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Mit der Honda NXR 750 auf Achse Der Dominator

Das war einfach zu viel für den weltgrößten Motorrad-Hersteller: Eine luftgekühlte Boxer-BMW bügelte zwischen Paris und Dakar alles platt, was sich in den Weg stellte. Die Honda NXR 750 sollte es richten - koste es, was es wolle. Doch in erster Linie kostete dieses Monster Überwindung.

Wir waren damals ziemlich überrascht. Wir, die Enduro-Freaks in der MOTORRAD-Redaktion, die 1987 eine 300000 Mark teure Werks-Honda auf der Motocross-Strecke im badischen Stollhofen durch den aufgeweichten Sand dreschen sollten. NXR 750 hieß das Monstrum, mit dem Cyril Neveu ein paar Monate zuvor seinen fünften Sieg bei der Paris-Dakar gefeiert hatte. Ein Motorrad, das von der Honda Racing Corporation ausschließlich dazu entwickelt wurde, schneller als alle anderen durch die Sahara zu rasen. Der 75 PS starke Vierventil-V2 und die sehr robuste Ausstattung würden dem stressigen Wüstenritt schon gewachsen sein. Auf hochwertigsten, in Handarbeit hergestellten Federelementen sollten die Piloten über übelste Wellblechpisten schweben und trotz aller Strapazen wohlbehalten - vor allem aber als erste in Dakar ankommen.

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Moorleiche für 300000 Mark

Mit 57 Litern Sprit an Bord knapp 250 Kilogramm schwer, konnten sich selbst die kühnsten Cross-Spezialisten der Redaktion nicht vorstellen, dieses Trumm von Motorrad durch den aufgeweichten Sand zu bugsieren. Schon der Transport des Ungetüms war ein Abenteuer.

Die Fotos im Studio fand ich brillant. Aber mit dem Teil auf der Crosspiste fahren, das geht nicht, mahnte ich. Weil man fünf Zentner aus einem Meter Sitzhöhe nicht manövrieren kann. Schon gar nicht dort, wo einem der nasse Sand unter den Stollenreifen regelrecht davonläuft. Fünf Zentner plus Fahrer macht zusammen 330 Kilogramm. So viel wie eine Honda Gold Wing, diese Masse konnte man im tiefen Matsch nur versenken! Bitteschön, wenn man sich eine Moorleiche für 300000 Mark leisten kann, jederzeit. Kollege Andy Schulz vom Ressort Sport ließ nicht locker: „Jetzt mach schon, ein paar Meter wirst du die NXR 750 wohl durchs Bild fahren können, oder?“

Schon allein der Kickstarter war eine Herausforderung. Doch bereits nach zweimaligem Treten ballerte die NXR los. Gang rein, aufspringen und ab die Post. Schüchtern am Anfang, mit höchstem Respekt, schneller mit jeder Runde - nach zehn Minuten war alles vergessen. Das Gewicht, der Preis, der tiefe Sand - alles egal, weil die Honda mit einer Leichtigkeit über die Piste fegte, die man so nie und nimmer erwartet hatte. Ein Motor, so weich und doch so kraftvoll, dass man immer und überall die Front sanft über jede Welle, jedes Loch lupfen konnte. Das Vorderrad lief wie auf Schienen, der Driftwinkel ließ sich mit der Gashand nach Belieben variieren, die Gänge flutschten wie von selbst in ihre Position, das Drehmoment wurde von der Kupplung fein dosiert ans Hinterrad gereicht - was für ein Erlebnis. Im Nachhinein war das die Erklärung, warum sich mein erster Kontakt zur 650er-Africa Twin genauso anfühlte: souverän, sicher, irgendwie unstürzbar. Honda eben.

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Foto: fact

Technische Daten

Motor: Wassergekühlter V2-Viertaktmotor, je eine oben-liegende Nockenwelle, je vier Ventile, Hubraum 779 cm³, Leistung 75 PS bei 7000/min

Kraftübertragung: Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Kettenantrieb

Fahrwerk: Einschleifenrahmen aus Stahlrohr, 43-mm-Telegabel, Zweiarmschwinge, Zentralfederbein mit Pro-Link-Umlenkung, eine 270er-Scheibenbremse vorn, eine 240er- Scheibenbremse hinten, Reifen vorn 90/90-21, hinten 140/90-18, Gewicht 245 kg, Leasing-Gebühr für ein Jahr: 300000 Mark

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