Ein MV Agusta-Dreizylinder im Magni-Fahrgestell. Wie vor 40 Jahren.

Magni-MV Agusta Filo Rosso im Fahrbericht Magni cum laude

Der erste Blick täuscht. Die Maschine ist kein restaurierter Renner von Giacomo Agostini. Mit der MV Agusta Filo Rosso besinnt sich Veredler Magni zurück: Ein MV Agusta-Dreizylinder im Magni-Fahrgestell. Wie vor 40 Jahren. Ein Projekt, das sich selbst mit großem Lob preist. Magna cum laude.

Heute kann Giovanni Magni vergleichsweise ungerührt über dieses Thema sprechen. Im Sommer des Jahres 2014 dürfte die Gefühlswelt des Sohnes von Arturo ­Magni deutlich aufgewühlter gewesen sein. Denn die Vorwürfe der Fangemeinde wogen schwer. Die Storia, das zu jener Zeit jüngste Projekt der Edelschmiede aus Samarate in der Nähe von Mailand, sei, so die Kritiker, des Namens Magni nicht würdig.

Der Stachel saß tief – wohl auch, weil in der Stimme des Volkes viel Wahrheit mitschwang. Denn ein Magni-Umbau charakterisierte bis dato vor allem eines: ein in den Hallen der Edelschmiede konstruierter Stahlrohrrahmen. Bei der Storia wurde sowohl der Motor als auch der Rahmen nahezu unverändert von der 1090er-MV Agusta Brutale übernommen.

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Filo Rosso – die rote Linie

Ein Fauxpas, der – im Rückblick betrachtet – auch sein Gutes hatte. „Nach dieser Erfahrung wollte ich zeigen, wozu Magni in der Lage ist. Wir wollten ein Motorrad konstruieren, das direkt an die Ursprünge unserer Firma anknüpft“, fasst der ehemals Gereizte seine Motivation zusammen. In der Tat drehten Giovanni sowie sein älterer Bruder Carlo das Rad der Geschichte ganz weit zurück. Denn vor der Magni-Firmengründung im Jahr 1977 war Vater Arturo als Rennleiter bei MV Agusta bereits zur lebenden Legende avanciert.

Unter seiner Ägide errang Giacomo Agostini 13 WM-Titel – allesamt auf den legendären Dreizylindern aus Varese. Das neue Projekt sollte den historischen Bogen von Agos Erfolgen über Arturos Lebenswerk als MV-Rennleiter bis zum renommierten Veredler spannen. Der Name: Filo Rosso – die rote Linie. Eine symbolische Bezeichnung, wie weit sich die Magni-Mannschaft mit diesem Konzept an die Grenze der Annäherung an die familiären, sportlichen und geschäftlichen Wurzeln heranwagte. Von der Idee wusste Seniorchef Arturo übrigens erst, als seine Söhne den Prototyp zur Mailänder Messe EICMA im Jahr 2014 präsentierten.

Ähnlichkeit zum Vorbild auf ersten Blick frappant

Nun gut, ein wenig Pathos gehört wohl zu italienischen Firmen- und Familiengeschichten. Dennoch: Dass die Magni-MV Agusta Filo Rosso ausschließlich mit Neuteilen produziert und erst vor wenigen Monaten fahrfertig aufgebaut wurde, nimmt man den Erbauern erst nach dem zweiten Blick auf die Maschine ab. Die Ähnlichkeit zum historischen Vorbild ist auf den ersten Blick frappant.

Vor allem aber kombinierten die Mannen aus der Nähe von Varese für ihr selbst auserkorenes Meisterstück die beiden wichtigsten konzeptionellen Eckpfeiler: den in alter Magni-Tradition aus Stahlrohren geschweißten, schnörkellos konzipierten Rahmen und den an die Ago-Ära anknüpfenden Dreizylinder-Motor von MV Agusta. Der stammt unverändert aus der Brutale 800 RR. Willkommen in der Vergangenheit. Nein, in der Gegenwart. Oder möglicherweise bereits in der Zukunft von Magni?

Zeitgenössische Motoren in eigenen Fahrwerken

Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt. Genauso wenig wie auf die Zweifel, ob der hochmoderne MV-Drilling mit rückwärtsdrehender Kurbelwelle, Wasserkühlung und Benzineinspritzung überhaupt zur betont klassischen Linie der Magni-MV Agusta Filo Rosso passt. Allerdings: Bestand Magnis Erfolgsrezept nicht schon immer darin, zeitgenössische Motoren in eigene Fahrwerke zu implantieren?

Für Grundsatzdiskussionen bleibt jetzt ohnehin weder Muße noch Zeit. Mit dem typischen, mechanisch mahlenden Sound brabbelt der Dreizylinder vor sich hin. Was heißt brabbeln? Die in der Optik der ehemaligen Werksmaschinen gehaltenen Megafone trompeten den Drillingssound kaum gehemmt ins Freie. Kein Problem auf dem Pirelli-Testgelände nahe Mailand – auf dem Weg zum Bikertreff in der Eifel oder im Weserbergland wohl schon. Wie in alten Zeiten steigt auch die Linie des silberroten Flitzers nach vorn leicht an. Nur 49 Prozent des Gewichts lasten auf dem Vorderrad. Aktuelle Sportbikes bringen es auf 52 Prozent.

Wer wie Ago sitzt, fühlt sich auch wie Ago

Ansonsten: Genau so muss Ago gesessen haben. Lang spannt die Magni-MV Agusta Filo Rosso den Piloten über den handgedengelten, 16 Liter fassenden Alu-Tank, schiebt den Popometer weit übers Hinterrad. Die hoch montierten Rasten lagern die Füße weit oben, zwingen den Piloten, sich wie ein Skispringer in der Anlaufspur zusammenzufalten. Immerhin hebt die aufragende Front trotz der unter der oberen Gabelbrücke montierten Lenkerstummel den Oberkörper an. Bereits auf den ersten Metern wird klar: Wer wie Ago sitzt, fühlt sich auch wie Ago.

Das Schlürfen aus den nur mit einem Sieb überzogenen Ansaugtrichtern, der kaum eingeschränkte Blick zwischen Verkleidung und Rahmen auf das Motorgehäuse, die runde Scheibe – all das erinnert an alte Zeiten. Und auch das Fahrverhalten der Magni-MV Agusta Filo Rosso. Trotz 1380 Millimeter kurzem Radstand, 65 Grad steilem Lenkkopfwinkel und nur 85 Millimetern Nachlauf rennt sie bolzstabil die Geraden entlang, braucht beim Einlenken – wohl auch durch die hohe Front und die vorn wie hinten montierten 18-Zoll-Räder – etwas Nachdruck. Apropos Räder. Hätten die Gussfelgen von Zulieferer EPM – dessen Chef Giovannis älterer Bruder Carlo Magni ist – in diesem Konzept nicht klassischen Speichenrädern Platz machen sollen? Schon wieder eine Grundsatzdiskussion? Vielleicht auch noch über das Digital-Display, das wegen der darin integrierten Motorsteuerung unverändert von der Brutale übernommen wurde? Vielleicht hätten dem Filo Rosso-Cockpit zwei Runduhren besser gestanden? Im klassischen Design mit edlem weißem Ziffernblatt und Veglia-Borletti-Logo. Vielleicht.

Magni starb am 2. Dezember 2015 mit 90 Jahren

Hoppla, die Stereo-Federbeine, ein Girling-Nachbau, geben eine Querrinne weitgehend ungefiltert an den Piloten weiter. Akzeptiert, bei einem Konzept, das es schafft, in einem einzigen Moment zwischen den Jahrzehnten zu pendeln. Denn kaum haben die konventionelle, bei Paioli hergestellte Gabel von Forcella Italia und die Federbeine das Fahrwerk der Filo Rosso wieder auf Linie gebracht, schiebt der Dreizylinder am Kurvenausgang an. Mit den vom Ride-by-Wire gesteuerten und vom Schaltassistenten zusätzlich kultivierten 140 PS reißt die Magni kräftig an. Der spritzige Dreizylinder hat mit den etwa 180 Kilogramm (vollgetankt) der Italienerin leichtes Spiel, spreizt den so schillernden Charakter der Magni-MV Agusta Filo Rosso noch weiter.

Vor der nächsten Kehre schlägt das Pendel wieder in die entgegengesetzte Richtung. Zwar machen die radial montierten Brembo-Zangen ihre Sache gut, beißen fein dosierbar in die 320er-Scheiben. Doch ABS? Fehlanzeige. Auf der Rennstrecke kein Problem, im wirklichen Leben schon. Oder doch nicht? Giovanni ist zuversichtlich. „Die Zulassung müssen wir unseren Kunden in den jeweiligen Ländern überlassen. Doch viele wollen unsere Maschinen gar nicht auf der Straße fahren. Sie bewegen sie auf der Rennstrecke oder stellen sie gleich ins Wohnzimmer.“ Vorsichtig sollten sie auf alle Fälle mit der Italienerin umgehen. Rund 35.000 Euro spiegeln den Aufwand für eine Kleinserie wider. Ob die Kritiker der Storia durch die Magni-MV Agusta Filo Rosso wieder den Glauben an Magni finden, wird sich zeigen. Schön auf jeden Fall, dass Arturo Magni den Stapellauf der Filo Rosso noch erleben durfte. Der Maestro starb am 2. Dezember 2015 mit 90 Jahren.

Arturo Magni - eine Legende

In seiner Jugend hatte sich Arturo Magni in der Fliegerei einen Namen gemacht. In einem selbst gebauten Segelflugzeug gewann der begnadete Techniker die italienische Meisterschaft im Langstreckenflug. Die Bekanntschaft zum ebenfalls luftfahrtbegeisterten Gilera-Ingenieur Pietro Remor ließ den Flugzeugmechaniker in den Motorrad-Rennsport wechseln. Zur Legende wurde Magni als Rennleiter von MV Agusta, dessen Dreizylinder-Werksmaschinen unter Giacomo Agostini oder Mike Hailwood die WM in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren dominierten. Sein souveräner Führungsstil brachte Magni den Beinamen „Il Comandante“ ein.

Nach der Schließung der MV-Rennabteilung im Jahr 1977 konzentrierte sich Magni mit seinen Söhnen Carlo und Giovanni auf die Produktion eigener Fahrwerke. Nach Anfängen mit MV-Motoren wurden später BMW-, Honda- oder Suzuki-Antriebe in die selbst hergestellten Rahmen eingebaut. Das größte Aufsehen erregte die Kooperation mit Moto Guzzi, für deren Fahrwerk Magni in der Le Mans von 1985 die bereits bei MV Agusta verwendete Idee der Parallelogrammschwinge wieder aufleben ließ. Wie viele andere Edelschmieden musste auch Magni das im Lauf der Jahre schwindende Interesse an Umbauten verkraften. Schon vor dem Tod des „Comandante“ im Dezember 2015 übernahm Sohn Giovanni den Betrieb in Samarate nahe Mailand.

Technische Daten - Magni-MV Agusta Filo Rosso

Magni-MV Agusta Filo Rosso

Motor

Wassergekühlter Dreizylinder-Viertakt-Reihenmotor, eine Ausgleichswelle, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Ø 50 mm, seilzugbetätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping), Sechsganggetriebe, Kette. Bohrung x Hub: 79,0 x 54,3 mm, Hubraum: 798 cm³, Verdichtungsverhältnis: 13,3:1, Nennleistung: 103,0 kW (140 PS) bei 13.100/min, Max. Drehmoment: 86 Nm bei 10.100/min

Fahrwerk

Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen, unten offen, Motor mittragend, Telegabel, Ø 43 mm, Zweiarmschwinge mit zwei Federbeinen, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 230 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel. Alu-Gussräder: 2,50 x 18; 4,50 x 18, Reifen: 110/80 ZR 18; 160/60 ZR 18

Maße und Gewicht

Radstand 1370 mm, Lenkkopfwinkel 65,0 Grad, Nachlauf 85 mm, Federweg v/h k. A., Sitzhöhe 770 mm, Gewicht vollgetankt 180 kg, Tankinhalt 16,0 Liter

Preis

35.000 Euro

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