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Kawasaki Ninja H2R im PS-Fahrbericht Der pure Wahnsinn

Wer ist je schon einmal mit über 300 PS auf zwei Rädern gefahren? Das ist der pure Wahnsinn! Brutaler als die 330 km/h Topspeed fühlt sich alles dazwischen an. Die Kawasaki Ninja H2R im PS-Fahrbericht.

Wir haben uns in der Redaktion richtig um diesen Fahrtermin gestritten. Klar, wir sind alle schon Superbikes auf allen möglichen GP-Strecken gefahren, teilweise sogar mit MotoGP-Boliden. Aber über 300 PS und 165 Newtonmeter Drehmoment – das haben nicht einmal Márquez und Co. je hier in Katar erlebt. Ich trage das lange Streichholz jetzt als Glücksbringer mit mir rum. Aber geschluckt hab ich schon und einen Moment gezweifelt, ob es wirklich Glück ist, als mich die Kawasaki Ninja H2R mit infernalischem Gebrüll zum ersten Ritt auffordert.

Süffisant grinsend hält der Kawasaki-Mechaniker die Kawasaki Ninja H2R an den Lenkerstummeln, als läge meine Seele ausgebreitet vor ihm. Kurz dreht er noch mal am Gasgriff. Die Erde bebt tatsächlich, das Leder der eigentlich satt sitzenden Kombi flattert. Ein seltsames Zwitschern drängt sich durch die Ohrstöpsel, wie das Kichern des Leibhaftigen. Das ist der mit Überschallgeschwindigkeit drehende Rotor des Kompressors. Gott sei Dank sind frische Bridgestone V01-Slicks schön vorgeheizt aufgezogen.

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Augen zu und durch, mein Junge.

Am Adieu-Strich der Boxenausfahrt ist es dann so weit: Die Kawasaki Ninja H2R tritt beim beherzten Dreh am Gasgriff sofort so brachial an, brüllt ihre Power derart gnadenlos in die Wüstenhitze von Katar, dass sämtliche Finger prophylaktisch nach dem Bremshebel tasten. Und schon steht die lang gezogene Rechtskurve des Loseil-Circuit an. In die sich das schwarze Ungeheuer erstaunlich leicht einlenken lässt. Das ist jetzt vielleicht nicht Superbike-Niveau, aber jedes große Naked Bike gäbe sich widerspenstiger. Die Sitzposition ist sportlich, aber dennoch moderat. Die Kawasaki ZX-10R trägt dagegen ihre Stummel zehn Millimeter tiefer, die Rasten weiter hinten. 

Das Gewicht der Kawasaki Ninja H2R ist trotz wunderschönem Karbon und feinstem Material überall mit 216 Kilogramm natürlich nicht zu unterschätzen und man spürt das im Schiebebetrieb bis an den Scheitelpunkt der Kurve, aber das Handling dieses aufgeladenen schwarzen Teufels ist überraschend gut.

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Holla die Waldfee!

Dazu trägt sicher der filigrane Gitterrohrrahmen bei, an dem jede feine Strebe ihre genau austarierte Bestimmung hat, um möglichst hohe Steifigkeit und Stabilität für die beeindruckenden Leistungsdaten zu garantieren. Dass es ein Gitterrohr- und kein Brückenrahmen wie an der 10er wurde, liegt außerdem an der besseren Kühlung für den Motor durch möglichst viel Fahrtwind. Jetzt kommt die kurze Gerade auf ein fieses Links-Eck, ich ziehe in gewohnter Manier am Gasgriff der Kawasaki Ninja H2R und ...

Die Kawasaki Ninja H2R stürmt gleich wieder so brutal los, dass an einen geordneten Brems- und Einlenkpunkt nicht mehr zu denken ist. Mit gehörig Druck auf der Bremse lässt sich das Biest gerade noch rechtzeitig einfangen, um die Links ohne großen Gesichtsverlust zu packen. Schnell umlegen auf den leichten und deshalb furchtbar schnellen Rechtsknick – was ebenfalls einfach geht –  und außen an den Curbs wieder furchtlos am Gasgriff gedreht. Wahnsinn! Die Kawasaki katapultiert ihren Reiter derart großkotzig voran, hebt leicht das Vorderrad – für so etwas muss Baron von Münchhausen seine Kanonenkugel herbeilügen, auf der H2R ist das allzu real. So etwas habe ich noch nie erlebt. Krampfhaft schließen sich die Finger um die Griffe, stemmen sich die Ballen in die Rasten und rutscht der Hintern in das prima abstützende Sitzpolster. „Unfassbar“, schießt es einem unwillkürlich durch den Kopf, da sausen die  300-, 200- und 100-Meter-Schilder wie im Schnellsuchlauf vorbei.

ABS der Kawasaki Ninja H2R regelt gewaltig spät

Gut, dass die Kawasaki Ninja H2R ein zuverlässiges Bremssystem bekommen hat. Die Fertigungstoleranzen, so betont Kawasaki-Sprecher Martin Lambert, sind bei Brembo für die H2-Auswahl nochmals verringert worden. Zwar ist die Bremse nicht so brutal bissig wie etwa bei einer Ducati Panigale, aber sie ist verdammt stabil und das ABS regelt gewaltig spät.

Ebenfalls passend sind die Dämpfer der Kawasaki Ninja H2R. Die Kayaba-Gabel stützt sich gekonnt gegen die harten Bremsattacken, während sich das Federbein hauptsächlich beim Herausbeschleunigen gegen die Gewalt im Antriebsstrang stemmt und für relativ wackelfreie Zwischensprints sorgt. Auf dem topfebenen Kurs hat das Fahrwerk sonst kaum etwas zu tun, fiese Schläge oder welliger Belag sind im Emirat kein Thema.

Foto: Kawasaki
Entsprechend erklären die Kawa-Techniker auch die harte Gasannahme: sie schwören, dass man dies auch mit Kompressor-Aufladung weicher hinbekommen würde, sie sich aber wegen des
Entsprechend erklären die Kawa-Techniker auch die harte Gasannahme: sie schwören, dass man dies auch mit Kompressor-Aufladung weicher hinbekommen würde, sie sich aber wegen des "Wow-Gefühls" für den Fahrer bewusst so entschieden hätten.

Jetzt befinden wir uns mitten im verwirrenden Geschlängel der Katar-Piste. Alles sieht irgendwie gleich aus, es geht rechts, dann immer wieder links, und dann wieder rechts herum. Lediglich die Radien ändern sich, was allerdings am Kurveneingang nicht wirklich ersichtlich ist. Außerdem ist alles sehr flach, Orientierungspunkte gibt es kaum. Und hätte man damit nicht schon genug Arbeit, macht es einem die harte Gasannahme der Kawasaki Ninja H2R nicht leichter. Wer einmal vom Gas geht, erlebt beim feinsten Dreh einen solchen Ruck, dass die Linie schnell im Eimer ist. Zwar macht die H2R das um einiges besser als ihre straßenzugelassene H2-Schwester, aber das Phänomen ist auch bei ihr etwas des Guten zu viel. Die japanischen Techniker schwören auf Nachfrage, dass man dies auch mit Kompressor-Aufladung weicher hinbekommen würde, sie sich aber wegen dem „Wow-Gefühl“ für den Fahrer bewusst dafür entschieden hätten. Für mich war‘s eher ein „wtf-Gefühl“, aber bitte.

Bei jedem Herausbeschleunigen und auf den kurzen Sprintabschnitten versöhnt die Kawasaki Ninja H2R für diesen Makel mit ihrem einzigartigen Kick. Wenn die Ansaugluft bei der R-Version durch beide Rüssel strömt und im Gegensatz zur H2 schärfere Nocken, die höhere Verdichtung und ein geändertes Mapping ihren Dienst tun, dann verschiebt sich gefühlt das Raum-Zeit-Kontinuum und es wird offenbar: Genau für dieses Gefühl wurde die 50.000-Euro-Kanone gebaut. 200 Liter Luft jagen pro Sekunde durch den Lader – da bleibt kein Auge trocken.

The ride of your lifetime?

Spätestens auf der einen Kilometer langen Zielgeraden zeigt die Kawasaki Ninja H2R dann, warum die Kawasaki-Designer so wenig Gestaltungsfreiheit hatten und jeder Flügel und jede Kante bitter nötig sind, um diesen Vogel am Abheben zu hindern. Mühelos lassen sich die Gänge per Schaltautomat durchsteppen. Der Fahrer kann sich ideal hinter der Verkleidung wegducken. Dann bricht der Orkan los. Im Cockpit steigt die Boost-Anzeige auf die maximal vier Symbole, aber allzu lange sollte man sich diesem Anblick nicht hingeben, denn im Nu ist die 250-km/h-Grenze durchbrochen. Dann steht 300 im Tacho – da ist gerade erst die Ziellinie erreicht. Vor dem Bremspunkt stehen wir bei knapp 330 km/h.

Da liegt die Kawasaki Ninja H2R so satt, dass der absolute Topspeed gar nicht so beeindruckend ist. Wirklich tief ins Gemüt greift dieses Erlebnis erst auf der Bremse. Wer aus der Verkleidung auftaucht und entschlossen in die Stopper greift, dabei den Rasenteppich und das dahinter liegende Kiesbett immer noch in einem irren Speed auf sich zufliegen sieht, weiß 330 km/h auf einem Zweirad wirklich einzuschätzen.

Und dann geht es wieder hinein in die nächste Runde, gewöhnt man sich an Strecke und Eigenheit des Bikes. Bald drifte ich mit fein regelnder TC aus den Ecken, hebt sich moderat das Vorderrad in die Luft. Letzte Sicherheit vor Highsidern und Überschlägen bieten aber weder TC noch Wheelie-Kontrolle. Die brutale Gewalt der Kawasaki Ninja H2R sollte man immer noch mit der rechten Hand und kühlem Kopf bändigen, denn das Kawa-System ist fast fünf Jahre alt und wird vermutlich erst in der nächsten ZX-10R auf den neuesten Stand gebracht. Aber mit den letzten Prozent Selbstschutz im Hinterkopf ist die H2R tatsächlich das, was der Slogan auf der Pressemappe verspricht: The Ride of your Lifetime.

Video zum PS-Fahrbericht der Kawasaki H2R

Das Video zum Fahrbericht der Kawasaki Ninja H2R im ersten Tracktest in Katar.
Foto: Kawasaki
Damit ist sie zwar 22 kg leichter als das Schwestermodell H2, ...
Damit ist sie zwar 22 kg leichter als das Schwestermodell H2, ...

Technische Daten Kawasaki Ninja H2R

Kawasaki Ninja H2R

ANTRIEB

Vierzylinder-Reihenmotor mit Kompressor, vier Ventile/Zylinder, 228 kW (310 PS) bei 14.000/min, 165 Nm bei 12.500/min, 998 cm³, Bohrung/Hub: 76,0/55,0 mm, Verdichtung: 8,3:1, Zünd-/Einspritzanlage, 50-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbad-Anti-Hopping-Kupplung, Sechsganggetriebe, Kette

 

FAHRWERK

Stahl-Gitterrohrrahmen, Lenkkopfwinkel: 64,9 Grad, Nachlauf: 108 mm, Radstand: 1450 mm, Ø Gabel­innenrohr: 43 mm, Federweg v./h.: 120/135 mm

 

RÄDER UND BREMSEN

 Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17/6.00 x 17, Reifen vorn: 120/60 ZR 17, hinten: 190/65 ZR 17, 330-mm-Doppelscheibenbremse mit Vierkolben-Schwimmsätteln vorn, 250-mm-Einzelscheibe mit Zweikolben-Festsattel hinten, ABS

 

GEWICHT

216 kg (vollgetankt), Tankinhalt: 17 Liter Super

 

GRUNDPREIS

 50.000 Euro (zzgl. NK)

Urteil

Die Kawasaki Ninja H2R ist ein einzigartiges Motorrad, mit dem Kawasaki zeigt, was sie draufhaben und wohin die Reise in Zukunft gehen könnte. Dazu sollte aber die ultraharte Gasannahme unbedingt noch behoben werden, denn sonst ist die H2R erstaunlich ausgewogen. Ein weiteres Problem bleibt allerdings noch: Auf welchen europäischen Rennstrecken kann man dieses mega-laute Bike überhaupt noch fahren?

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