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Kawasaki ZXR 750 RR im PS-Tracktest Helden-Verehrung

PS-Tester trifft nach 20 Jahren auf sein Traum-Bike von damals. Nicht irgendein alter Ofen, sondern die Kawasaki-Granate von WM-Hero Jochen Schmid. Die Kawasaki ZXR 750 RR im PS-Tracktest.

Am Ende war Paul an allem Schuld. Er hatte mich 1995 einige schlaflose Nächte und dann komplett durchmalochte Semesterferien gekostet. Paul heißt Jochen Schmids Kawasaki ZXR 750 RR. Mit ihr lehrte der Backnanger Pro Superbike-Held beim WM-Lauf im Mai jenes Jahres Carl Fogarty und die restliche ­Superbike-WM-Elite das Fürchten. Schmid sackte bei seinem Wildcard-Einsatz schließlich in beiden Läufen ein Podium ein, einmal Dritter, einmal Zweiter – ein Wahnsinn!

Für mich stand damit fest: So eine Kawasaki ZXR 750 RR– wenigstens ein Stück Paul – musst du haben! Und Monate später stand so ein Ding, wenn auch der Vorgänger mit den berühmten „Staubsauger-Schläuchen“, vor dem Studentenwohnheim. Das Original je einmal selbst fahren zu können, davon wagte ich nicht zu träumen. Doch genau das sollte jetzt passieren. Genau 20 Jahre nach Schmids Husarenritt, just am Ort des Triumphes – in Hockenheim. 

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Was für ein riesiges Motorrad!

Irre nervös betrat ich an jenem Morgen die Box 23. Schließlich waren dort alle Helden meiner stürmischen ­Motorrad-Jahre versammelt: Jochen Schmid, der heldenhafte Racer, Kurt Stückle, der legendäre Techniker und schließlich – da stand er wirklich: Paul! Beim Umkreisen werden Erinnerungen wach. An das Rennen, den PS-Artikel dazu, den Moment, als ich dann mit meiner eigenen Kawasaki ZXR 750 RR den ersten Ausritt durch den Schwarzwald machen konnte und leider auch, wie sie Wochen später an einer Böschung unweit von Freiburg weidwund dalag.

Als ob er gerade frisch aus der Kiste käme, strahlt Paul in den typischen Kawa-Farben der 1990er, diesem Giftgrün, Blau und strahlenden Weiß. Alles ist wie damals, sogar die alten PS-Aufkleber sind dran. Nur aus der damaligen Startnummer 20 ist die triumphale 2 für die Top-Platzierung geworden. Was für ein riesiges Motorrad, schießt es mir durch den Kopf, allein dieses Heck! Wahrscheinlich werden das ­ernüchternde Runden, weicht die höchst emotionale Ver­klärung der harten Realität, in der 20 Jahre Motorradentwicklung die Maßstäbe gewaltig verschoben hat.

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Foto: René Unger / Racepixx.de
Kawasaki ZXR 750 RR.
Kawasaki ZXR 750 RR.

Kurt Stückle und Eberhard Wurst, der schon im 250er-GP für Jochen Schmid schraubte, haben längst die Heizdecken über Pauls frische Slicks gezogen, alles akribisch vorbereitet. Doch bis zum passenden Turn ist noch Zeit, und so ­komme ich in den Genuss zahlreicher Racer-Geschichten und erfahre endlich, woher Paul eigentlich seinen Namen hat.

Ursprünglich war das Schmids Spitzname aus seiner ­Jugend, „und in Brünn kam er einmal miserabel vom Start weg“, grätscht Wurst ein. „Einer rief: Paul hat’s vermasselt, und wir schoben das dann aufs Motorrad.“ Jochen Schmid hat eine andere Version, denn genau diese eine Maschine war ihm immer die liebste. „Obwohl wir zwei völlig identische Kawas hatten“, erzählt er weiter. „Damit jeder im Team wusste, von welchem Motorrad ich spreche, haben wir Paul auf den Tank geschrieben.“

Material vom Allerfeinsten

Warum er damals die Weltelite so gebügelt hat, will ich natürlich wissen. „Das wirst du sofort merken, wenn du ein paar Runden gedreht hast“, ist sich Schmid sicher. „Das ­Motorrad ist handlicher als aktuelle Superbikes, und Kurt hatte Paul vom Motor bis zum Fahrwerk perfekt vorbereitet.“ Tatsächlich prangt an der Kawasaki ZXR 750 RR Material vom Allerfeinsten. Dazu gehört beispielsweise eine Kayaba-GP-Gabel, wie sie damals eigentlich nur die GP 500er-Werks-Suzukis bekamen. Über Beziehungen zum damaligen japanischen Kayaba-Chef in Deutschland lief das. Damit war die Truppe Schmid/Stückle sogar noch in der Folgesaison bei gemeinsamen Tests schneller als das Kawasaki-Werksteam auf güldenem Fahrwerk. „Kawasaki-Teamchef Harald Eckl hat uns danach nicht mehr zu den Tests eingeladen“, lacht Stückle.

Ein weiteres Sahnestück ist die von Stückle umgebaute Airbox. Für mehr Volumen wurde der Tank verkürzt und ­dafür auch der Einfüllstutzen versetzt. Aus 17 wurden 15 ­Liter Sprit. Das schuf Raum, um die Airbox geradezu auf ­Kofferraumgröße aufzublähen, in der die vier Keihin-Flachschieber-Rennvergaser die Luft für satte 160 PS am Rad ­ansaugen.

Erstaunlich nahe an einer aktuellen RSV4 dran

Ebenfalls ausgefallen wirkt die PVM-Bremse mit den Sechskolbenzangen, die gefräste Aluminiumbügel über den 330er-Scheiben halten. „Heutige Radial-Zangen sind ­natürlich noch ein Stück knackiger“, meint Schmid zur Brems­anlage, „aber mit den großen Scheiben packt die ganz ordentlich zu.“ Für Kurt Stückle liegt das ganz große Geheimnis aber in Pauls Geometrie. „Die ist erstaunlich nahe an einer aktuellen RSV4 dran“, erzählt der Allgäuer. „Die waren damals bei ­Kawasaki ja nicht blöd und haben mit dem Motorrad richtig Gas gegeben, alles reingepackt, was sie draufhatten. Das merkt man gerade beim Chassis der Kawasaki ZXR 750 RR.“

Dann wird es langsam ernst. Nur noch wenige Minuten. Jochen Schmid und Kurt Stückle gehen mit mir noch mal das Motorrad durch. Paul hat Rennschaltung, also erster Gang oben. Dann zieht Schmid einen Zettel raus, auf dem er die Gänge notiert hat. Ich schau ihn entgeistert an: Nord­kurve, Rechts Richtung Parabolika, Spitzkehre, Mercedes-Kurve und Sachskurve alles im ersten Gang – soll das ein Witz sein? „Der ist lang übersetzt, aber das passt genau so“, be­ruhigt mich Schmid und Stückle fügt gleich hinzu: „Zwischen 10.000 und 14.000 Umdrehungen – da geht die Post ab.“ Damals beim WM-Rennen war der erste Gang noch ­länger. „Deshalb hatte ich am Start meine Probleme, aber zwischen dem Zweiten und Sechsten war die Kawasaki ZXR 750 RR sehr eng ­gestuft und konnte, wenn sie erst mal in Schwung war, den anderen dann entsprechend Beine machen.“

Genug der Theorie, die Boxenampel schaltet auf Grün

Dann ist es so weit. Da Paul für minimalstes Gewicht ­keinen Anlasser hat, schiebt mich Stückle an. Und ich vermassel es! Paul will unter mir nicht anspringen. ­Während Stückle an diesem heißen Maitag vom Schieben schwitzt, rinnt mir der Schweiß vor Peinlichkeit. Kurz vor der Boxenampel heult der Vierzylinder endlich auf. Natürlich ­bekomme ich für mein mangelndes Gespür für Pauls ­Gefühlsleben nach dem Turn eine Rüge vom Techniker.

Kaum auf der Strecke, spanne ich dann den Hahn und flute die Vergaser, was erstaunlich leicht geht. An Schmids RC 30, die er ebenfalls mitgebracht hat, ist das deutlich schwerer. Mit Erreichen der 10.000/min-Marke reißt Paul dann an wie prophezeit und dreht so gierig 14.000 Touren entgegen, dass ich schnell den nächsten Gang reindrücke. Dafür hat Paul natürlich keinen Schaltautomat. Damals drehte man blitzschnell den Gasgriff ein wenig zu, nahm Zug vom Antrieb und gab dem Schalthebel ein wenig Druck mit der Fußspitze. So hat es mir Jochen Schmid zuvor noch erklärt und Paul lässt sich ganz flauschig schalten. Allerdings verlangen solche Schaltmanöver von uns elektronikverwöhnten Möchtegerns die Koordination von Gashand und Schaltfuß wie die eines Weltklasse-Schlagzeugers. Denn stimmt der Ablauf nicht 100-prozentig, will man zu viel zu schnell, ist Paul ein echter Verweigerer.

Auf der Bremse ist die Kawasaki ZXR 750 RR super-stabil

So schaffe ich es nicht ein Mal in meinen Runden, vom ersten Gang nach der Rechts hin zur Parabolika, wie Schmid es aufgemalt hat, bis zur tatsäch­lichen Parabolika-Einfahrt bis in den Dritten zu schalten. ­Entsprechend trägt es mich mit meiner verbissenen Schal­terei immer viel zu weit hinaus. Trotz dieser Unzulänglichkeit kann Paul erstaunlich lang mit den aktuellen 1000ern mit­gehen. Die Drehzahl darf freilich nicht unter 9500/min fallen, denn dann spratzelt es im Motor, ist Paul einfach nicht ­passend für das heiße Wetter bedüst. Noch so ein Problem, mit dem sich heute ­keiner mehr rumschlagen muss.

Am Ende der Parabolika spielt Paul dann eine seiner ganz großen Stärken aus. Auf der Bremse ist die Kawasaki ZXR 750 RR super-stabil. Da wackelt nichts, und auch beim gnadenlosen Rauslassen der Kupplung in den ersten Gang hält sie sauber die Linie. Keine Spur von Wedeln oder Stempeln. Und dann die Spitzkehre selbst: Irre, wie Paul da rum will.

20 Jahre? Das merkt man Paul nicht an

Am besten ist das Gefühl mit weniger Hanging-off als viel mehr reingedrückt. Und schon zieht Paul wieder an, hebt leicht das Vorderrad und bretzelt dann dem schnellen Rechtsknick entgegen, der sich mit der Kawasaki ZXR 750 RR so sauber treffen lässt wie mit einer astrein abgestimmten 600er. Kein Krafteinsatz nötig, ­einfach anvisieren, leicht am Lenker zupfen und rum. Dabei kann man auch Pauls Kurvenstabi­lität bewundern. Ganz großes Kino folgt dann im Motodrom, denn vom Einbiegen bis zur ­letzten Kurve auf die Zielgerade hängt Paul dann endgültig den Angeber raus. In meinem ­Lieblingsstück in Hockenheim reibt er mir ­nämlich die Klasse der Kayaba-Gabel derart unter die Nase, dass man wirklich das Gefühl hat, das Vorderrad in Händen zu halten. Da gleitet es sich derart sahnemäßig durch die Doppelrechts auf Start/Ziel – wunderbar!

Ein irrer Ritt. 20 Jahre? Das merkt man Paul einfach nicht an. Irgendwie erinnert mich das an eine piekfein gemachte aktuelle R6. Gut, auf so einer sitzt man viel kompakter und ist deutlich aktiver. Die ist aber auch viel nervöser auf der Bremse. Aber von der Drehzahlgier und dem Handling ist Paul verdammt nah dran, schiebt dafür dank Hubraumplus auch heute noch viel entschlossener. Die Erkenntnis hat sich nach den zwei Turns, die ich meinen Ur-Hero fahren durfte, festgebrannt: Die wussten damals verdammt genau, wie ein Siegerbike funktionieren muss. Und wie man ohne Schaltautomat und allem Elektronikkram schnell sein kann, hat Jochen Schmid dann eindrücklich bewiesen. Nach mir ballerte der Schwabenpfeil mal locker eine Zeit von 1.47 min auf den großen Kurs! Demütig und dennoch glücklich zog ich von dannen, denn meine Helden hatten mich allesamt nicht enttäuscht – ich hatte damals alles richtig gemacht.

Foto: fact
Absolut akribische Analytiker sind Kurt Stückle (stehend) und Jochen Schmid damals wie heute. Durch ihr perfektes Zusammenarbeiten ...
Absolut akribische Analytiker sind Kurt Stückle (stehend) und Jochen Schmid damals wie heute. Durch ihr perfektes Zusammenarbeiten ...

Weitere Infos zum Dreamteam Schmid/Stückle

Nachdem Jochen Schmid 1993 nach sechs Jahren als Privatfahrer aus dem 250er- Grand Prix ausstieg, rechnete er eigentlich mit einem rennfreien Jahr, denn er wollte in der Pro Superbike nur für eines der offiziellen Importeurteams fahren. Die waren aber alle voll. So auch das Kawasaki-Team, das mit dem Australier Rob Phillis und ­Michael Liedl antrat. Doch als Liedl für die Saison 1994 ausfiel, bekam Jochen Schmid seine Chance und traf so auf Kurt Stückle. Der war zu der Zeit bereits seit drei Jahren als Techniker im Team und bereitete die Maschinen in Leutkirch vor, wo er beim Honda-Händler Kraft als Mechaniker arbeitete. Doch Schmids und Stückles erstes gemeinsames Jahr in der Deutschen Meisterschaft kam nur mühsam in Gang. Beim ersten Rennen in Speyer wurde Schmid ­sogar überrundet. Zu Saisonmitte kam in Salzburg dann aber der erste Sieg, und im Jahr darauf war die Kawasaki ZXR 750 RR mit den beiden süddeutschen Protagonisten das Meister-Motorrad. Im selben Jahr startete das Duo dann mit einer Wildcard in der Superbike-WM in Hockenheim und setzte das ganz dicke Ausrufezeichen. Bis 1999 fuhr Schmid noch WM-Läufe. Heute führt er das familieneigene Busunternehmen in seiner Heimatstadt Backnang bei Stuttgart (www.schmid-busreisen.de). 

Kurt Stückle, der auch Max Neukirchner in der Superbike-WM und von Stefan Nebel bis Damian Cudlin in der IDM schon eine Menge Fahrer betreut hat, betreibt unter seinem Namen eine Tuning-Schmiede in Leutkirch (www.kurt-stueckle.de). Aktuell kümmert er sich um das IDM-Superbike und -Superstock-Bike von Luca Grünwald und Max Fritzsch – natürlich Kawasakis.

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