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Kawasaki W3 im Studio Nur zwei Stück deutschlandweit

Ganze zwei Exemplare - mehr Kawasaki W3 haben es tatsächlich nicht nach Deutschland geschafft. Dieses 1973er-Exemplar hat Ralf Gille einst in Einzelteilen erworben. Und daraus mit viel Können und noch mehr Leidenschaft ein atemberaubend schönes Schmuckstück gebaut, das hierzulande nahezu unbekannt ist.

Der Mann hat eine große Schwäche, das ist in der Klassik-Szene mittlerweile ein offenes Geheimnis. Wer Ralf Gille kennt, weiß, dass sein Herz – wenn es nicht gerade im ­Zweitakt schlägt – den urigen Parallel-Twins aus Akashi gehört.

Weshalb er für Gleichgesinnte zu den kompetentesten Ansprechpartnern zählt, wenn es um die hierzulande eher seltenen Viertakter von Kawasaki geht. Und das sogar weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. In der weltweiten Gemeinde der anglophilen Nippon-Twins hat sich nämlich rumgesprochen, dass Ralfs Schwäche für die W-Modelle von Kawasaki zugleich auch seine große Stärke ist. 

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Ralf Gille ist für seine Passion bekannt

Denn der Frankfurter kümmert sich nicht nur um Restaurierungen, sondern auch um die Teileversorgung für die 650er-Kawas. Was gebraucht nicht mehr zu haben ist, lässt er entweder in Eigen­regie oder bei FineTech Fukai nachfertigen. Für den japanischen W-Spezialisten hat er sogar den weltweiten Teilevertrieb übernommen.

So gibt es bei dem 54-jährigen Ingenieur für Verfahrenstechnik, der sich mit seinem Betrieb (www.gille-restauration.de) mittlerweile voll und ganz den klassischen Motorrädern widmet, neben Gummi­teilen, Kabelbäumen oder Kolbensätzen auch komplett neu aufgebaute Maschinen. Wie zum Beispiel unser Studiomodell hier, eine in Europa ultra-rare Kawasaki W3 des Baujahres 1973.

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Foto: Bilski
Für die originalgetreue Lackierung musste sich Wolfgang Pühler mit einem Foto als Vorlage begnügen.
Für die originalgetreue Lackierung musste sich Wolfgang Pühler mit einem Foto als Vorlage begnügen.

Dabei handelt es sich um die letzte Variante der 1965 mit der W1 begründeten Paralleltwin-Familie von Kawasaki. Jene basierte auf einer Meguro-Konstruktion von 1959, deren offensichtliches Vorbild die BSA A7 war (Modellgeschichte in MOTORRAD Classic 8/2014). Die Kawasaki W3 wurde von 1972 bis 1974 nur noch in Japan, Australien und Neuseeland verkauft. Nicht aber in den USA, weshalb selbst Spezialisten wie Ralf Gille nur mit Glück an so eine Maschine kommen. „Ich habe diese W3, die komplett zerlegt und nicht mehr vollständig war, 2010 in Pennsylvania gekauft. Es ist eine Maschine mit einer bewegten Vorgeschichte.

Ein GI hatte die Kawasaki W3 nach seinem Militärdienst in Japan 1982 in die Staaten mitgenommen. Dann landete sie 1987 bei einem bekannten Motorjournalisten in Kalifornien, der die Kawasaki irgendwann an Joel Samick, einem ehemaligen AMA-Rennfahrer, verkaufte. Samick organisiert in Pennsylvania Retro-Touren mit ausschließlich zweizylindrigen Motorradveteranen. Auf ihn bin ich durch eine ebay-Anzeige in den USA aufmerksam geworden, in der er neben einer W1 weitere Teile zum Verkauf angeboten hatte. Das waren eben jene der W3, und so habe ich sofort zugeschlagen.“

Aus gutem Grund. Denn eine Kawasaki W3 ist nicht nur relativ selten – insgesamt wurden nur 4430 Stück gebaut –, sondern auch teuer. In Japan erfreut sie sich großer Beliebtheit, da sie von allen W-Modellen die beste Alltagstauglichkeit besitzt, mit Doppelscheibenbremse vorn und dem Vierganggetriebe der W1SA, das links und über ein konventionelles Schema geschaltet wird. Telegabel und die Doppelscheibe der W3 ähneln zwar den Bauteilen der Z1, sind aber nicht identisch, weiß Gille. Das gilt ebenso für die Instrumente, die Zifferblätter mit anderen Skalen beherbergen. Weitere Unterschiede zu früheren Modellen betreffen das Lenkschloss und die Halter der Soziusrasten.

Sitz der Kawasaki W3 besitzt ­eigen­ständige Form

Und ein Mehrgewicht von rund 17 ­Kilogramm, „das beim Fahren durchaus zu spüren ist, weil die Zusatzpfunde ausschließlich vorne angesiedelt sind“. Bis Ralf Gille diese Erkenntnis gewinnen durfte, vergingen jedoch fast vier Jahre. Da er die Kawasaki W3 für sich behalten wollte, hatte er keine Eile mit dem Neuaufbau. Zumal im Teilepaket aus den USA einige entscheidende Positionen fehlten. Beispielsweise Teile der Elektrik und vom Schaltgestänge.

Ebenso der hintere Kotflügel, die Endrohre und die Sitzbank. Was die originalgetreue Restaurierung doch er­heb­lich erschwerte, weil die Schalldämpfer und das Sitzmöbel bei der W3 eine ­eigen­ständige Form besitzen. „Vor allem der W3-Auspuff mit den sich nach hinten ­konisch verjüngenden Dämpfern ist extrem selten, davon gibt es außerdem keine Reproduktionen“, zeigt der Experte die Schwierigkeiten bei der Kawasaki W3 auf.

Hervorragende Kontakte nach Japan

Dank seiner hervorragenden Kontakte nach Japan konnte er über seine dortigen Partner jedoch einen gut erhaltenen Originalauspuff auftreiben, der nach dem Verchromen nun ebenso neu glänzt wie die Nachbildung des hinteren Kotflügels. „Wegen der problematischen Teileversorgung bei der W3 war dies die bislang aufwendigste W-Restaurierung“, erzählt Ralf Gille, der mit Ausnahme der Lack- und Chromarbeiten sowie dem Honen der ­Zylinder alle Arbeiten selbst erledigt hat. So fand die Restaurierung im Herbst 2014 ihr glückliches Ende.

Zumindest für Ralf Eichentopf, der seinem Kumpel nach zwei Jahren heftigen Baggerns die W3 tatsächlich abschwatzen konnte. Da hat der eine Ralf dem anderen in einem schwachen Moment ein ganz starkes Angebot gemacht, das dieser nicht ablehnen konnte. „Na ja, wenigstens weiß ich, dass die Kawasaki W3 bei Ralli in guten Händen ist“, tröstet sich Gille darüber hinweg. Und ist natürlich längst wieder auf der Suche nach einem GI, der nach seinem Militärdienst in Japan dereinst vielleicht eine W3 nach Amerika mitgenommen hat. Wer nun eventuell selbst mit einem W-Modell liebäugelt, ist bei Ralf Gille an der richtigen Adresse. Weil der Mann nicht nur eine Schwäche für diese Kawasakis hat. Sondern, wie man hier sehen kann, auch ganz starke Argumente.

Foto: Bilski

Technische Daten Kawasaki W3

Kawasaki W3 (1973)

Motor:
Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, eine untenliegende Nockenwelle, je zwei Ventile pro Zylinder, über Stoßstangen und Kipphebel betätigt, Bohrung 74 mm, Hub 72,6 mm, 624 cm³, Verdichtung 9:1, 53 PS bei 7000/min, Ölbadkupplung, Vierganggetriebe, Kettenantrieb 

Fahrwerk:
Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabelvorn, Zweiarmschwinge hinten, Doppelscheibenbremse vorn,Trommelbremse hinten,

Gewicht:
217 kg vollgetankt
Tankinhalt 15 l

Kontakt:
www.gille-restauration.de

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