MSC in der KTM 1190 Adventure im Test Schräglagentaugliches ABS

Verwirrte Begriffe sind sicherlich das kleinste Problem bei einer Schreckbremsung in Schräglage. Deshalb hat Bosch zusammen mit KTM für die 1190 Adventure ein schräglagentaugliches ABS entwickelt. Seit Dezember 2013 ist es auf dem Markt. Ein erster Test.

Foto: Jahn

Es war ein einsam gelegener Kreisverkehr im hügeligen Hinterland der nordspanischen Stadt Cambrils, in dem dieser Test begann. Mit großzügigem Radius, weit zurückgesetzten Leitplanken und nach außen abfallender Fahrbahn bot er eine günstige Gelegenheit, einige skeptische Tester von MOTORRAD von der Funktion der Motorcycle Stability Control (MSC) zu überzeugen. Hinter dieser Bezeichnung steht das erste schräglagentaugliche ABS für Motorräder. Also warfen sich die Skeptiker mit der KTM 1190 Adventure in die Kreisbahn, tasteten sich an die Schleifgrenze von Fußrasten und Ständerausleger heran, atmeten tief durch und zogen mit aller Kraft den Handbremshebel.

Das Folgende blieb denkbar unspektakulär. Die KTM nickte in die Federn ihrer Upside-down-Gabel, verzögerte, wurde im gleichen Maß aufgerichtet wie die Geschwindigkeit abnahm und kam aus etwa 40 km/h nach wenigen Metern zum Stehen. Mal wurde ein Regelvorgang des ABS sicht- oder durch ein Klappern im Antriebsstrang hörbar, mal nicht. Die Lenkreaktionen, vor allem eine im ersten Moment des Bremsvorgangs fühlbare Tendenz des Vorderrads, nach innen zu klappen, waren von außen nicht zu erkennen. Ihre Ursache, ein Blockieren des Vorderrads, wurde durch die intelligente Bremskraftverteilung und die Modulation des Bremsdrucks buchstäblich weggeregelt. Wieder und wieder „filmte“ Fotograf Markus Jahn den Vorgang mit zwölf Bildern pro Sekunde, in der Hoffnung, die KTM einmal mit deutlich eingeschlagenem Vorderrad in Schräglage zu erwischen.

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Foto: Jahn

Es gelang nicht, weil es nicht gelingen konnte; auch bei allen späteren Versuchen, teils mit doppelter Anfahrgeschwindigkeit, regelte das System so fein und schnell, dass seine Arbeit wohl nur mit einer Highspeed-Filmkamera sichtbar zu machen wäre.

So bestätigte sich, was bereits bei der Vorstellung des MSC offenbar wurde: Wer einmal in Schräglage gelangt ist, ohne zu stürzen, kann damit auf einem gleichmäßigen Fahrbahnbelag voll bremsen. In der klassisch-unfallträchtigen Situation einer Schreckbremsung in Schräglage wird er durch das MSC vor einem Sturz bewahrt. Das funktioniert auch unter erschwerenden Bedingungen wie einer nach außen abhängenden Fahrbahn. Es funktionierte sogar beim Übergang von trockener auf nasse Fahrbahn, wobei ergänzt werden muss, dass die Strecke hervorragend asphaltiert war und die nassen Stellen fast ebenso viel Grip boten wie die trockenen. Ein Testgelände mit einer rutschigen Kreisbahn, die bewässert werden konnte, stand Anfang Januar leider nicht zur Verfügung.

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Panikbremsung ohne MSC führt zu sofortigem Sturz

So weit, so gut. Doch wie steht es um das berüchtigte Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage? Wie berechtigt ist die Angst vieler Motorradfahrer, beim Bremsen in Schräglage die Kurve auf einer tangentialen Linie verlassen zu müssen und in eine Leitplanke oder eine Felswand zu krachen? Um diese Frage zu klären, steckten die MOTORRAD-Tester eine enge Pylonengasse im Omega der Rennstrecke von Calafat ab. Wieder wurde in voller Schräglage voll gebremst, dieses Mal bei einer Geschwindigkeit von etwa 70 km/h. Im Verlauf von Dutzenden von Bremsungen bis zum Stillstand musste keiner der insgesamt vier Tester die Pylonengasse verlassen. Unter voller Verzögerung stellte sich die KTM zwar auf, doch wegen der stark abnehmenden Geschwindigkeit war es eben auch nötig, die Schräglage zu verringern, um nicht nach innen zu kippen. Leider lässt sich dergleichen nicht messen, sondern nur schätzen, aber verglichen mit der Linie einer ununterbrochenen Kurvenfahrt kamen Fahrer und Motorrad bei den Versuchen etwa 75 Zentimeter bis höchstens einen Meter weiter außen zum Stehen. Hier zeigt sich der Vorteil des schmalen Vorderreifens mit großem Durchmesser – er produziert nur eine relativ geringe Aufstellneigung.

Foto: Jahn

Wer in einer Notsituation so knapp vor einem Hindernis schrägbremsen muss, dass die erwähnten 75 bis 100 Zentimeter nicht ausreichen, kann mit einem kurzen beherzten Bremsmanöver zunächst Geschwindigkeit abbauen, dann die Bremse wieder ­lösen und die Kurve auf einem engeren Radius zu Ende fahren. Solche Manöver muss man allerdings üben, aber das empfiehlt sich beim Umgang mit jedem ABS und dem MSC ohnehin.

Die Teststrecke in Calafat diente MOTORRAD auch zu Vergleichsmessungen mit einer Adventure ohne MSC, aber mit ABS. Nebenbei bemerkt: Die Komponenten der Bremsanlage sind bei beiden dieselben; MSC kann also beim KTM-Händler für 399 Euro auf jede 1190 Adventure aufgespielt werden. Zunächst zeigte dieser Vergleich, dass ein geübter Fahrer, der geplant auf einer verlässlich griffigen Bahn bremst, ohne MSC mindestens genauso gut aus voller Schräglage zum Stillstand kommen kann wie mit. Verkehrspädagogen, KTM- oder Bosch-Mitarbeiter werden das nicht so gerne lesen, aber es stimmt.

Eine Panikbremsung in Schräglage ohne MSC würde dagegen sofort zum Sturz führen. Die Tester simulierten diese Situation, indem sie kurzzeitig mit aller Kraft den Handbremshebel zogen. Laut Data-Recording ging das für etwa 0,3 Sekunden, dann war höchste Zeit, die Bremse zu lösen, um das bereits wegrutschende und einklappende Vorderrad wieder in Drehbewegung zu versetzen und so das Motorrad zu stabilisieren. Drei Zehntelsekunden nur, kurz, aber aufschlussreich. Das Standard-ABS baute den Bremsdruck fast schon rabiat auf, und die Verlagerung der Bremskraft nach hinten war fast nicht zu spüren. Wegen der heftiger einsetzenden Verzögerung und den stärkeren Fahrzeugreaktionen schien auch die Aufstellneigung in der ersten Zehntelsekunde stärker, bevor der Reifen zu rutschen begann.

Foto: Jahn

Die Strategie des MSC besteht also darin, in Paniksituationen das zu leisten, was selbst ein geübter Fahrer nur dann beherrscht, wenn er auf seine Aufgabe vorbereitet ist. Es baut den Bremsdruck gefühlvoll und trotzdem rasch, aber keinesfalls hastig auf. Es bremst von Anfang an hinten mit und nutzt beide Bremsen bis zum Stillstand. So bringt es einen schneller zum Stehen als ein forsches Hinausschießen übers Limit, gefolgt von erschrecktem Lösen der Bremse oder gar einem Sturz.

Die Vergleichsmessungen brachten auch zutage, dass ein ABS von der Regelgüte des Bosch-Systems in der KTM ab 35 Grad Schräglage und weniger volle Verzögerung erlaubt, zumindest bei normal griffiger Fahrbahn. Ähnliche Werte erreicht das Nissin-ABS der Honda VFR 800. Bei geringer bis mittelprächtiger Schräglage braucht man also auf diesen Motorrädern kein MSC für eine Vollbremsung. Wie jedes gute Assistenzsystem nimmt es einem aber auch nichts weg, wenn man es hat.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Es gibt keine Anzeige im Cockpit und keinen anderen Hinweis auf das MSC. Man muss nicht unbedingt in der speziellen Situation der MOTORRAD-Tester sein, mit zwei Motorrädern gleichen Typs, von denen niemand genau weiß, welches nun das System an Bord hat, um diesen Umstand etwas befremdlich zu finden. Schließlich werden nicht alle Motorräder immer vom selben Fahrer bewegt, und nicht immer herrscht bei jedem Klarheit darüber, welche Maschine womit ausgestattet ist. Diskret im Hintergrund zu wirken, entspricht zwar dem Charakter des MSC, aber eine kurze Ich-bin-bereit-Meldung beim Einschalten der Zündung wäre noch wünschenswert.

Foto: MRD

Messwerte Kurvenbremsung

Auf den ersten Blick scheint es nicht ganz einfach, dieses Diagramm zu lesen. Aber auf den zweiten auch nicht so schwer. Das untere Linienbündel zeigt die Schräglage an, das obere die Geschwindigkeit bei einer Bremsung in der Kurve. Grün zeigt eine Bremsung ohne MSC, blau mit. Ab etwa 30 Grad Schräglage und weniger lässt das Standard-ABS der KTM offensichtlich höhere Verzögerungswerte zu als mit MSC. Das liegt daran, dass sich die Stabilitätskontrolle für das Bremsen auf rutschigen Fahrbahnbelägen noch eine größere Sicherheitsreserve lässt. Achtung: Die Bremsung auf der grünen Linie ist nur dann möglich, wenn der Fahrer geübt und vorbereitet und die Strecke griffig ist.

Nicht im Fall einer echten Schreckbremsung. Die durchgezogene rote Linie zeigt eine solche plötzliche Vollbremsung ohne MSC bei rund 45 Grad Schräglage (1). Leider kann sie nur wenige Zehntelsekunden dauern. Danach gibt es zwei Möglichkeiten, die mit fiktiven und deshalb gestrichelten roten Linien illustriert sind: Entweder der Fahrer stürzt, dann nimmt die Geschwindigkeit langsam ab und die Schräglage geht rasch in Richtung 90 Grad. Oder er löst die Bremse, stabilisiert so die Maschine und verzögert dann weiter. Dabei verliert er aber
erheblich an Zeit und Bremsweg.

Foto: Jahn

Tipps zum Bremsen in Schräglage ohne MSC

  1. Mit ABS gleichzeitig bremsen und das Motorrad rasch aufrichten, dabei die Bremskraft zügig erhöhen. Idealerweise hinten einen Moment früher mit dem Bremsen beginnen.
  2. Ohne ABS genauso vorgehen. Allerdings sollten die Bremsen in der tiefsten Schräglage nur sehr behutsam angelegt werden, die Bremskraft muss bis zuletzt genau dosiert werden.
  3. Auf die Fahrlinie achten. Ist zur Kurvenaußenseite hin genug Bremsweg zur Verfügung? Wenn nicht, kurz und kräftig verzögern, dann Bremse lösen und zugleich auf einen engeren Kurvenradius schwenken.
  4. Bremsen üben. Geradeaus, in Schräg­lage, mit oder ohne ABS und MSC, üben. Aber bitte nur, wenn ganz sicher niemand von hinten kommt.

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