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MV Agusta Turismo Veloce 800.

MV Agusta Turismo Veloce 800 im Fahrbericht Leichter, agiler Tourer

Was für eine Überraschung: Die neue MV Agusta Turismo Veloce 800 entpuppt sich keineswegs als verkappter Sportler mit angeschraubten Koffern, sondern als komfortables Tourenmotorrad, von dem man am liebsten gar nicht mehr absteigen würde.

Seit der Wiederbelebung im Jahr 1997 kämpft die Marke MV Agusta in gewisser Weise mit ihrem Ruf. Die Motorräder aus Varese gelten zwar als schön, exklusiv und sportlich, aber eben auch als kapriziös, nervös und fast schon zickig. Entsprechend groß war die Skepsis, als die Italiener ein Tourenmotorrad ankündigten. Ein echter Tourer von MV? Nie im Leben, dachten da nicht nur Pessimisten. Bestimmt würde das wieder so ein leicht erregbares Highspeed-Gerät, nur eben mit angeschraubten Koffern. Dass MV dann innerhalb kurzer Zeit zahlreiche ­Varianten des 800er-Dreizylinders auf den Markt warf – F3, Brutale, Dragster, Rivale, Stradale –, die allesamt vornehmlich sport­liche Ziele verfolgen und sich untereinander ähneln, schürte den Argwohn zusätzlich. Doch nun sehen sich all die unkenden Propheten widerlegt, denn die MV-Entwickler können tatsächlich auch anders. Mit der MV Agusta Turismo Veloce 800 ist ihnen ein leichtes, agiles und dabei komfortables Motorrad gelungen, das enorm viel Freude am Fahren vermittelt.

Gut 220 Kilometer lang war die Teststrecke bei der Premiere rund um Nizza, doch sie erschien viel zu kurz. Ob auf verwinkelten Bergsträßchen, im schnellen Kurvengeschlängel der Route Napoléon, ja ­sogar im dichten Touristenverkehr entlang der Mittelmeerküste – die MV Agusta Turismo Veloce 800 ist immer präsent, immer aktiv und immer ein Genuss.

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Dreizylinder auf Tourentauglichkeit getrimmt

Nie zuvor gab es eine MV, die sich vom Start weg so gut abgestimmt präsentierte. Die leicht nach vorn geneigte, aktive Sitzposition mit dem breiten Lenker passt auf Anhieb, die 85 Zentimeter Sitzhöhe klingen zwar hochbeinig, fühlen sich aber dank der schmalen Taille des Motorrads niedriger an. Wie bei MV üblich gibt sich das voll einstellbare Fahrwerk mit Marzocchi-Gabel und Sachs-Federbein eher straff, doch die langen Tourer-Federwege sorgen für Komfort. Vor allem aber wurde der Dreizylindermotor der MV Agusta Turismo Veloce 800 auf Tourentauglichkeit getrimmt. Ausnahmsweise quetschten die Entwickler nicht das Allerletzte Quäntchen Power aus seinen 800 cm³, sondern ließen es bei 110 PS bewenden und bauten lieber auf ein fülliges Drehmoment. „Leicht war das nicht, wir mussten da wirklich unsere Mentalität ändern“, gibt Chef­ingenieur Brian Gillen halb seufzend, halb augenzwinkernd zu.

Mit neuen Kolben, modifizierten Nocken und einem veränderten Ansaug- und Auslasstrakt präsentiert sich der Dreizylinder zwar nach wie vor lebhaft, aber mit tadel­losen Manieren. Sein maximales Drehmoment von 83 Newtonmetern erreicht er bei 8000 Umdrehungen. Doch viel wichtiger ist, dass sich 90 Prozent davon bereits bei 3500/min entfalten. Kraftvoll und doch weich nimmt der Motor Fahrt auf, um bei 6000/min mächtig zuzulegen. Ganz lassen sich die Sportgene eben doch nicht verleugnen, und schließlich bedeutet Turismo Veloce auf Deutsch so viel wie „schneller Tourismus“. Diesem Namen wird der jüngste Spross von MV Agusta voll gerecht – wenn man es denn möchte. Aber es geht auch anders. Stellt man vom Fahrmodus Sport mit 110 PS auf Touring mit 90 PS um, gibt sich die MV Agusta Turismo Veloce 800 noch kultivierter, spricht einen Tick sanfter an und lässt sich selbst im fünften oder sechsten Gang ganz entspannt durch das abwechslungsreiche Kurvenlabyrinth um Nizza dirigieren. Begleitet wird das Fahrvergnügen vom rauen Sound des Dreizylinders, der mal bellt, mal faucht, mal röhrt, aber immer für einen wohligen Gänsehauteffekt sorgt.

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Derzeit der kompakteste und agilste Tourer im Programm

Ein Fest für alle Sinne, denn temperamentvoll und dynamisch kommt die MV Agusta Turismo Veloce 800 in jedem Fahrmodus rüber. Sie lechzt regelrecht nach der nächsten Kurve, reagiert willig, aber nicht besonders nervös auf Lenkbefehle und scheint wie von selbst in jede gewünschte Schräglage zu fallen. Die Bremsen beißen kräftig, aber ordentlich dosierbar zu, die Serienbereifung vom Typ Pirelli Scorpion Trail harmoniert gut. Dass dieses Motorrad so spielerisch funktioniert, liegt nicht zuletzt an seinen kompakten Abmessungen. Tourendampfer? Fehlanzeige. Gerade mal 90 Zentimeter misst die MV an ihrer breitesten Stelle, dem Lenker, und dank der gut integrierten Koffer fällt das Heck sogar schmaler aus. Vergleichsweise leicht ist sie außerdem: Fahrfertig, was bedeutet, dass ihr großer 22-Liter-Tank zu 90 Prozent gefüllt ist, bringt sie es auf 228 Kilogramm – „das sind 20 bis 50 Kilogramm ­weniger als die Konkurrenz“, wie MV-Boss Giovanni Casti­glioni mit Blick auf Ducati Multistrada & Co. anmerkt. Wobei: Direkte Konkurrenten gibt es eigentlich gar nicht, einen so kompakten und agilen Tourer hat derzeit kein anderer Hersteller im Programm.

In elektronischer Hinsicht ist die MV Agusta Turismo Veloce 800 voll auf der Höhe der Zeit. Sie verfügt über ­insgesamt vier Fahrmodi, eine achtstufige Traktionskontrolle, Ride-by-Wire und einen Schaltassistenten. Rauf- und Runterschalten ohne zu kuppeln – braucht man das bei einem Tourer wirklich? Natürlich nicht, aber es fügt dem ohnehin enormen Fahrspaß dieses Motorrads sozusagen noch den Zuckerguss hinzu. Zur Tourenausstattung ­gehören ein Tempomat sowie zwei Steckdosen und zwei USB-Anschlüsse, der Windschild lässt sich mit einer Hand um sechs Zentimeter verstellen und schützt ganz passabel, wenn auch nicht perfekt. Zwei ­Fächer in der Verkleidung dienen als prak­tischer Stauraum für den üblichen Krimskrams – vom Handy bis zur Sonnenbrille.

Echte Tankanzeige prunkt im Cockpit der Turismo Veloce 800

Und noch ein Novum gibt es, zumindest für MV, denn statt der bislang üblichen schlichten Reserveleuchte prunkt im Cockpit der MV Agusta Turismo Veloce 800 nun eine echte Tankanzeige. Die beiden 30-Liter-Koffer kosten allerdings extra, was den ohnehin satten Preis von knapp 15.000 Euro weiter nach oben treibt. MV wäre außerdem nicht MV, wenn nicht gleich noch 200 Stück eines Sondermodells aufgelegt würden: Die Edition1 für knapp 16.000 Euro bringt serienmäßig Koffer, Heizgriffe, Haupt­ständer und ein Navi mit. Noch mal 1000 Euro mehr wird die Lusso kosten, die im Juni kommen soll und zusätzlich über ein semiaktives Fahrwerk verfügt.

Trotz aller Begeisterung für diesen leichten und kompakten Tourer gibt es auch Kritikpunkte. Da ist zum einen das Cockpit, das man in der nach vorn geneigten Sitzhaltung leicht aus den Augen verliert. Zudem ist das TFT-Display derart mit Infos überfrachtet, dass man gar nicht weiß, wohin man schauen soll. Nicht wirklich gefallen außerdem die Koffer, die mit einem Splint befestigt werden müssen und zudem aus billig wirkendem Leichtplastik bestehen, was den Set-Preis von 900 Euro nicht rechtfertigt. Doch das sind eher nebensächliche Details, die man im Sattel dieser MV Agusta Turismo Veloce 800 schnell vergisst. Weil man mit ihr nämlich nur eines will: fahren, fahren und immer wieder fahren.

Foto: MV Agusta
In elektronischer Hinsicht ist die MV Agusta Turismo Veloce 800 voll auf der Höhe der Zeit.
In elektronischer Hinsicht ist die MV Agusta Turismo Veloce 800 voll auf der Höhe der Zeit.

Technische Daten MV Agusta Turismo Veloce 800

Technische Daten MV Agusta Turismo Veloce 800

Motor: Wassergekühlter Dreizylinder-Viertakt-Reihenmotor, eine Ausgleichswelle, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung 3 x Ø 47 mm, geregelter Kat, Lichtmaschine 450 Watt, Batterie 12 V/11 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, X-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 41:16.

Bohrung x Hub: 79 x 54,3 m
Humbraum: 798 cm³
Verdichtungsverhältnis: 12,2:1
Nennleistung: 81 kw (110 PS) bei 10.000/min
Max. Drehmoment: 83 Nm bei 8000/min

Fahrwerk: Gitterrohrrahmen aus Stahl mit verschraubten Alu-Gussteilen, Motor mittragend, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, schwimmend gelagerte Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Zweikolben-Festsattel, Traktionskontrolle, ABS.

Alu-Gussräder: 3,50 x 17,6 x 17
Reifen: 120/70 ZR 17;190/55 ZR 17

Maße und Gewichte: Radstand 1424 mm, Lenkkopfwinkel 65 Grad, Nachlauf 108 mm, Federweg v./h. 160/165 mm, Sitzhöhe 850 mm, Trockengewicht 191 kg, zulässiges Gesamtgewicht 417 kg, Zuladung 189 kg, Tankinhalt 22 Liter.

Garantie: zwei Jahre

Farben: Rot/Silber, Silber/Grau

Preis/Nebenkosten: 14.990/275 Euro

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