Kurztest Honda CB 400 Super Four

Eine Honda mit Scheinriesen-Effekt: aus der Ferne betrachtet ein grimmiges Big Bike mit mindestens 1000 Kubik, bei näherem Hinsehen eine kleine, niedliche 400er.

Der Titel »Big in Japan«, mit dem die deutsche Pop-Formation Alphaville vor Jahren die Hitparaden stürmte, klingt angesichts der Honda CB 400 wieder im Ohr. Die Super Four, wie die Maschine im Untertitel heißt, versucht auf dem japanischen Markt das Kunststück, in kleinem Maßstab Größe zu zeigen, mit reduzierten Abmessungen und wenig Hubraum Big Bike zu sein. Um dieses kühne Vorhaben in die Tat umzusetzen, bedient sich die CB 400 eines Tricks, der als Scheinriesen-Phänomen geläufig ist (Sie wissen schon: Jim Knopf, Lummerland, die Wilde 13, König Alfons der Viertelvorzwölfte).Mit Erfolg, denn mit wachsendem Betrachtungsabstand bläht sich die CB 400 tatsächlich zusehends zum Fullsize-Big Bike, zur Vollwert-Super Four, zur großen Schwester CB 1000: die gleichen Proportionen, die zum Verwechseln ähnliche Tank-Sitzbank-Linie, die gleichen augenfälligen Zutaten - von der vorderen Doppelscheibenbremse bis zu den Rucksack-Stoßdämpfern an der mächtigen Aluminium-Kastenschwinge.Der Wandel durch Annäherung läßt umgekehrt auch nicht auf sich warten: Auge in Auge mit der CB 400, entpuppt diese sich als Motorrad, das unverkennbar Four, aber ganz und gar nicht Big ist. Mit der Statur, der Sitzhöhe und dem Gewicht einer CB 500 fehlt ihr das Abschreckungspotential, das von der erheblich größeren und 70 Kilogramm schwereren 1000er ausgeht.Auch dem schmalschultrigen Vierzylinder im Schatten des breitflankigen Tanks liegt es fern, durch sein Erscheinungsbild Angst und Schrecken zu verbreiten. Geschweige denn durch sein Leistungspotential: Der Small Four bringt es auf 53 PS, für die er seine Kölbchen 11800mal pro Minute durch die 55-Millimeter-Bohrungen jagt.Die hochangesiedelte Nenndrehzahl und die Tatsache, daß der CB-Motor erst bei 12500/min rot sieht, nährt die Vermutung, hier handle es sich um ein hochgezüchtetes, nervöses Triebwerk, das nach endloser Schaltarbeit und ständigem Blick auf den Drehzahlmesser verlangt.Stimmt, und stimmt nicht. Stimmt, wenn die beachtlichen Fahrleistungen, die in der Maschine stecken, herausgekitzelt werden sollen: Um in weniger als fünf Sekunden auf 100 km/h zu beschleunigen, muß beim Start mit der Kupplung gezaubert werden, müssen Spitzendrehzahlen her. Doch erfreulicherweise kann der kleine Vierzylinder auch ganz anders. Etwa bei 40 km/h im sechsten Gang klaglos Vollgas annehmen und sanft an Geschwindigkeit zulegen. Oder ganz unsportlich in der Mitte des Drehzahlbands dahinsäuseln - hochkultiviert, ohne störende mechanische Begleitmusik, ohne Vibrationen.Zum lockeren Dahinschnüren paßt auch die Sitzposition auf der CB 400: Der Tank bietet exzellenten Knieschluß, die Hände fallen wie von selbst auf die Lenkergriffe, die Sitzmulde bietet auch auf Dauer ein kommodes Plätzchen, lediglich größergewachsene Menschen müssen ihre Beine arg zusammenfalten - eine Konsequenz der niedrigen Sitzhöhe. Die Frage nach der rückwärtigen Sitzgelegenheit hat eher akademischen Charakter: Mit einer Zuladung von 137 Kilogramm verweigert sich die Maschine gewichtigeren Transportaufgaben.Das trifft sich insofern gut, als sich die CB 400 auch in Sachen Fahrwerksabstimmung als Alleinunterhalter präsentiert. Mit zirka 75 Kilogramm belastet, bietet sie ordentlichen Federungskomfort, Gabel und Federbeine sprechen fein an und nutzen ihre Arbeitswege bestens aus. Manchmal sogar bis zum Limit: Unter der Wirkung der kraftvoll zupackenden Doppelscheibenbremse im Vorderrad geht die Gabel voll auf Tauchstation, und auch die Federbeine gehen bei zackigem Tempo auf welligem Untergrund bisweilen auf Anschlag. Das Handling der CB 400 paßt zu ihrem Berufsbild: Sie vermittelt nicht die Schwerelosigkeit leichtgewichtiger Supersportler, sie will schon mit ein wenig Nachdruck bewegt werden, ohne allerdings schwerfällig zu wirken. Und ohne ihren eigenen Willen durchsetzen zu wollen: Eigenlenkreaktionen in der Kurve - ob auf onduliertem Fahrbahnbelag oder beim Bremsen - hat die CB nicht in ihrem Repertoire. Das gute Gefühl für die Straße schwindet erst bei - sagen wir mal - unangepaßter Geschwindigkeit: Beim Vollrohr-Bolzen auf drittklassigen Pisten versiegen Lenkpräzision und Spurstabilität im zu schwach gedämpften Auf und Ab der Federung. Doch Schwamm drüber - ein paar kleine Gemeinheiten seien der CB 400 zugestanden - ihre großen Schwestern sind ja auch nicht ohne.

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