Kurztest KTM Euro 125 LC 2

Springlebendig und bissig - die etwas andere Einsteiger-Enduro kommt aus Österreich.

So, Sie sind also ein Motorrad-Einsteiger. Womöglich einer von der Sorte, die schon über 33 Jahre alt ist. Na, da war Ihr motorisiertes Leben bisher vermutlich eine Anhäufung von Kompromissen. Das fing schon beim Führerschein an: Klasse 3, weil das Geld nur für den Autoführerschein reichte und/oder weil die alten Herrschaften Motorradfahren für viel zu gefährlich hielten. Erstes Auto: ein Käfer/R 4/eine Ente, weil’s halt das Billigste war.

Und heute? Audi Avant, für Geschäft, Urlaub und Kinderkarre gleichermaßen gut geeignet. Vom Motorrad haben Sie immer geträumt, aber Klasse 1 nachmachen? Immer vorgenommen, aber nie Zeit dafür gehabt. Tja, und nun dürfen Sie doch. Zwar nur mit maximal 125 Kubik und 15 PS, und das auch nur, wenn Sie ihren Lappen vor dem 1. April 1980 gemacht haben, aber immerhin. Nun haben Sie die große Auswahl zwischen praktischen Rollern, netten Choppern und hübschen Fernost-Enduros.

Vielleicht haben Sie aber auch die Nase voll von unheimlich vernünftigen Fahrzeugen? Vielleicht müssen Sie erstmalig keine Rücksicht auf Kontostand und Familienrat nehmen? Vielleicht sind Sie dann reif für eine KTM Euro 125 LC 2. Die österreichische Dreckschleuder ist mit das Unvernünftigste, was die 125er Klasse zu bieten hat. Das Ding ist nicht Einsteiger, es ist Profi. Fast jedes Detail ist für den verschärften Geländeeinsatz gemacht - ein Blick auf Alu-Schwinge, Brembo-Doppelkolben-Bremssattel, Stahlflex-Bremsleitung, Kupplungs-Schnellverstellung und gezahnte Rasten genügt.

Faszinierendstes Bauteil ist der von Minarelli stammende Zweitaktmotor. Im Leerlauf schnurrt der wassergekühlte Einzylinder kaum hörbar wie Kätzchen, unter Last wird der membrangesteuerte Triebsatz zum aggressiv fauchenden Raubtier. Als einziges Zugeständnis an die Alltagstauglichkeit spendierten die Techniker dem Eintopf einen E-Starter. Der Chokehebel sitzt am Lenker, Schalter und Armaturen sind von der 400/600er Viertakt-Enduro LC 4 bekannt. Die Starthilfe wird nur die ersten 500 Meter gebraucht, der Motor läuft sofort rund und nimmt spontan Gas an.

Für die Arbeit im eng gestuften Sechsganggetriebe sind italienische Halbschuhe eine schlechte Lösung, grobe Cross-Stiefel sind die weitaus bessere Wahl - es darf mit Nachdruck geschaltet werden. Als Ausgleich funktioniert die Kupplung dafür butterweich und ist perfekt zu dosieren. Getriebe und Kupplung müssen seltener bemüht werden, als es 125 cm3 vermuten lassen. Die vollgetankt 121 Kilogramm leichte KTM ist erstaunlich durchzugsstark. Ein Grund dafür: Das MOTORRAD zur Verfügung gestellte Exemplar stand besonders gut im Futter. Selbst in der Spitzenleistung von 19 PS lag sie damit außerhalb jeder Toleranz.

Aber auch ohne die »illegale« Mehrleistung verführt die superhandliche KTM zu einer äußerst flotten Fahrweise. Der Fahrer ist in 860 Millimetern Höhe untergebracht. Die Sitzbank ist schmal, hart und weit auf den Zehn-Liter-Tank gezogen, der flach montierte Lenker ist breit und wenig gekröpft, die Fußrasten sitzen genau dort, wo sie ein stehender Fahrer braucht. Gabel und Federbein stammen von Paioli. Bis auf die zu starke Zugstufendämpfung an der Hinterhand gibt es über die Federelemente nur Gutes zu berichten. Das gilt auch für die beiden Scheibenbremsen: kräftig, standfest und dabei feinfühlig dosierbar. H4-Licht und Gepäckträger sind serienmäßig, der Seitenständer zu lang und Lenker und Felgen leider nur aus Stahl. Die KTM gibt’s auch in einer für 16jährige passenden Version. Das grenzt dann allerdings an »Perlen vor die Säue werfen« - die LC 2 ist etwas für Genießer, für Einsteiger zwar, aber vornehmlich für Spät-Einsteiger.

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