Kultbike: Harley-Davidson XLCR Café Racer Oma im Minikleid

Der erste MOTORRAD-Test der Harley-Davidson XLCR Café Racer titelte "Stilbruch" und handelte von einer "Art Oma im Minikleid". 35 Jahre später ist der Flop eine gesuchte Rarität.

Foto: Schwab

Zwei Schuss frei für Harleys Chefdesigner Willie G.: Mit der Super Glide hatte William G. Davidson, Enkel einer der Firmengründer und für alle Welt nur „Willie G.“, der Company 1971 - salopp gesagt - den Arsch gerettet. „Customizing ab Werk“ wurde damit und bis heute zur sehr erfolgreichen Firmenphilosophie. Die Firmenleitung war Willie G. entsprechend dankbar und gab ihm grünes Licht - fast schon Narrenfreiheit - für die Entwicklung zweier neuer Modelle: der von der Super Glide abge-leiteten Low Rider und des -Café Racers. Während die Low Rider den offiziellen Entwicklungsweg ging, wurde der auf der Sportster basierende Café Racer als Geheimprojekt behandelt.

Außer Willie G. waren nur sein Assistent Louie Netz und der für Harley als Prototypen-Entwickler tätige Jim Haubert eingeweiht. 1974 startete das Projekt, geschraubt wurde fernab der Firmenzentrale, und der auf der IFMA 1976 gezeigte Prototyp überraschte und verwirrte selbst Harley-Insider. Den nächsten Feldversuch gabs im März 1977 auf der Daytona Bike Week. Das motorsportinteressierte Publikum reagierte begeistert, die Presse war ebenfalls schwer angetan - und so nahm das Unheil seinen Lauf, die XLCR ging in Serienproduktion.

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Foto: Schwab

Der Beiname Café Racer zielte auf ein Publikum, das sich bislang herzlich wenig für Harleys interessiert hatte: auf Jungspunde, die auf leichten, starken, mit sportlichem Zubehör aufgemotzten Maschinen aus englischer, italienischer und immer häufiger japanischer Produktion zwischen Stammkneipe, Eiscafé und Lieblingshändler pendelten. Diese Kundschaft liebte die Show, aber auch Leistung, wenn es beim Ampelsprint darauf ankam. Die XLCR-Verpackung war für diese Klientel goldrichtig gemacht: Cockpitverkleidung, Sportlenker, zurückverlegte Fußrasten, Einzelsitzbank, Gussräder und drei Scheibenbremsen sowie komplett schwarze Lackierung. So musste ein Café Racer aussehen.

Nur leider passte der Inhalt überhaupt nicht zur sportlichen Verpackung: ein zwar durchzugskräftiger, dafür aber drehzahlscheuer, mit heftigen Vibrationen und eher mäßiger Leistung antretender Uralt-Motor. Die XLCR war die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hatte. Allan Girdler, Ex-Chefredakteur des US-Magazins „Cycle World“, brachte es schön auf den Punkt: „Die Harley-Fahrer mochten damals keine Café Racer und die Café Racer keine Harleys.“ Der Erfolg fiel entsprechend aus: Von 1977 bis Anfang 1979 baute Harley nur 3133 Stück, der Abverkauf dauerte noch deutlich länger. Willie G. hatte das Thema voll vergeigt. Und gleichzeitig einen heute sehr gesuchten (Design-)Klassiker geschaffen

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Daten
luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-V-Motor, 997 cm³, 42 kW (57 PS) bei 6000/min, 72 Nm bei 5000/min, Vierganggetriebe, Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Gewicht vollgetankt 234 kg, Reifen vorn 3.75-19, hinten 4.00-18, Tankinhalt 15 Liter, Höchstgeschwindigkeit 166 km/h, 0-100 km/h in 4,2 sek

Literatur
„Die Harley-Davidson Motor Co. Archiv-Kollektion“, 408 S., 49,90 Euro, Delius Klasing; „Typenkompass Harley-Davidson & Buell seit 1945“, 144 S., 9,95 Euro; „Harley-Davidson“ von Tod Rafferty, 240 S., 24,90 Euro, beide Motorbuch Verlag. Der MOTORRAD-Test erschien in der Ausgabe 23/1977, eine „Impression“ in MOTORRAD 1/2001

Spezialisten
Harley-Factory Frankfurt, Tel. 069/4089990, www.harleyfactory.de; Harley-Davidson Hannover, Tel. 0511/8994960, www.hd-kortegruppe. de/harley-hannover; www.ironheadmotors.com

Marktsituation
In ihrer aktiven Zeit wollte sie niemand haben, Neumaschinen standen sich bis in die 80er-Jahre die Reifen platt. Und auch noch vor gut zehn Jahren konnte man sie zum Sportster-Gebrauchtpreis bekommen. Die Zeiten sind längst vorbei, die raren Originale sind in fester Sammlerhand. Unter 15000 Euro geht in Deutschland praktisch nichts

Club/IG/Internet
www.xlcrclub.com

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