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In PS 6/2016: Kawasaki Ninja ZX-10R - Nachtest der Bremse.

Kawasaki Ninja ZX-10R Nach-Test der Bremse Stoppsport

Erst sensationell bei der Premiere, dann mit großem Fragezeichen beim Vergleichstest – die Bremse der neuen Kawasaki Ninja ZX-10R schrie nach einem weiteren Test.

Rückblick: Etwas ratlos standen wir nach dem Superbike-Test (PS 05/2016) in der Box in Aragon. Der PS-Tester, Ex-Rennfahrer Christian Kellner und der spanische Kollege Sergio Romero waren von der Bremse der Kawasaki Ninja ZX-10R enttäuscht. Als uns auch noch der englische Kollege von MCN in Aragon zufällig über den Weg lief und nach deren Test ebenso kritisch mit der Kawa-Bremse ins Gericht ging, fühlten wir uns bestätigt. Das Bremssystem ging bei der Vorstellung des neuen grünen Superbikes in Sepang (mit deaktiviertem ABS) noch derart sportlich zur Sache, dass wir einfach nicht nachvollziehen konnten, warum es uns in Aragon (ABS nicht deaktivierbar) nicht genauso punktgenau agieren ließ.

Gut, es war kälter, die Bremsscheiben noch von Sepang am Motorrad und die Beläge nicht mehr ganz frisch, aber völlig runter waren sie vor dem Reifenwechsel für die Zeitenhatz auch nicht. Knapp die Hälfte des Belags war noch drauf, und während des ganzen Tests hatte der Verschleiß der Bremsbeläge dem Bremsverhalten nichts anhaben können – weder zum Positiven noch zum Negativen.

Über die ganzen zwei Testtage inklusive Zeitenfahrt war der Druckpunkt im Bremshebel zwar da, aber das direkte Gefühl fehlte und ab einem gewissen Druck in der Bremshand setzte die Bremse jedweden weiteren Kraftaufwand einfach nicht mehr in Verzögerung um. So war es unmöglich, bei engagiertem Rundenbolzen die Scheitel der Kurven sauber zu treffen. Logische Folge: Die Kawasaki Ninja ZX-10R kam nicht auf Top-Rundenzeiten.

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Scheiben aus Aragon nochmal montiert

Um der Sache richtig auf den Grund zu gehen, baten wir Kawasaki um Durchsicht der Maschine und einen erneuten Testtermin. Der fand bei einem Speer-Training in Hockenheim statt (speer-racing.de). Kawasaki kritisierte zunächst, dass wir die Bremsbeläge beim Rennstreckentest zuvor auf jeden Fall vor der Rundenzeitenjagd hätten wechseln sollen. Demnach sollten die Beläge bei etwas weniger als halber Belagstärke für den Racing-Einsatz unbedingt getauscht werden.

Wir fuhren mit leicht eingebremsten Belägen los und konnten sofort bestätigen, dass die Bremse nun einiges besser funktionierte. Die Verzögerung war spürbar besser. Allerdings auch die Bedingungen, denn den kühlen Temperaturen in Aragon standen Frühlingssonne und warmer Asphalt gegenüber. Ebenso gut bremste die Kawasaki Ninja ZX-10R auch mit den Scheiben, die in Aragon am Rad waren und den bau­gleichen Reifen, die wir für die Vergleichbarkeit nochmals montiert hatten.

Liegt es also doch an der Belagstärke, ob die Bremse der Kawasaki Ninja ZX-10R gut funktioniert? Den Anschein machte der Test. Zwar fehlte uns immer noch das knackige Gefühl in den Fingern und die Progression einer echten Racing-Bremse, aber der Fortschritt war offensichtlich.

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Superbike-würdige Bremse mit deaktiviertem ABS

Zweiter Testteil: Die Kawasaki-Techniker kamen unserer Bitte nach, einen Dongle mitzubringen, ein Teil aus dem Racekit, eigentlich ein kleiner Stecker, mit dem sich das ABS abschalten lässt. Schnell unter der Sitzbank in die entsprechende Kabelverbindung gesteckt, deaktivierten wir damit nun das ABS wie auch in Sepang und zogen erneut unsere Runden. Und – bäng – da war sie wieder, die Superbike-würdige Bremse der Kawasaki Ninja ZX-10R! Knackiger Druckpunkt, mit jedem Hauch mehr Fingerkraft stieg die Verzögerung und die Kawa traf jeden Scheitel wie ein feines Renneisen.

Wie ist das möglich? Für die Antwort muss man zunächst einmal grob wissen, wie das Bosch-Bremssystem funktioniert. Zur Veranschaulichung gibt es [im Heft und im PDF als Download] eine Grafik. Wir haben uns nach dem Test die Funktionsweise von den Technikern nochmals erklären lassen. Prinzipiell wird über den Primärkreislauf des ABS-Bremssystems gebremst und der Bremsdruck über einen Sensor erfasst. Je nach Bremsdruck reagiert das Einlassventil im Primärkreislauf und schließt diesen, wenn der Bremsdruck zu hoch ist bzw. die Sensoren am Rad ein drohendes Blockieren erkennen. Dann wird über den Sekundärkreislauf mit den bekannten ABS-Reaktionen gebremst.

Leider nur ein Modus fürs ABS

Allerdings wohnt diesem System auch eine sogenannte Gradientenkontrolle inne, die schon im Primärkreislauf agiert. Bremst demnach ein versierter Fahrer im ABS-Modus etwa auf der Rennstrecke aufgrund seiner Erfahrung sportlich, steigt der Druck im Bremskreislauf also auch sehr stark und zügig an, und sind die Bedingungen etwa aufgrund kühlen Wetters und Reifenmischung entsprechend, macht das Einlassventil langsam zu und leitet um auf den Sekundärkreislauf. Man könnte das als erste Regelstufe des ABS auslegen. Entsprechend zahnlos wirkt dann eben auch die Bremse der Kawasaki Ninja ZX-10R, denn man fühlt im Hebel das sich schließende Ventil und nicht die Zangen, wie sie auf die Scheiben beißen.

Die entscheidende Information ist aber die, dass jeder Hersteller diese Gradientenkontrolle in der Regel selbst appliziert, also bestimmt, wann das System entsprechend reagiert. Damit man so auf Landstraße, Rennstrecke oder auch nasse Straßen reagieren kann, haben einige Fahrzeughersteller mittlerweile ein ABS-System mit mehreren Modi verbaut. Entsprechend vom Piloten gewählt, reagiert das System im Regen empfindlich, etwas großzügiger auf trockener Straße, noch großzügiger auf der Rennstrecke.

Dongle für Rennstrecken-Fahrer

Kawasaki hat für die neue Kawasaki Ninja ZX-10R allerdings nur einen Modus für das ABS und diesen entsprechend konservativ gewählt, damit auch im Regen auf der übelsten Landstraße nichts schiefgehen kann. Entsprechend früh regelt das System in erster Instanz mit dem Einlassventil auf starken Bremsdruck – mit den von uns erfahrenen Auswirkungen, noch verstärkt durch die kühle Witterung und die extrem weiche Reifenmischung (K1 im Metzeler Racetec RR). Und hauptsächlich deshalb machte die Bremse ihre Arbeit mit ABS in Hockenheim besser als in Aragon.Der eingesteckte Dongle bewirkt nun, dass das Einlassventil immer offen bleibt und mit ausgeschaltetem ABS ausschließlich per Primärkreislauf gebremst wird, dieses System also unmittelbar arbeitet, wie wir das seit jeher von Bremsen kennen. Deshalb fühlen sich die Brembo M50-Zangen jetzt bei entsprechender Fahrweise auch wie eine echte Racing-Bremse an. Der Druckpunkt ist knackig, die Verzögerung fein dosierbar und progressiv mit der eingesetzten Handkraft. Man fühlt jetzt den Belag in die Scheiben „beißen“.

Aus diesem Grund empfehlen wir versierten Piloten, die die ZX-10R ausschließlich auf der Rennstrecke nutzen, sich den Dongle für zirka 22 Euro zu besorgen. Er ist Teil des Race-Kits, bei Benutzung auf öffentlichen Straßen erlischt die Betriebserlaubnis. Wer die Kawasaki Ninja ZX-10R ausschließlich auf der Landstraße bewegt, wird das Problem wohl nicht haben, es sei denn, er fährt und bremst über den Verhältnissen.

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