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Überarbeitet: Morini Scrambler, jetzt serienmäßig mit Öhlins-Federbein, Anti-Hopping-Kupplung und Ledertasche. Preis: 12900 Euro.

Moto Morini Scrambler 1200 im Fahrbericht Neues Werk, überarbeitete Modelle

Neues Werk, überarbeitete Modelle, frischer Tatendrang: Moto Morini meldet sich zurück. Fünf Jahre nach dem letzten Test fuhr MOTORRAD die leicht renovierte Scrambler 1200.

Er ist ein Verführer vor dem Herrn, ein echter Herzensbrecher, ein wahrer Prinz Charming der Szene. Nein, die Rede ist nicht von George Clooney, sondern vom mächtigen 1200er-Motor der Marke Moto Morini. Es ist eine wahre Freude, ihn nach mehreren Jahren Abstinenz wiederzuentdecken. „Haben, haben, haben“, kreischt die für Gefühle zuständige rechte Hirnhälfte schon nach wenigen Kilometern. Kein Wunder, denn der Ultrakurzhuber schnaubt, schnorchelt, saugt, bebt und lebt, er springt so lustvoll ans Gas und dreht so begeisternd wie kaum ein anderer Twin.

Ähnlich verwegen wie der Motor tritt die gesamte Moto Morini Scrambler 1200 auf. Morinis erste Scrambler 1200 kam 2009 auf den Markt und gab mit ihren dicken Stollenreifen, den beiden filigranen Endtöpfen und den schönen Schweißnähten am Verlicchi-Rahmen die Draufgängerin. Heute passt ihr Konzept besser zum Zeitgeist denn je, denn Naked Bikes mit Offroad-Optik haben Konjunktur. Damit nicht genug, kann man sie in elf Farben ordern und dazu je vier verschiedene Rahmen- und Motorlackierungen sowie drei Sitzbänke kombinieren – Customizing leicht gemacht und ebenfalls voll im Trend.

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Moto Morini Scrambler 1200 mit Anti-Hopping-Kupplung

In den fünf Jahren seit dem Debüt der Scrambler hat Moto Morini turbulente Zeiten erlebt, mit Pleite, Versteigerung, Neustart und dem Umzug vom Stammsitz bei Bologna in ein kleineres Werk in Trivolzio nahe Mailand. Dort scheint die Traditionsmarke endlich zur Ruhe zu kommen. Die Chefs Sandro Capotosti und Ruggeromassimo Jannuzzelli, im früheren Leben Banker respektive Verlagsdirektor, kümmern sich mit ihren 25 Beschäftigten nun verstärkt um die Technik der Modellpalette und wollen neue Kunden gewinnen. Daher die exklusive Einladung an MOTORRAD, bei einem Trip rund um Genua die Bekanntschaft mit der Moto Morini Scrambler 1200 zu erneuern.

Deren bereits zu Anfang besungener V2 bekam eine neue Abstimmung, was den Spritverbrauch drosseln soll. Das Startverhalten hat sich verbessert, das kleine Leistungsloch bei 3000/min ist verschwunden, der Motor geht weniger ruppig ans Gas, wenn auch unfreiwillige Vorderradlupfer noch vorkommen. Generell wirkt der V2 im Drehzahlkeller harmonischer als früher, ohne dabei seine überbordende Drehfreude eingebüßt zu haben. Ein Übriges fürs bessere Fahrverhalten tut die Anti-Hopping-Kupplung, die das Stempeln des Hinterrads beim Bremsen wirkungsvoll verhindert. Das hat die Scrambler auch nötig, denn so sexy sie mit dem Metzeler Karoo 3-Reifen auch aussieht – eine reine Freude auf Asphalt ist der Gummi nicht. Zwar funktioniert er besser als der ehemals montierte Karoo 2, doch das grobstollige Profil macht die Moto Morini Scrambler 1200 in Kurven ganz schön kippelig und schwammig. Wer allzu beherzt in die Bremsen greift, lässt schnell wieder los, denn was da passiert, fühlt sich verdächtig nach drohender Vorderrad-Blockade an; ABS hat die Scrambler noch nicht. Grundsätzlich gehen die Brembo-Stopper aber in Ordnung, sie sind nun etwas kleiner dimensioniert und packen nicht mehr so ultragiftig zu wie beim ersten Modell.

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Im Verkehrgewusel macht sich die Sitzhöhe unangenehm bemerkbar

Auf den erstaunlich leeren Höhenstraßen rund um Genua findet die Moto Morini Scrambler 1200 ein geeignetes Terrain, schmale Passagen wechseln sich mit weit gezogenen Kurven und langen Geraden ab. Eine kommode Sitzposition, ein gut ansprechendes Fahrwerk, das neben der 50er-Marzocchi-Gabel ein voll verstellbares Öhlins-Federbein mitbringt. Und dazu dieser schnuckelige Motor – damit ließe sich hier ganz schön was anstellen. Wenn nur die Stollenreifen nicht wären, denn Lenkpräzision, Rückmeldung und Grip bleiben hinter den eigentlichen Möglichkeiten des Motorrads zurück. Wer den enormen Fahrspaß, den Motor und Fahrwerk bieten, voll auskosten möchte, sollte lieber den ab Werk alternativ angebotenen Metzeler Tourance wählen. Der sieht zwar nicht so spektakulär aus, doch für echtes Gelände ist die Scrambler mit ihrer sportlichen Motorauslegung ohnehin nicht geschaffen.

In Genua flaut der Fahrspaß dann ab. Im Verkehrsgewusel der Hafenstadt macht sich an den vielen Ampeln und Kreuzungen die Sitzhöhe unangenehm bemerkbar: Die beträgt zwar eigentlich nur 83 Zentimeter, wird durch die breite Sitzbank aber verschärft, und so sind auch 1,80-Meter-Fahrer geschäftig am Fußeln. Zudem zeigt sich, dass die Moto Morini Scrambler 1200 trotz der Überarbeitung immer noch vergleichsweise kompromisslos ans Gas geht – im Stadtverkehr kein Quell der Freude. Und wenn wir schon beim Kritisieren sind: Abgesehen von der serienmäßigen hochwertigen Ledertasche mit 33 Litern Inhalt gibt es keinerlei Möglichkeit, Gepäck unterzubringen, entsprechende ­Haken fehlen. Bleibt nur, auf den Ge­päck­­träger zurückzugreifen, den Morini für 210 Euro anbietet.

Nach Genua hat Morini deswegen geladen, weil hier im Jachthafen einer der beiden Showrooms der Marke liegt; der zweite befindet sich im Werk in Trivolzio. ­Ergibt sich die elementare Frage: Mal ab­ge­sehen von diesen Läden – wie kommt der willige Morini-Ritter an eine Scrambler? In Europa nur übers Internet, den Kundendienst übernehmen Service-Points im jeweiligen Land. Doch allmählich setzt sich bei Moto Morini die Einsicht durch, dass damit nicht viel Staat, sprich: Umsatz zu machen ist. „Natürlich haben wir gemerkt, dass viele potenzielle Kunden lieber beim Händler ihres Vertrauens kaufen“, gesteht Elisabetta Capotosti, Tochter des Morini-Präsidenten und zuständig für die Kundenbetreuung. „Deswegen überlegen wir ganz konkret, in naher Zukunft wieder Händler und Importeure einzusetzen.“ Dann ließen sich die derzeit bescheidenen Stückzahlen von 180 Motorrädern pro Jahr sicher steigern. Nicht zuletzt dank Prinz Charming, diesem immer noch süchtig machenden Motor.

Technische Daten Moto Morini Scrambler

Motor: Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-87-Grad-V-Motor, je zwei obenliegende, zahnrad-/kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Einspritzung, Ø 54 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 460 W, Batterie 12 V/14 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Kette, Sekundärübersetzung 40:17.
Bohrung x Hub: 107 x 66 mm
Hubraum: 1187 cm³
Verdichtungsverhältnis: 12,2:1
Nennleistung: 86 kW (117 PS) bei 8500/min
Max. Drehmoment: 105 Nm bei 7000/min

Fahrwerk: Gitterrohrrahmen aus Stahl, Motor mittragend, Upside-down-Gabel, Ø 50 mm, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Federbein, direkt angelenkt, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 298 mm, Zweikolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 255 mm, Zweikolben-Schwimmsattel.
Speichenräder mit Alu-Felgen: 2.50 x 19; 4.25 x 17
Reifen: 110/80 R 19; 150/70 R 17
Bereifung im Test: Metzeler Karoo 3
(alternativ: Metzeler Tourance)

Maße+Gewicht: Radstand 1480 mm, Lenkkopfwinkel 63,5 Grad, Nachlauf 150 mm, Federweg v./h. 155/165 mm, Sitzhöhe 830 mm, Gewicht fahrfertig ohne Benzin 220 kg, Tankinhalt/Reserve 21,0/3 Liter.
Garantie: zwei Jahre
Serviceintervalle: 7500 km
Farben: Violett, Neongrün, Military, Türkis, Graumetallic, Rot, Blau, Gelb, Orange, Schwarz, Weiß
Preis: 12900 Euro
Bezug: www.motomorinimotorcycles.eu

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