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Einzylinder-Kultbike: BMW R26 / R27 BMW R26 / R27

Anfangs motorisierten sie Wirtschaftswunder-Aufsteiger, später Schüler und Studenten, heute erfreuen sie Oldtimer-Einsteiger. Und so ganz nebenbei sicherten sie das Überleben von BMW.

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Foto: Archiv

Wenn von der BMW-Geschichte die Rede ist, haben die meisten Auto- und Motorradfans hubraumstarke Pkws und Boxer-Maschinen vor Augen. Achtzylinder-Limousinen vom Schlage eines 502 und Traum-Motorräder wie die R 68 und R 69 S prägen bis heute das Image der Marke. Doch von den Aushängeschildern allein konnten die Bayern in den 50er- und 60er-Jahren nicht leben. Im Gegenteil: Die hohen Entwicklungs- und Fertigungskosten standen in einem krassen Missverhältnis zu den homöopathischen Absatz- und Ertragszahlen.

Das Wildern im Luxussegment brachte BMW nicht nur einmal an den Rande des Ruins, und es waren Brot- und Butter-Fahrzeuge wie die Isetta, der BMW 700 und die Einzylinder-Motorräder, die BMW immer wieder - salopp gesagt - den Arsch retten mussten. Einzylinder-Motorräder haben bei BMW eine fast genauso lange Geschichte wie die Boxer.

Bereits 1925 - und damit nur zwei Jahre nach dem Ur-Boxer R 32 - werden im Werk München-Milbertshofen mit der R 39 die ersten 250er-Einzylinder-Maschinen gebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg geht es mit der noch ohne Hinterradfederung auskommenden R 24 behutsam und ab 1950 mit der ersten Nachkriegskonstruktion R 25 kräftig weiter.

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1960 setzt BMW mit der R 27 sogar noch eins drauf

Bis 1956 werden von der 12 PS starken R 25 und ihren Modellpflege-Derivaten R 25/2 und R 25/3 sagenhafte 109 551 Exemplare gebaut. Zum Vergleich: Von allen Boxer-Modellen zusammen entsteht im gleichen Zeitraum nur ein knappes Drittel davon. Doch zwei Dinge machen BMW ab Mitte der 50er-Jahre den Motorradverkauf zunehmend schwerer. Zum einen der sich langsam anbahnende Einbruch des Marktes - immer mehr Käufer steigen auf einen Pkw oder zumindest aufs Rollermobil um.

Zweitens der Viertakt-Konkurrent NSU, der mit der 17 PS starken Max das deutlich sportlichere und bei jüngeren Kunden begehrtere Modell im Programm hat. Wie praktisch, dass BMW ab 1955 die Boxer in ein „Vollschwingenfahrwerk“ steckt. Bereits ein Jahr später wird diese überlegene Konstruktion für die neue, 15 PS starke R 26 übernommen. Bis 1960 verkauft BMW von dem bequemen und ungemein fahrstabilen Tourer 30 236 Exemplare. Die R 26 ist zeitweise das bestverkaufte Motorrad der noch jungen Bundesrepublik.

Doch es gibt neue, stärkere Gegner: die Japaner

1960, inmitten der Motorradkrise, setzt BMW mit der R 27 sogar noch eins drauf: Die 2330 Mark teure 250er sieht ihrer Vorgängerin zwar zum Verwechseln ähnlich, doch Fahrwerk und Motor bekommen wesentliche Verbesserungen spendiert. Der auf 18 PS erstarkte Motor ist nun an fünf Punkten elastisch mit dem Fahrwerk verbunden („Schwebemotor“), was die bei der R 26 doch manchmal etwas nervigen Schütteleien ein für allemal eliminiert. Die R 27 ist die bis dahin beste Einzylinder-BMW und muss die NSU Max nicht mehr fürchten.

Doch es gibt neue, stärkere Gegner: die Japaner! Im letzten Baujahr 1966 gibt’s die R 27 für 2670 Mark. Eine Honda CB 250 kostet nur fünf Mark mehr, doch die hat zwei Zylinder, eine obenliegende Nockenwelle und leistet 22 PS. Nach 15 364 Exemplaren der R 27 ist für 27 Jahre Schluss mit BMW-Einzylindern. Die immer etwas bieder aussehenden BMW-Singles werden zu den typischen Schüler- und Studentengurken der 70er- und frühen 80er-Jahre. Bevor die Yamaha SR 500 diesen Job übernimmt, gibt’s R 25, R 26 und R 27 für wenige Hundert Mark an jeder zweiten Ecke. Heute ist der Bayern-Eintopf ein gern genommener Oldtimer und leider auch oft Opfer bastelwütiger Rentner mit viel Zeit, die es mit gnadenlosen Überrestaurierungen viel zu gut meinen.

Foto: Archiv

Daten

Daten(R27): Luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, 247 cm³, 13 kW (18 PS) bei 7400/min, 18 Nm bei 6000/min, Vierganggetriebe, Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohren, Gewicht vollgetankt 162 kg, Reifen vorn und hinten 3.25 x 18, Tankinhalt 15 Liter, Höchstgeschwindigkeit 130 km/h (lt. BMW)

Literatur: „Klacks schraubt an NSU Max/BMW Einzylinder“ von Ernst Leverkus, Motorbuch Verlag, 19,95 Euro; „BMW Ein-zy-linder Motorräder 1925-1967“ von Hans-Lothar Stegmann, Verlag Johann Kleine Vennekate, 29 Euro; „Motorräder, die Geschichte machten: BMW - die Einzylinder“ von Andy Schwietzer, Motorbuch Verlag (nur noch antiquarisch, ab ca. 25 Euro)

Spezialisten: Ulis Motorradladen, 60327 Frankfurt am Main, Tel. 0 69/17 53 64 40, www.ulismotorradladen.de; Motorrad Stemler, 42899 Remscheid, Tel. 0 21 91/5 30 67, www.motorrad-stemler.de; Ideal - Motorräder und Seitenwagen GmbH, 10997 Berlin-Kreuzberg, Tel. 0 30/ 6 18 62 58, www.ideal-seitenwagen.eu

Marktsituation: Das Gebrauchtangebot ist immer noch groß, der Wandel vom Studentenmotorrad zum Oldtimer-Liebling älterer Herrschaften macht sich aber preislich deutlich bemerkbar. Fahrbereite Maschinen im weitgehenden Originalzustand werden realistisch um 4000 Euro gehandelt. Und sind in jedem Fall den völlig überrestaurierten Chrom-Orgien („besser als neu“) vorzuziehen, für die Träumer zum Teil deutlich über 7500 Euro verlangen. Praxistipp: behutsam selbst restaurieren und Patina erhalten. Und möglichst vermeiden, eine heruntergerittene Ex-Behördenmaschine zu erwischen. Es gibt noch genug ziviles Material, um wählerisch sein zu können

Club/IG/Internet: www.bmw-einzylinder.de (jede Menge Informationen, viele Downloads, munteres Forum)

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