockierverhinderer gerade noch mal gut gegangen.

Weiter. Der Blick streicht über den gut ablesbaren, klassisch weiß unterlegten Drehzahlmesser. Direkt darunter zeigen Flüssigkristalle viele Infos an: Geschwindigkeit, Benzinstand, Zeit. Zudem verfügt die ER-6n über zwei Tageskilometerzähler und zeigt, ganz neu, die verbleibenden Restkilometer sowie den Kraftstoffverbrauch (momentan und durchschnittlich) an und liefert Daten über wirtschaftliche Fahrweise. Der von 15,5 auf 16 Liter vergrößerte Tank sollte dem bekannt sparsamen Twin große Reichweiten erlauben. Lange halten es zumindest kleinere Piloten im Sattel aus. Man fährt mit prima Überblick, genießt jede Dorfdurchfahrt, jede frisch geschälte Korkeiche. Ein Sozius fährt dank angenehmen Kniewinkels und neuer Griffe gern mit.

Trotz Streetfighter-Attitüde stimmen Alltagstauglichkeit und Praxisnutzen: Beide Handhebel sind einstellbar, das Heck ist mit Gepäckhaken bestückt. Ehrensache sind Warnblinker, kleiner Innenkotflügel, vollflächig abschirmende Plastikprotektoren für die Gabelstandrohre und feine Ausgleichsbehälter für die Bremsflüssigkeit. Auf 200 Kilogramm hat Kawasaki die Zuladung gehievt, 20 mehr als zuvor. Kurzen 6000er-Wartungsintervallen steht die Ventilspielkontrolle erst nach 42000 Kilometern gegenüber. Für Fahranfänger gibt’s eine günstige 34-PS-Variante: Ein Anschlag begrenzt den Öffnungswinkel der zweiten, mechanisch betätigten Drosselklappe. Der Unterflur-Auspuff verhindert leider einen Hauptständer. Aber die Verarbeitungsqualität der in Thailand gebauten 650er überzeugt durchaus, die Schweißnähte sind okay.

Ab Januar (ER-6n) bzw. Februar 2012 (ER-6f) kommen die Kawasakis in den Handel. Ihr Preis wird vermutlich etwas über den bisherigen Tarifen von 6995 und 7395 Euro liegen. Bereits die ersten beiden Generationen von ER-6n und f fanden allein in Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland über 60000 Käufer. 2011 stehen ER-6n und f auf Platz zwei der deutschen Verkaufsstatistik, hinter der R 1200 GS. Akuter Handlungsbedarf für eine Überarbeitung bestand also kaum. Trotzdem hat Kawasaki seine Topseller für die Saison 2012 einfach mal eben verbessert. Löblich. Denn alles Große im Leben entsteht, weil jemand mehr tut, als er müsste. Nun wirkt die ER-6n nochmals wertiger, ausgewogener und erwachsener. Dynamisch und gut.

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Foto: Kawasaki
Kawasaki ER-6n: Neuer Rahmen, neue Schwinge, modifizierte Ergonomie 
und ein Motor mit mehr Drehmoment. Darin besteht der technische Fortschritt der ER-6. Den optischen sieht man hier.
Kawasaki ER-6n: Neuer Rahmen, neue Schwinge, modifizierte Ergonomie und ein Motor mit mehr Drehmoment. Darin besteht der technische Fortschritt der ER-6. Den optischen sieht man hier.

Änderungen im Überblick

Neuer Doppelrohr-Rahmen
Zwei parallel liegende Rohre überm Motor (früher gabelte sich der Rahmen, führte das untere Rohr seitlich am Motor entlang). Heckrahmen als schlanke Backbone-Konstruktion.

Schwinge ebenfalls in neuer Doppelrohr-Konstruktion 
Sie trägt hochwertigere Kettenspanner.

Neue Federelemente
Länge und Federweg des Federbeins um fünf mm größer; die Vorderradgabel ist 15 mm länger mit fünf mm längerem Federweg. Vorn wie hinten weichere Federn mit angepasster Dämpfung. Radstand, Nachlauf und Lenkkopfwinkel geringfügig größer.

Der Schalldämpfer
steht etwas steiler, hat vorne rechts mehr Volumen und trägt neue Kats.

Interferenzrohr zwischen den Krümmern soll zusammen mit neuem Mapping und größerem Auspuff mehr Drehmoment unterhalb von 7000/min liefern.

Ansaugkanäle liegen nun zwischen den Rahmenrohren.

Neue Instrumente sitzen weiter hinten, überm Lenker. Neue Funktionen: Restkilometer, momentaner und durchschnittlicher Kraftstoffverbrauch sowie Anzeige für wirtschaftliche Fahrweise. Das Zündschloss sitzt jetzt vor dem Tank.

Kompakteres ABS-Steuergerät mit weiterentwickeltem Prozessor für feinere ABS-Steuerung.

Scheinwerfermaske kompakter: kürzer und schlanker. Dar-unter schirmen neue Plastikprotektoren die Gabel-Standrohre vollflächig ab.

Größerer Tank
Der Stahltank ist 20 mm höher; Volumen 16,0 statt bislang 15,5 Liter.

Ergonomie
Lenker ist zwei Zentimeter breiter als bisher. Fahrer- und Soziussitz nun zweiteilig mit dickerer Polsterung für mehr Komfort. Neu gestaltete Soziushaltebügel.

Neue Kühlerabdeckungen
wirken von vorne betrachtet schmaler. Die zuvor in die Kühlerabdeckung integrierten vorderen Blinker sitzen jetzt seitlich an der Lampenmaske.

Heckverkleidung 10 mm kürzer, neu gestaltetes LED-Rücklicht.

Luftfilter mit Papierfiltereinsatz (zuvor ölgetränkter Schaumstoff).

Zuladung auf 200 kg
erhöht Heckrahmen und Felge vorn stabiler.

Foto: Kawasaki
Kawasaki ER-6n Leistungsdaten (Hersteller): 72,1 PS bei 8500/min und 64 Nm bei 7000/min.
Kawasaki ER-6n Leistungsdaten (Hersteller): 72,1 PS bei 8500/min und 64 Nm bei 7000/min.

Technische Daten

Motor
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, eine Ausgleichswelle, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 38 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 336 W, Batterie 12 V/14 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 46:15.
Bohrung x Hub 83,0 x 60,0 mm
Hubraum 649 cm³
Nennleistung 53,0 kW (72 PS) bei 8500/min
Max. Drehmoment 64 Nm bei 7000/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 41 mm, Zweiarmschwinge aus Stahl, Federbein, direkt angelenkt, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 300 mm, Doppelkolben-Schwimmsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Einkolben-Schwimmsattel, ABS.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 4.50 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 160/60 ZR 17

Maße+Gewichte
Radstand 1410 mm, Lenkkopfwinkel 65,0 Grad, Nachlauf 110 mm, Federweg v/h 125/130 mm, Sitzhöhe 805 mm, Gewicht vollgetankt* 206 kg, zulässiges Gesamtgewicht 406 kg, Tankinhalt 16,0 Liter.
Garantie zwei Jahre
Farben Gelb, Schwarz, Weiß
Leistungsvarianten 25 kW (34 PS)
Preis k. A.

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