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Aus der Ferne wirkt die sehr hochbeinige Reiseenduro aus China erstaunlich erwachsen.

Mash Adventure 400 R im Test Reiseenduro für 5195 Euro

Was ist das? Eine neue Yamaha XT 660 Z Ténéré – nur kleiner und luftgekühlt? Gespickt mit Scheinwerfern der 2001er-Aprilia-Caponord? Nein, die leichte Mash Adventure 400 R ist eine französisch-chinesische Reiseenduro für schmalste Geldbeutel.

Herr Tur Tur aus dem Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ hat ein Geheimnis: Er ist ein Scheinriese, erscheint umso größer, je weiter er sich entfernt, und immer kleiner, je näher er kommt. Ganz ähnlich macht es diese 400er-Reiseenduro. Aus der Ferne besehen, ist die Mash Adventure 400 R scheinbar ein sehr ausgewachsenes, mächtiges Motorrad: mit schmalen Alu-Koffern und hochgelegten Auspuffen knackig auf Fernreise und Abenteuerauftritt getrimmt. Stattliche 89 Zentimeter Sitzhöhe – das ist der gleiche Wert wie bei einer KTM 1190 Adventure R.

Mit ihr teilt die in Frankreich erdachte (Ideengeber ist die Firma Sima Moto) und in China gebaute Mash Adventure 400 R wohl nicht zufällig die Modellbezeichnung. Es kommt noch doller: 250 Millimeter Bodenfreiheit unterm Stahlprofilrahmen sind fast Crosserniveau, glatte 70 mehr als bei der hochbeinigen 1190er. Greift Mash nun frontal KTM an? Gemach, gemach, erst mal näher kommen. Auf der Homepage www.moto-mash.de steht ein Preis von 5195 Euro, oder 5595 Euro, wenn man Koffer gleich dazubestellt. Nebenkosten inklusive!

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Auf den ersten Blick sehr proper

Auf den ersten Blick wirkt die Mash Adventure 400 R sehr proper: Ihre Alu-Schwinge zeigt schöne Schweißnähte und anständige Achsaufnahmen. Dazu gibt’s ein Luftfiltergehäuse mit Schnellverschlüssen und einen Alu-Lenker mit lackierten Positionsmarkierungen. Billige Details? Okay, die Kofferschlösser wirken wenig wertig, sie sind scharfkantig, da schlecht entgratet.

Der schief sitzende Haltebügel der Frontverkleidung überm Cockpit der Mash Adventure 400 R stört das Auge ebenso wie manch rostige Unterlegscheibe. Ein Hauptständer fehlt. Und wenn Handprotektoren ihren Namen zu Recht tragen sollen, müssten sie an zwei Seiten festgemacht sein. Doch wie gesagt, 5000 Euro und ein paar Gequetschte!

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27 PS soll der 400er-Vierventiler leisten

Tief und dumpf bollert der Einspritzmotor aus den beiden Schalldämpfern. Klingt satt und sonor, dieser Single. Fast schon akustisch zu aufdringlich, wie ein Wettbewerbsmodell. Viele Dezibel pro km/h! Gar nicht mal so leicht, als 1,71-Meter-Mensch den Hochsitz zu entern. Einmal dort angekommen, heißt es fußeln. Unauffällig arbeitet die Seilzugkupplung, leichtgängig rastet das Getriebe. So steppt man sich im Stadtverkehr hurtig durch die Gänge. 27 PS soll der 400er-Vierventiler leisten, 25 fanden sich beim wenig eingefahrenen Testexemplar auf dem Prüfstand ein. Das über 30 Kilogramm leichtere Schwestermodell Mash Five Hundred, ein klassisches Naked Bike mit identischem Motor, wirkt obenheraus spritziger. Bei der Mash Adventure 400 R ist der Vortrieb zäh, der Durchzug mau. Obwohl ihm nur moderate 176 Kilogramm Maschinengewicht entgegen stehen; mit Alu-Koffern sind es 186 Kilo.

In den unteren Gängen müht sich der Eintopf mit obenliegender Nockenwelle redlich. Seine Grundkonstruktion erinnert an historische Hondas, seine Auslegung ist kurzhubig: Satte 85 Millimeter Bohrung treffen auf 70 Millimeter Hub und eine lasche Verdichtung von 8,8:1. Für die Beschleunigung von 0 auf 100 braucht die Mash Adventure 400 R über zehn Sekunden. Puh. Von Gang zu Gang wird das nutzbare Drehzahlband schmäler: Der vierte Gang tut’s ab 3000 Touren, der finale fünfte erst ab 3500/min ruckelfrei, das sind rund 70 km/h. Elastisch ist anders. Über 6500 dreht der luftgekühlte Einzylinder mit G-Kat im Fünften nicht. Drehfreudig ist auch anders. Obenraus werden die Vibrationen markig bis derbe rau.

Foto: Bilski
25 PS bringt das wenig eingefahrene Testexemplar auf den Prüfstand.
25 PS bringt das wenig eingefahrene Testexemplar auf den Prüfstand.

Bei Tempo 130 ist Schluss, läuft der Abenteurer mit recht hohem Luftwiderstand vor eine unsichtbare Wand. Immerhin, denn im Schein sind bloß 115 eingetragen. Autobahn ist also das falsche Revier. Soziusbetrieb geht kaum – bei bloß 136 Kilogramm Zuladung, mit Koffern sind es gar nur 126. So ist die Mash Adventure 400 R nur etwas für Solisten. Die könnten aber fahren, bis der Arzt kommt: Auf Landstraßen nimmt sich der Single nur 3,6 Liter je 100 Kilometer. Da müsste man den 19-Liter-Tank erst nach 528 Kilometern wieder füllen. Doch die schmale Sitzbank vereitelt Marathonetappen – recht bald zwickt’s und zwackt’s.

Mies spricht die 43er-Telegabel vom taiwanesischen Zulieferer FastAce an. Ihre Zugstufe ist völlig überdämpft, federt extrem zäh aus und kann Impulse dann nicht mehr verarbeiten. Daran ändern auch wichtig wirkende, eloxierte Dämpfereinstellschrauben nichts. Das voll einstellbare Federbein der Mash Adventure 400 R bietet dagegen einen weiten Einstellbereich, von sehr straff bis ziemlich weich. Lust darauf, in hartem Gelände die immense Bodenfreiheit und volle 210 bzw. 200 Millimeter Federweg auszukosten, kommt dennoch nicht auf. Bei trockenen Straßen sind die China-Pneus Kenda P 66 (ein Schelm, wer da an Pirelli denkt) okay. Obacht bei flotter Fahrt: Die Flanken der Mittelgrob-Stollengummis haften nur mittelprächtig.

ABS fehlt leider, ist mit Trommelbremse nicht vereinbar

Zudem lenkt die Mash Adventure 400 R ungeachtet der schmalen 21-Zoll-Trennscheibe vorn ein wenig eckig ein, ist nicht sehr handlich beim ersten Lenkimpuls – breitem Lenker samt großem Hebelarm zum Trotz. Dann aber klappt die 400er schneller ab als gedacht. Dies wirkt nicht sehr homogen. Genau wie das maue Abblendlicht. Erhellend leuchtet dagegen das Fernlicht. Die Solo-Scheibenbremse vorn verlangt nach kräftigem Zug am kurzen MX-Handhebel. Die hintere lässt sich sanft dosieren. ABS fehlt leider, was spätestens 2017 EU-weit ein echtes K.-o.-Argument wird.

Zwei Jahre Garantie wappnen gegen unliebsame Abenteuer, doch Inspektionen alle 3000 Kilometer sind schlechtester SR 500-Standard. Da heißt es bald einen der bundesweit rund 80 Händler aufzusuchen. Binnen zwei Jahren hat Mash seine Produktpalette in Deutschland von zwei auf zehn Modelle verfünffacht; der Importeur France Equipment sitzt im badischen Rastatt. Wobei die 125er und 250er aus einer anderen Produktionsstätte in China stammen als die 400er-Modelle. Bleibt die Preisfrage: Ist der Preisbrecher eine Dream Mashine, eine Traum-Maschine, wie der Name Mash andeuten soll? Für Leute, die etwas Neues wollen und keine Ansprüche an Fahrdynamik stellen, vielleicht. Ansonsten bliebe zu diesem Preis nur eine gebrauchte Yamaha XT 660 Z Ténéré. Die macht zwar weniger auf riesig, bleibt aber auch in der Nähe richtig groß.

Foto: Archiv
Leistungsdiagramm der Mash Adventure 400 R.
Leistungsdiagramm der Mash Adventure 400 R.

Technische Daten Mash Adventure 400 R

Motor
Luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, eine obenliegende kettengetriebene Nockenwelle, vier Ventile, Kipphebel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Saugrohr-Ø 32 mm, gereg. Kat., mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette.

Bohrung x Hub85,0 x 70,0 mm
Hubraum
397 cm³
Verdichtungsverhältnis8,8:1
Nennleistug20,1 kW (27 PS) bei 7000/min
Max. Drehmoment32,5 Nm bei 5500/min

Fahrwerk

Rohrrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 43 mm, verstellbare Zug- und Druckstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Zentral­federbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Scheibenbremse vorn, Ø 280 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Einkolben-Schwimmsattel.

Speichenräder mit Stahlfelgen 1.85 x 21; 3.00 x 18
Reifen90/90-21; 130/80-18
Bereifung im TestKenda P 66

Maße+Gewichte

Radstand 1460 mm, Lenkkopfwinkel 63 Grad, Nachlauf k. A., Federweg vorne/hinten 210/200 mm, Sitzhöhe* 880 mm, Gewicht vollgetankt* 176 kg (mit Koffern: plus 10 kg), zulässiges Gesamtgewicht 312 kg, Tankinhalt 19,0 Liter.

Garantiezwei Jahre
Serviceintervalle3000 km
FarbeSilber
Preis5195/5595 Euro (ohne/mit Koffer)

Messwerte

Fahrleistungen

Höchstgeschwindigkeit130 (1152) km/h
Beschleunigung0–100 km/h 10,4 sek
Durchzug60–100 km/h 8,7 sek
Tachometerabweichung Effektiv(Anzeige 50/100) 49/99 km

Verbrauch

Landstraße3,6 l/100 km
Theoretische Reichweite528 km

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