Neuheiten BMW-Studie Concept 6

Bereits im Februar 2007 hat MOTORRAD den BMW-Sechszylinder prophezeit. Und zwischenzeitlich den Glauben daran fast verloren. Jetzt hat sich, leicht verspätet, die Vorhersage von damals erfüllt.

Foto: BMW

Projekt Sechszylinder

Ein Sechszylinder-Reihenmotor mit 120 Grad Hubzapfenversatz produziert keine freien Massenkräfte und Massenmomente. Weder erster noch zweiter Ordnung. So lautet - ingenieurssprachlich formuliert - die Beschreibung und gleichzeitige Erklärung eines Phänomens, für das man auch ganz andere, fast poetische Worte finden könnte: "Höchste Laufkultur" ist noch eine recht trockene Formulierung zur Charakterisierung eines Reihensechsers, "seidenweicher Lauf" evoziert dagegen schon die Vorstellung schöner Frauen in festlicher Abendgarderobe. Katzenliebhaber würden das Spektrum dieser Motorbauart mit "schnurrt wie ein Kätzchen, faucht und sprintet wie ein Gepard" in plastische Bilder fassen.

Grundlage solcher Vergleiche ist die herrliche Leichtigkeit und Mühelosigkeit, mit der ein Sechszylinder-Reihenmotor Fahrdynamik erzeugt. Abgesehen von drei prächtigen Motorradmodellen mit einem solchen Triebwerk, Benelli Sei, Honda CBX und Kawasaki Z 1300, gab es diese Faszina-tion nur im Auto zu genießen, und BMW profilierte sich dabei als einer der wichtigsten und versiertesten Hersteller. Auch der Autor dieser Geschichte infizierte sich mit der Sechszylinder-Sehnsucht nicht auf einem Motorrad, sondern im 323 i des Onkels eines Freundes. Nicht erst durch die auf eine gute halbe Stunde ausgedehnte Fahrt zum Zigarettenautomaten, sondern bereits beim andächtigen Stillestehen an der ersten T-Kreuzung...

Es scheint unter den Entwicklern von BMW-Motorrad etliche zu geben, denen es irgendwann so ähnlich erging und die zäh und unverdrossen im Hintergrund gewirkt haben. Jetzt haben sie es geschafft, die Motoren- mit der Motorradtradition von BMW zu verknüpfen. Und das nicht nur in Gestalt eines Einzelstücks, der atem- beraubenden Studie Concept 6, die einer der Stars der diesjährigen Mailänder Messe war.

Schon bevor das Tuch über dem Respekt einflößenden Naked Bike gelüftet wurde, kündigte Motorrad-Chefentwickler Dr. Christian Landerl an, dass der Motor als Antrieb eines luxuriösen Tourers, des Nachfolgers der K 1200 LT, in Serie gebaut würde. Es handelt sich um einen 1600er, der mit 560 Millimetern für einen Sechszylinder-Reihenmotor bemerkenswert schmal baut. Dazu trägt nicht zuletzt das Bohrung-Hub-Verhältnis bei, das entgegen aller Trends nur ganz leicht kurzhubig - ein anderer BMW-Sprecher nannte es "gerade eben nicht quadratisch" - angelegt wurde.

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Foto: Hersteller

Genaue Werte werden nicht angegeben, MOTORRAD hat aber ein wenig gerechnet und kommt auf wahrscheinliche 70,2 Millimeter Bohrung und 68,9 Millimeter Hub. Die verhältnismäßig kleine Bohrung spart Baubreite, der relativ lange Hub fördert das Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen.

In Sachen Leistung soll der Sechszylinder auf dem Niveau der Vierzylinder liegen, also zwischen 160 und 175 PS, das Drehmoment soll bereits bei 2000/min 130 Nm betragen. Genau das, was ein Tourer oder ein großes Naked-Bike brauchen. Wer "tourenkonform" fahre, so die Pressemittei-lung, erreiche mit dem Sechszylindermotor günstigere Verbrauchswerte als mit den Vierzylindern; verschiedene wählbare Kennfelder eröffnen weitere Sparmöglichkeiten.
Was Christian Landerl nicht gesagt hat, aber durchaus hätte ergänzen können: Nicht nur der Motor wird so, wie gezeigt, in Serie gehen, sondern auch das Fahrwerk.

Zumindest präsentierte sich der Rahmen der Studie, ein elegant geschwungenes Gebilde aus Alugussteilen, in Aufbau und Oberflächenfinish ebenso auf Serienstand wie die Duolever-Vorderradführung, die Schwinge oder der Kardanantrieb. Nicht zuletzt zeigen Fotos aus der Design-Werkstatt, dass lediglich das sogenannte Bodywork und die Auspuffanlage für Concept 6 neu geschaffen werden mussten. Alles andere lag schon vor.

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Foto: Hersteller

Interessanterweise enthält das Pressematerial auch CAD-Animationen des Motors mit nüchterner Sechs-in-zwei-Auspuffanlage. Da fällt es nicht schwer, sich die Konfiguration des späteren Serienmodells vorzustellen. Rückschlüsse eröffnet die Studie übrigens auch im Hinblick auf spätere Vierzylindermodelle. Deren Motoren sind nämlich um den gleichen Betrag nach vorn geneigt (55 Grad) wie der Sechszylinder.

Der neue, stilistisch überaus gelungene Rahmen, könnte also durchaus später einmal einen Vierzylinder aufnehmen. Soweit sichtbar, liegen die Motorhaltepunkte bei Vier- und Sechszylinder in ähnlichen Bereichen.

Obgleich Concept 6 sicherlich nicht eins zu eins in Serie gehen wird, so steht sie doch von allen Studien, die in letzter Zeit Aufsehen erregt haben (Genaueres über die V-12-Studien von Moto Guzzi im nächsten MOTORRAD), der Serie am nächsten.

Zudem erweist sich die prototypische Technik als solide eingebunden in ein die Baureihen übergreifendes Netz von konstruktiven Zusammenhängen. Das weckt Hoffnungen auf eine länger anhaltende Sechszylinder-Zukunft, die sicherlich auch ein unverkleidetes Motorrad mit sechs imposanten Auspuffmündungen wie an der Concept 6 bringen wird. Es soll sich dann bloß niemand wundern, wenn solche Faszinationsmaschinen länger als nötig an T-Kreuzungen stehen, weil ihre Fahrer ganz hingerissen ihrem Motor lauschen.

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