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KTM 1290 Super Adventure.

KTM 1290 Super Adventure im Top-Test Die stärkste Reiseenduro

Noch mehr Hubraum, Leistung, Drehmoment, Tankvolumen und reichere Ausstattung als die 1190er: Im Top-Test musste sich die KTM 1290 Super Adventure beweisen.

"Wozu-braucht-man"-Fragen sind in Mode bei uns Motorradfahrern. Sie werden bei j­eder technischen Neuerung gestellt, passen zu unserem gegen 50 strebenden Durchschnittsalter und verleihen dem Fragenden eine Aura skeptischer Weisheit. Im Fall der KTM 1290 Super Adventure drängt sich die Frage auf: Wozu braucht man eine Reiseenduro mit 160 PS? Die KTM beantwortet diese Frage nicht, fegt sie auch nicht beiseite, sondern entlarvt sie als bedeutungslos. Denn ihr aus der Super Duke stammender 1301-cm³-Motor kann so vieles so gut, dass man ihm nicht gerecht wird, wenn man nur auf die Höchstleistung schaut. Er kann im unteren Drehzahlbereich durch die Stadt oder über enge Schotterpisten gleiten, in der Mitte erst gemäßigt und dann immer mächtiger vorwärtsreißen und oben hinaus freudig bis an die Leistungsspitze bei 9300/min und darüber hinausdrehen.

Dabei wirkt er auf robuste Art kultiviert, v­ibriert hier und da ein wenig, ohne jedoch wirklich rau zu wirken. Bei der Überarbeitung der RC8 R für 2011 haben die KTM-Ingenieure erstmals die Vorteile größerer Schwungmassen erprobt; gegenüber der Super Duke hat die KTM 1290 Super Adventure noch mehr davon bekommen. Der Rundlauf ist spürbar verbessert. Unter Last bei niedrigen Drehzahlen hackt der große V2 längst nicht so rabiat auf den Hubzapfen ein, wie die 990er- und frühen 1190er-Motoren, trotzdem legt er eine Drehfreude an den Tag, die frappiert. Egal, ob im Sport- oder im Street-Modus, es ist zunächst kaum zu fassen, wie rasch die Super Adventure beim Beschleunigen Fahrt aufnimmt, doch wenn man sich erst daran gewöhnt hat und mit den Freudenlupfern des Vorderrads im Kurvenausgang spielt, beschert einem ihre zupackende Art Augenblicke puren Glücks.

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2 6,1 Liter auf 100 km bei gemäßigtem Tempo

Wer dann Hunderte von Kilometern später den Tank füllt, aufgefordert von der fast zu vorsichtigen Benzinstandanzeige, bekommt eine Ahnung davon, wie die Entwickler das Temperament ihres Motors befeuern: mit reichlich bemessenen Benzininjektionen. Die hochmoderne Einspritzung macht im Prinzip nichts anderes als die antiquierte Beschleunigerpumpe, sie macht es nur besser dosiert und effizienter. Resultat: Selbst bei gemäßigtem Tempo auf Landstraßen mit vielen Kurven, Anstiegen und Abfahrten verbraucht die KTM 1290 Super Adventure 6,1 Liter auf 100 Kilometern; leistungsfreudig gefahren können es aber auch zwei Liter mehr sein. Bei konstant 130 km/h nimmt sich der Großkolben-V2 immer noch 6,0 Liter.

Es war angezeigt, diesen Test mit der Würdigung des Motors zu beginnen, weil er das Fahrerlebnis mit der KTM 1290 Super Adventure anfangs völlig dominiert. Je länger man mit ihr unterwegs ist, desto genauer erkennt man, dass sie in den meisten Belangen günstige Voraussetzungen dafür schafft, das Potenzial ihres Motors zu nutzen.

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3 Flacher Lenkkopfwinkel, langer Radstand und Nachlauf

Dank dem breiteren Lenker sitzt es sich noch angenehmer auf der KTM 1290 Super Adventure als auf der 1190er; dass es einem wegen des ausladenden Tanks die Knie etwas weiter auseinanderzwingt, stört kaum. Bis weit in den sportlichen Bereich lässt sich das mächtige Motorrad locker steuern. Es bleibt dem Fahrer genügend Bewegungsfreiheit, um sich gegen die fulminante Beschleunigung zu stemmen oder mit dezentem Hanging-off nach der einen und der anderen Seite einen schnellen Schräglagenwechsel zu unterstützen. Auf ganz schmalen, kurvigen Straßen oder im Top-Test-Slalom – immer, wenn es auf den Zentimeter ankommt – wünscht man sich jedoch einen unverstellten Blick vors Vorderrad. Dort stören die breite Front und die Zusatz-Windabweiser hinter der Verkleidungsscheibe.

Mit flachem Lenkkopfwinkel, langem Radstand und Nachlauf – beide Werte deutlich länger als bei der BMW R 1200 GS Adventure – liegt die Fahrwerksgeometrie der KTM 1290 Super Adventure auf der fahrstabilen Seite der Skala. Das ist auch zu spüren; sie will mit ordentlich Zug am Lenker in Schräglage geklappt werden. Doch daran gewöhnt sich der Fahrer schnell, zumal das steife Fahrwerk präzises Lenken erlaubt und gute Rückmeldung bietet. Man muss nicht fürchten, den Lenkeinschlag zu überziehen. Der lange Radstand ist auch ein gutes Mittel, die bei den langen Federwegen ausgeprägten Nickbewegungen des Motorrads ein wenig zu bremsen.

4 Fahrstufen der KTM 1290 Super Adventure praxisgerecht

Den größten Anteil an dieser Aufgabe übernimmt jedoch die semiaktive Dämpfung der WP-Federelemente. Sie verarbeitet ständig die Messwerte aller möglichen Sensoren und reguliert je nach Fahrsituation und Beschaffenheit der Fahrbahn die Dämpfung nach – das Klackern der Ventile ist deutlich zu hören. Beim Bremsen erhöht sie a­lso vorn die Druckdämpfung und nimmt hinten die Zugdämpfung zurück, beim Beschleunigen umgekehrt. Konstant bleibt während einer Fahrt die Vorspannung von Gabel und Federbein. Die des Federbeins kann im Stand bei laufendem Motor in vier Stufen an geänderte Beladung angepasst werden. Von der Solofahrerstufe bis hin zu zwei Personen mit Gepäck reicht das Spektrum bei der KTM 1290 Super Adventure, und die einzelnen Stufen erweisen sich als praxisgerecht gewählt.

Das kann man zusammenfassend auch der Dämpfung des Federbeins attestieren, abgesehen vielleicht von einer etwas zu sanften Abstimmung im Komfort-Modus. Für die meisten Situationen ist der Street-Modus der richtige, doch wer ordentlich hinlangen will, wird den Dämpfungsmodus Sport am Hinterrad schätzen lernen. In diesem Modus vermittelt die KTM 1290 Super Adventure ein unverfälschtes Gefühl für den enormen Grip des Hinterreifens. Selbst für den Zweipersonenbetrieb auf Holperstrecken eignet sich der Sport-Modus besser als der Komfort-Modus, der mit so geringer Druckdämpfung aufwartet, dass die Federung hinten manchmal durchschlägt oder sich so anfühlt, weil sie weit in den progressiven Bereich gerät.

5 Gabel arbeitet auf schlechten Straßen besser

Weniger gut zu verstehen ist die Dämpfungssteuerung der Gabel in manchen Situa­tionen. Sie spricht auf kleine Wellen, a­lso im sogenannten High-Speed-Bereich, nur zögerlich an. Soweit sich das feststellen lässt – eine Gabel, deren Dämpfung durch elektronisch gesteuerte Proportionalventile geregelt wird, lässt sich nicht so leicht prüfen wie eine konventionelle –, läuft die Gabel der KTM 1290 Super Adventure mechanisch leicht, das zögerliche Ansprechen scheint also durch die Hydraulik verursacht zu werden.

Woher es auch immer kommen mag, es verursacht in Kurven mit Bodenwellen ein ständiges leichtes Hüpfen der Frontpartie, das sich bei leichten Fahrern sogar zu richtigem Shimmy steigern kann. Etwas besser wird es im Komfort-Modus, während sich die Gabel im Sport-Modus wie blockiert anfühlt. Mit ziemlicher Skepsis begaben sich die MOTORRAD-Tester mit der KTM 1290 Super Adventure auf eine ausgesucht üble Schlechtwegstrecke, wurden dort allerdings angenehm enttäuscht: Wenn die Bodenwellen auf die Frontpartie regelrecht einschlagen, arbeitet die Gabel sehr gut, sogar der straffe Sport-Modus ist akzeptabel und Lenkerschlagen gar kein Thema. Für das viel häufiger anstehende normale Fahrprogramm würde man sich eine Abstimmung mit der Front des Komfort- und dem leicht abgesofteten Heck des Sport-Modus wünschen, doch dieser Mix ist bei der KTM 1290 Super Adventure nicht zu bekommen. So bleibt der Street-Modus der am ehesten akzeptable Kompromiss.

6 KTM 1290 Super Adventure mit Pendelneigung

Schwer zu verstehen ist auch die Pendelneigung der KTM 1290 Super Adventure, die sich in diesem Punkt nur geringfügig von der 1190 Adventure unterscheidet. Die Fahrwerksgeometrie bietet – wie schon erwähnt – alle Voraussetzungen für stabilen Geradeauslauf, und das unbeladene Motorrad lässt sich auch bis zur Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h über die Autobahn treiben. Allerdings ist schon bei geringerem Tempo zu spüren, dass die Super Adventure in Sachen Aerodynamik ein kitzeliges Motorrad ist, das sich von Seitenwindböen oder Windwirbeln vorausfahrender Autos leicht zu einem Rühren in der Lenkung provozieren lässt. Mit leeren Koffern fängt sie jenseits der 200 zu pendeln an und voll bepackt sogar schon bei um die 170 km/h.

Gut, das passt zu der Empfehlung von KTM, mit voller Kofferladung von zehn Kilogramm pro Seite nicht schneller als 150 zu fahren. Es kann also niemand sagen, er sei nicht gewarnt worden. Dass die pendelnde KTM 1290 Super Adventure bei energischem Zudrehen des Gasgriffs unbeeindruckt weitermacht, irritiert aber dann doch. Wer bei leichtem Lenkerrühren von einem ausscherenden Laster zum Bremsen gezwungen wird, verbringt praktisch die gesamte Verzögerungsphase in dessen Wirbelschleppe und kann erleben, wie das Motorrad bis unter 100 km/h pendelt. Generell ist es besser, beim Einsetzen der Schwingungen zuerst die Hinterradbremse zu betätigen und dann langsam vom Gas zu gehen, bis die Bewegung abklingt.

7 Bremssystem übervorsichtig abgestimmt

Während sich KTM in Fragen der Fahrstabilität auf die Disziplin und/oder Abgebrühtheit der Super Adventure-Fahrer ­verlässt, wurde das Bremssystem übervorsichtig abgestimmt. Das ist keine Frage der Hardware; Bremszangen, -scheiben und -beläge der KTM 1290 Super Adventure könnten auch einen Supersportler standesgemäß verzögern. Auch die Regelgüte der Bosch-ABS-Komponenten ist über jeden Zweifel erhaben. Es ist ein gewollter Verzicht auf Bremsleistung, der im ABS-Modus Road aus 100 km/h keine höhere mittlere Verzögerung als 8,8 m/s² ermöglicht. Kombiniert mit dem Sport-Modus der Dämpfungseinstellung sind die Werte sogar noch einen Tick schlechter, weil hier die Anti-Dive-Funktion abgeschaltet wird, die bei den beiden anderen Modi aktiv ist.

Was die Bremsanlage der KTM 1290 Super Adventure kann, lässt sich im Offroad-Modus erkunden, in dem allerdings die Überschlagserkennung abgeschaltet ist und ein Blockieren des Hinterrads zugelassen wird. 9,6 m/s² sind eine ­beeindruckende Ansage, der dazugehörige Tanz auf dem Vorderrad und das Pfeifen des gequälten Hinterreifens aber nicht jedermanns Sache. Ein optimierter Road-Modus wäre besser.

8 Funktionen und Warnhinweise geben linker Hand reichlich zu tun

Für diejenigen, die vor lauter Modi jetzt ganz verwirrt sind – und für den Autor selbst – hier eine Übersicht: Die Elektronik bietet vier Fahrmodi, Sport, Street, Rain und Offroad. Die beiden ersten unterscheiden sich nur durch die Gasannahme und darin, wie die Traktionskontrolle eingreift, in den beiden letzten wird die Leistung reduziert. Das semiaktive Fahrwerk der KTM 1290 Super Adventure bietet eine vierstufige Dämpfungseinstellung in den Modi Sport, Street, Comfort und Offroad, die Vorspannung des Federbeins ist ebenfalls in vier Stufen der Beladung anzupassen. Das ABS wiederum lässt sich in den Modi Road und Offroad betreiben, die sich wie oben angegeben unterscheiden. Zusätzlich prunkt die Super Adventure noch mit dem schräglagentauglichen ABS namens MSC, mehrstufigen Sitz- und Griffheizungen, einem Tempomaten, der aus der rechten Lenkerarmatur einen riesigen Schaltkasten macht, Reifendrucksensoren und einem per Schräglagensensor aktivierten Kurvenlicht.

Abgesehen vom MSC und dem Kurvenlicht, die automatisch gesteuert werden, können und wollen all die genannten Funktionen und Warnhinweise vom Lenker aus eingestellt und überwacht werden, was vor allem der linken Hand am Lenker reichlich zu tun gibt und vom Fahren ablenkt.

Es ist klug, das Favoriten-Menü mit all den Informationen zu konfigurieren, die man ständig im Display sehen will und sich für die Wechsel zwischen den diversen Fahr- und Dämpfungsmodi die Zeit zu nehmen, am Straßenrand anzuhalten.

9 Griff- und Sitzheizung, Kurvenlicht und Windschutz

KTM hat sicherlich Gründe dafür, nach der 1190 auch die KTM 1290 Super Adventure nicht mit einem Schaltassistenten auszustatten, doch ausgerechnet diesen Luxus hätten die MOTORRAD-Tester gerne gehabt. Er würde gut zum sportlich-dynamischen Charakter dieses Motorrads passen.

Zum Schluss noch ein Wort zu einem besonderen Testtag. Er begann frühmorgens mit einer 120-Kilometer-Autobahntour zur Bestimmung des 130er-Verbrauchs, setzte sich mit den Fahr- und Bremsversuchen auf dem Michelin-Testgelände in Salon de Provence fort und endete nach über 450 weiteren Kilometern über kleine und kleinste, oft holprige Sträßchen abends nach acht Uhr. Eine beglückende, aber erschöpfende Fahrt. Es hatte Tage zuvor geregnet, über viele Straßen liefen schlammige Bäche, nach Sonnenuntergang sank die Temperatur rapide auf vier Grad, die letzten 60 Kilometer fuhr man im Dunkeln. Und die Tester nahmen dankend an, was die KTM 1290 Super Adventure an Annehmlichkeiten bot. Griff- und Sitzheizung, ABS, Traktionskontrolle, Kurvenlicht, Dämpfungsmodi und Windschutz. Wozu man all dies braucht? Ganz einfach: zum intensiven Motorradfahren.

Foto: markus-jahn.com
KTM 1290 Super Adventure.
KTM 1290 Super Adventure.

Innovation Kurvenlicht

Die KTM 1290 Super Adventure ist die erste KTM mit Kurvenlicht. Mit Signalen vom Schräglagensensor aktiviert, liefert es einen weiteren Beweis für die zahlreichen Möglichkeiten, die sich durch clevere elektronische Vernetzung ergeben.

Die sogenannten adaptiven Kurvenlichter der BMW K 1600 GT und der R 1200 RT schwenken analog zur Schräglage der Maschine immer stärker aus der Scheinwerfer-Mittelachse und können so die vor dem Motorrad liegenden Kurven ausleuchten. KTM wählt für das Kurvenlicht der KTM 1290 Super Adventure eine einfachere, aber ebenfalls gut funktionierende Lösung: zwei seitliche Leuchteinheiten mit je drei Gruppen von LEDs, die bei zehn, 20 und 30 Grad Schräglage aktiviert werden. Sie tasten wie mit Lichtfingern immer weiter in die Kurve hinein und lassen sich sogar in der Leuchtweite einstellen. Der Effekt ist erstaunlich. Die Zusatzscheinwerfer leuchten nicht einfach nur die Kurve aus, sondern führen durch den zeitlichen Versatz ihres Aufleuchtens auch den Blick des Fahrers. Die oft zu beobachtende Tendenz, aus Unsicherheit über den plötzlich viel zu kurzen Kegel des Hauptlichts in Linkskurven zur Straßenmitte zu ziehen, wird dadurch ebenso gemindert wie die Gefahr, in Rechtskurven auf die Gegenfahrbahn zu geraten.

Wermutstropfen Hauptscheinwerfer

Einen Wermutstropfen in der innovativen Lichtanlage der KTM 1290 Super Adventure bildet der Hauptscheinwerfer. Dass sein gelbliches Licht in der Farbe nicht zum kaltweißen Schein der Kurvenlichter passt, ist nur ein Schönheitsfehler. Dass er vergleichsweise schwach, fleckig und kurz leuchtet, stört hingegen empfindlich.

Auch das auf einsamen Straßen gerne eingesetzte Fernlicht verschafft dem Fahrer keinen ungestörten Blick nach vorn. Zu viel Licht strahlt nach oben ab, wird in der Verkleidungsscheibe hin und her reflektiert und blendet. Eine kleine Abdeckung über dem Scheinwerfer könnte dem schon abhelfen.

Fazit

Gegenüber ihrer älteren Schwester, der 1190 Adventure, wurde die KTM 1290 Super Adventure in fast allen Kriterien verbessert. Insbesondere der Motor hat zugelegt, nicht nur an Macht, sondern auch an Laufkultur. Die semiaktive Dämpfung bräuchte noch Feinarbeit, ebenso das ABS, der Geradeauslauf und das Scheinwerfersystem, doch ansonsten hat die Super Adventure ihre vielen Punkte verdient. Ein großer Wurf.

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