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Fahrbericht: MV Agusta Brutale 675 Dreizylinder-Brutale von MV Agusta

Mit der kleinen Brutale 675 will MV Agusta Maßstäbe in der Klasse der Motorräder bis 800 cm³ setzen und neue Kunden erobern. Das könnte der feurigen Schönheit durchaus gelingen.

MV Agusta Brutale 675

Spannung liegt über dem Werkshof von MV Agusta am Ufer des Lago di Varese. Vor dem grellroten Bau der Entwicklungsabteilung beschirmen weiße Baldachine die Brutale 675, die jüngste Schöpfung des Hauses. 15 Exemplare posieren lässig im kühlenden Schatten, während die Techniker und Ingenieure des Hauses im Hintergrund an der Gebäudewand lehnen, als wären sie nur Staffage für die bildschöne Hauptdarstellerin. Andere MV-Beschäftigte finden immer wieder einen Vorwand, um einen neugierigen Blick auf die Vorgänge im Hof zu werfen, denn hier wird heute die B3, wie sie intern heißt, der internationalen Fachpresse vorgestellt. Nach dem Supersportler F3 mit dem gleichen Dreizylindermotor ist sie für das kleine italienische Werk die zweite wichtige Neuheit in diesem Jahr. Wobei der B3 noch mehr Bedeutung zukommt: Mit ihrer weniger sportlichen Ausrichtung soll sie einen weiteren Kundenkreis ansprechen und die rund 200 Arbeitsplätze sichern.

Die Voraussetzungen dafür bringt sie mit. Das liegt nicht zuletzt am Preis von knapp 9000 Euro, der für eine MV sensationell günstig ausfällt, zumal das Werk kaum Abstriche in Sachen Qualität und Verarbeitung macht. Ein voll einstellbares Fahrwerk ist zu diesem Preis zwar nicht drin, doch Optik und Verarbeitung des grazilen Naked Bikes faszinieren.

"Der Preis ist knapp kalkuliert, das ist klar", sagt Entwickler Paolo Bianchi, "aber billig darf eine MV unter keinen Umständen wirken." Und so kümmerten sich er und seine Kollegen aufmerksam um jedes Detail, deckten unter anderem störende Kabel und die mechanische Kupplungsbetätigung geschickt ab und setzten ein elegantes Aluminium-Cover auf das schlichte Sachs-Federbein, das so gleich viel edler rüberkommt. Die betörende Auspuffanlage, bereits Thema zahlreicher Lobgesänge, und die Lackierung in vornehmen Farbkombinationen bestätigen: Hier steht beileibe kein billiger Abklatsch, sondern eine vollblütige MV Agusta.

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Foto: Turci

Dass das nicht nur für ihr Aussehen, sondern auch für ihren Charakter gilt, beweist sie auf einer kurzen Testrunde, die MV Agusta auf rund 50 Kilometer beschränkt, damit möglichst viele Journalisten zum Zug kommen. Doch so klein, zierlich und niedrig, wie die Brutale 675 dasteht - passen da überhaupt etwas länger geratene Menschen drauf? Kein Problem, zumindest mit 1,80 Metern sitzt es sich kommod. "Daran haben wir lange getüftelt", verrät Designer Fabio Orlandi. "Im Vergleich zur großen Brutale haben wir die Sitzbank niedriger gemacht und den Tank nach vorn gerückt, damit sich sowohl kleine als auch größere Fahrer wohlfühlen." Die Sitzbank fällt recht schmal und auch reichlich hart aus, die Sitzposition mit geradem Lenker schafft aber sofort Vertrauen.

Auf der Straße entlang des Lago di Varese legt die kleine Brutale eine enorme Agilität an den Tag, lenkt präzise und knackig in Kurven ein, lässt sich leicht korrigieren und wirkt selbst bei schnellsten Richtungswechseln regelrecht schwerelos. Lediglich 167 Kilogramm Trockengewicht sind eben ein Wort. Noch dazu geschickt verteilt, denn etwas mehr als die Hälfte davon, 86,4 Kilogramm, stemmt das Vorderrad.

Nur der Dreizylindermotor gibt zunächst Rätsel auf, die Gasannahme scheint verzögert. Doch lässt sich die Motorcharakteristik über die am rechten Lenkerende wählbaren Mappings leicht beeinflussen. Deren vier bringt die Brutale mit. Im eingestellten Normal-Modus erfolgt die Reaktion auf den Gasbefehl überaus sanft, aber auch wenig direkt. "Das ist absolut gewollt", erklärt Elektronikingenieur Mauro Marelli später. "Wir rechnen bei der B3 auch mit Wiedereinsteigern, und die sollen nicht verschreckt werden."

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Foto: MV Agusta

Nach dem Umschalten auf den Sport-Modus zieht die Kleine dann ganz anders an. Bis 4000/min passiert zwar nicht viel, doch dann atmet der Motor durch und legt sozusagen die Ohren an. Harmonisch und kraftvoll zieht er voran, ohne unangenehmes Ruckeln und praktisch vibrationsfrei. So kann man es im dritten oder vierten Gang erstaunlich lässig angehen lassen und die kurvigen Nebenstraßen im hügeligen Hinterland von Varese genießen. Ein ganz neues Fahrgefühl auf einer MV, denn die kleine Brutale giert nicht ständig nach mehr, sondern mag es ganz offensichtlich, auch mal locker und entspannt über das Asphaltband zu gleiten.

Wars das etwa schon? Weit gefehlt. Ab 8000/min kann sie ihre Gene nicht mehr verleugnen und zückt dann doch das Messer. Eine wahre Symphonie aus heiser fauchenden und bellenden Tönen entströmt den drei Orgelpfeifen der Auspuffanlage, während das Motorrad vorwärtsstürmt und seine 110 PS mit Verve entfaltet.

Stress kommt dennoch nicht auf, das Fahrwerk ist an Präzision kaum zu überbieten und ein Quell der Freude, so spielerisch und federleicht lässt sich die kleine Brutale auch dann dirigieren, wenn sie sich auf ihr sportliches Erbe besinnt. Nur die Hinterradbremse reagiert stets etwas zu heftig. Die achtstufige Traktionskontrolle lässt sich, wie die Mappings, bequem am Lenkerende verstellen, diesmal am linken.

Foto: MV Agusta

Überhaupt, die Elektronik. Noch nie gab es in dieser Preisklasse ein Motorrad mit so umfassender elektronischer Ausstattung. Normal- und Sport-Modus der Brutale 675 sind beide auf 110 PS ausgelegt, der Rain-Modus beschränkt die Power auf etwa 80 Prozent. Die Modi bieten unter anderem unterschiedliche Gasannahme und Leistungsentfaltung, sogar die Wirkung der Motorbremse ändert sich. Der Clou: Im Modus Custom lassen sich die Eigenschaften individuell kombinieren.

Doch um das auszuprobieren, bleibt keine Zeit, der Werkshof naht bereits, die nächste Gruppe wartet schon ungeduldig auf ihre Testfahrt. Wenn sich dieser erste positive Eindruck der B3 im Top-Test von MOTORRAD bestätigt, darf die Konkurrenz schon mal die dicken Jacken rausholen und sich warm anziehen. Denn so viel Schönheit und Klasse, kombiniert mit jeder Menge Fahrspaß, gab es in dieser Preiskategorie noch nie.

Foto: MV Agusta

Technische Daten

Motor 
Wassergekühlter Dreizylinder-Viertakt-Reihenmotor, eine Ausgleichswelle, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 47 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 350 W, Batterie 12 V/9 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping), Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 43:16.
Bohrung x Hub: 79,0 x 45,9 mm
Hubraum:  675 cm³
Nennleistung: 80,9 kW (110 PS) bei 12 600/min
Max. Drehmoment: 64 Nm bei 8600/min 

Fahrwerk
Gitterrohrrahmen aus Stahl, Motor mittragend, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, Einarmschwinge  aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Zweikolben-Festsattel,Traktionskontrolle.
Alu-Gussräder: 3.50 x 17; 5.50 x 17
Reifen: 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17 

Maße + Gewichte
Radstand 1380 mm, Lenkkopfwinkel 66,0 Grad, Nachlauf 95 mm, Federweg v/h 125/119 mm, Sitzhöhe 810 mm, Trockengewicht 167 kg, Tankinhalt/Reserve 16,6/5 Liter.
Garantie: zwei Jahre
Farben: Rot/Silber, Weiß/Gold, Grau/Anthrazit
Preis: 8990 Euro
Nebenkosten: 275 Euro

Brutale 675 und F3 im Vergleich

Beide Motorräder basieren auf der gleichen technischen Plattform und werden vom neuen Dreizylindermotor mit 675 cm³ angetrieben. Hier die wichtigsten Unterschiede (F3 in Klammern):

  • 110 PS bei 12 600/min (128 PS bei 14 400/min)
  • 64 Nm bei 8600/min (71 Nm bei 10600/min)
  • Drehzahlbegrenzer bei 13000/min (bei 15000/min)
  • Stahlventile (Titanventile)
  • Nur Federbasis des Zentralfederbeins verstellbar (voll einstellbares Fahrwerk)
  • Andere Nockenprofile für mehr Drehmoment von unten

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