Fahrbericht: Ohle-Motorrad mit V12-Motor Motorrad-Eigenbau mit Aston Martin-V12

"Probefahrt, wohin? Am besten bleiben wir gleich hier, rund um die Klinik. Dann hast du's nicht so weit. Probefahrt mit dem Umbau eines Aston Martin Springfield V12.

Ach ja, an den Rahmen habe ich noch diese Stützen angebaut. Die erlauben fast 30 Grad Schräglage. Sollte der Bock umkippen, dann fällt er nicht ganz auf die Seite" Oder etwa doch? Ich bin skeptisch. Wie nachgiebig ist Teer? Denn der Bock, wie ihn sein Erbauer Frank Ohle nennt, wiegt 700 Kilogramm. Vielleicht auch 750. Egal, auf einen Zentner mehr oder weniger kommt es hier sowieso nicht an. Also noch mal: Falls der Bock kippt, beim Wenden, Aufsteigen oder Abstellen, dann stützen sich die 14 oder 15 Zentner Masse mit einer streichholzschachtelgroßen Fläche ruckartig auf den Teer. Und falls dieser nicht nachgibt, bleibt der Bock in einem Winkel von etwa 30 Grad stehen. Man braucht ihn dann nur wieder aufzurichten. So einfach ist das. So einfach.

Rückblende: Seit einem Jahr geistert ein Video durchs Internet, das ein selbst gebautes Bike mit Aston-Martin-V12-Motor zeigt. Der Wuppertaler Maschinenschlosser Frank Ohle hat das Chassis einer Boss Hoss verändert, den mächtigen Sechs-Liter-Motor eines Aston Martin DB7 hineingezwängt und führt sein 435-PS-Monster gelegentlich Gassi. Nach einer Kurzmeldung in MOTORRAD 8/2011 lud Ohle zum Fahrtermin. So etwas lässt man sich nicht entgehen.Die Situation ist denkbar ungünstig. Dicke Wolkenbänke in allen Graustufen verdecken die Abendsonne, man kann den Regen förmlich riechen. Wir stehen auf dem Betriebsgelände von Ohles Arbeitgeber in Wuppertal-Elberfeld, und trotz
drohender Nässe und dahinschwindenden Grips bin ich erleichtert. Zwar ist dieses Monstrum mit seiner Gesamtlänge von drei Metern und einem 2,33-Meter-Radstand das gewaltigste, dem ich je begegnet bin, doch seinen Erbauer hatte ich mir anders vorgestellt.

Zu diesem Bike passt eigentlich nur ein Zweimeterkerl mit einem Vitali-Klitschko-Kreuz und Reiner-Calmund-Waschbärbauch. Egal. Frank Ohle ist 49 Jahre und mit seinen 1,76 Metern nur um einen halben Kopf größer als ich. Das beruhigt ungemein. Nach dem Motto "Was der kann, kann ich auch" blicke ich der Probefahrt vorfreudig erregt entgegen und umschleiche den Koloss. Meinen Hinweis, der Vorderreifen sei entgegen der Laufrichtung montiert, nimmt er gelassen: "Auf meiner letzten Harley wa‘ der auch verkehrt rum drauf. Hat 10000 Kilometer gehalten. Ist gerollt, hat Wasser verdrängt. Watt willste mehr?"Nichts. Frank pflanzt seinen schwarzen Jethelm auf die Haarstoppel, Sonnenbrille auf, und schwingt sein Bein übers Heck der V12. Lässiges In-die-Senkrechte-Stellen, ausbalancieren, gezielter Griff zum Zündschlüssel. Diese Griffe sind geschmeidig, schlafwandlerisch sicher, verschmelzen zu einer einzigen Bewegung. Seine rechte Hand hält Bremshebel und Lenker, die Linke dreht den Schlüssel, der im Bereich der linken Wade baumelt.

Schon mal drüber nachgedacht, wie es sich anhören muss, wenn man einem Tyrannosaurus Rex sein Fressen wegnimmt? Genau. Wuppertal duckt sich. Die Schwebebahn geht in Schräglage, Bäume haben Astausfall, Hühner legen verschreckt Eier. Nur Frank Ohles Gesicht bleibt unberührt. Kein Grinsen. Keine Furcht. "Fahr‘n wa ma‘ besser tanken", stellt er lapidar fest. Legt mit einem Handhebel an der linken Seite seines Bocks den ersten Gang ein und grollt der Ausfahrt entgegen. An der Tanke treffen wir uns wieder. 33 Liter fasst der Tank. "Datt is‘ och erforderlich", brummt Frank. "Unter 16 Liter auf 100 Kilometer bin ich noch nie gekommen. Und wenn du ordentlich Späne gibst, säuft der Bock auch ma‘ 30 Liter." Während der Saft in den mächtigen Stahltank strömt, berichtet Frank über eines von vielen konstruktiven Hindernissen. Als er bei ersten Testfahrten die rund 435 Pferde "ma‘ so richtig füttern wollte", sei sein Monster einfach stehen geblieben. Seitdem verstaubt der originale Benzinhahn in einem Karton. Ein Halbzoll-Absperrhahn aus dem Heizungsbau, der die dreifache Spritmenge durchlässt, ermöglicht es dem V12 nun, in Verbindung mit dicken Hydraulikschläuchen seinen Durst zu stillen.

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Foto: Gargolov

Fotograf Rossen Gargolov und ich folgen dem Duo im Auto. Frank Ohle nimmt bei Gott nicht den leichtesten Weg aus der Stadt. Über schmale Wege und kleine Dörfer geht es Richtung Bergisches Land. Fenster werden geschlossen, Fußgänger salutieren, Hunde erstarren. Allen Gesichtern ist eines gemein: der geöffnete Mund. Durch zwei schmale Sidepipes grollt es infernalisch, denn die Lebensäußerungen von sechs vollen Hubraumlitern münden in eine Zwölf-in-fast-nichts-Auspuffanlage. Frank fährt locker, durchschwingt Kurven, geht in Schräglage. Bitte, geht doch. Fünfzehn Minuten später: Nieselregen putzt den Boden, an einem schmalen Weg bleibt Ohle stehen, steigt ab, haut mir auf die Schulter und raunt: "Jetzt wird gefahren! Da hinten iss‘n Parkplatz, da kannste locker wenden."Locker wenden. Mir wäre schon wohler, wenn ich den Seitenständer locker hochklappen könnte. Denn der Sitz ist zwar niedrig, mit 420 Millimetern aber auch recht breit. 700 Kilo wollen balanciert werden. Und zwar mit dem rechten Fuß. Der linke versucht, den Seitenständer hochzuschnippen. Schweiß. Schon jetzt. Mist. Seitenständer hochschlagen. Griff zum Zündschlüssel. Beide Zehenspitzen am Boden. Das Automatikgetriebe hat drei Fahrstufen: einen Fahrgang, der bis zirka 200 km/h geht, einen Overdrive, der bis rund 300 km/h übersetzt ist, und einen Rückwärtsgang, um das Monster besser rangieren zu können. Gestartet wird im Leerlauf. Es bebt, zwölf Kolben flitzen durch ihre Behausungen. Fünf Liter Getriebeöl wirbeln durch den Wandler, zwölf Liter Kühlflüssigkeit durchströmen die Kanäle, zehn Liter Motoröl zwängen sich durch Lagerstellen, schmieren und kühlen. 80 Zentimeter ist der Big Block breit, 100 Zentimeter ist er lang, 300 Kilogramm das Gewicht ohne Anbauteile. Dieser Antrieb spreizt meine Beine spagatisch, ich fühle mich hilflos, völlig ausgeliefert. Denn meine Hände greifen die Einmeter-Segelstange, Lenkwünsche werden über zwei riesige Alu-Riser und eine ewig lange Gabel irgendwo da vorn ans Rad herangetragen. Das erinnert mich ans Spiel "Stille Post". Ich fühle mich als Fremdkörper, der mit diesem Motorrad niemals zu einer Einheit verschmelzen wird. Es sei denn, man geht zusammen in Flammen auf. Der Vorderreifen erzählt mir nicht, wo er hinrollt, und der Antrieb wahrscheinlich nicht, wann die 556 Newtonmeter den 300er-Schlappen schlicht überfordern.

Denkste! Überraschend weich und kontrolliert setzt sich der Koloss in Bewegung, wir rollen geradeaus. Der Parkplatz ist in Sichtweite. Geteert, leicht abschüssig, 100 Meter lang, zirka 20 Meter breit. Das Wenden wird zum Desaster. Denn ich bin zu zaghaft, rolle zu langsam und neige den Brocken leicht. Böser Fehler. Oben krampfen sich die Hände an den Lenker, unten paddeln die Füße mit, in der Mitte drängen 700 Kilo Richtung Erdanziehung. Hinzu kommt: Während der hintere Schlappen gefühlsmäßig noch im Zentrum des Landkreises Wuppertal rollt, wähnt sich der vordere schon im Kreis Mettmann. Gewendet. Angstschweißgetränkt geht es zurück an eine T-Kreuzung, das Linksabbiegen funktioniert problemlos. Plötzlich schlendern zwei Hundehalter über die Straße. Eine Hupe brauchst du hier nicht. Das erledigt der Dreh am Gasgriff. Der Bock hat auch keinen Drehzahlmesser. Bei gefühlten 1000 Touren grollt man mit 80 km/h über die Landstraße und fühlt sich dabei wie Münchhausen beim Ritt auf der Kanonenkugel. Der Wandler setzt die Leistung human um, die Furcht vor einem unkontrolliert durchdrehenden Hinterrad ist unbegründet. Das macht Mut und der Respekt schmilzt. Schauen wir mal, was geht, denke ich. Und spanne das Gasseil schlagartig. Gewaltiger Schub? Denkste! Das Rad dreht durch, klitschnasse Straße, der Brocken kommt kaum von der Stelle. Zaghaftes Gaszurücknehmen, endlich Grip. Wir schießen vorwärts. Eine Masse, gigantisch, undefinierbar. Gabelfeedback - kaum vorhanden. Bremsen - leicht überfordert. Ich denke weniger ans Fahren, eher ans Überleben. Weite Bögen stellen kein Problem dar. Doch ich habe extreme Angst vor Kehren. V12, 700 Kilo - wie kommt man auf so eine verrückte Idee?

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Foto: Gargolov

Frank Ohle ist eingefleischter Biker. Von seinen derzeit acht Motorrädern sind fünf angemeldet. Dem Mann, Spitzname Eisengesicht, wurde es auf seiner Boss Hoss zu langweilig. Sein Plan, in das Hoss-Chassis einen V12 zu pflanzen, ging auf, als er über E-Bay einen Aston-Martin-Antrieb ergatterte. V12-Blöcke von Audi, VW oder BMW hatten "ihn optisch nicht angemacht." Kopfzerbrechen bereiteten das Umprogrammieren der elektronischen Motorsteuerung und Anflanschen des Boss-Hoss-Getriebes an den V12. "Gegen diese Herausforderungen war die Rahmenänderung Kindergeburtstag." Für den riesigen Antrieb musste Platz geschaffen werden. So sind die zwei Oberzüge geschraubt und können zum Zündkerzenwechsel entfernt werden. Zugelassen ist sein "Bock" leider nicht. Ein Abgasgutachten von Aston Martin gäbe es zwar, aber am Sound "müsse man wohl noch mal
was machen." Frank ist ein Freak. Seine V12 ist ihm mittlerweile auch zu langweilig. In seinem Kopf spukt ein neues Projekt, noch wilder, noch verrückter. Deshalb steht die Zwölfer auch zum Verkauf. VB: 76500 Euro.

Während die Landschaft an mir vorbeigleitet, überlege ich, wer solch ein Bike gebrauchen könnte. "Die eignet sich nebenher auch wunderbar als Blickfang oder Werbeträger für Messen und Schaufenster", meint Frank. Richtig. Kaum etwas ist auffälliger. Dunkelheit färbt den Horizont. Morgen bin ich wieder in der Redaktion, und die Welt hat sich verändert. Vielleicht werde ich das schwerfällige Lenkverhalten einer Harley Sportster 48, die vorn über einen 150er-Schlappen abrollt, nie wieder anprangern. Denn alles ist relativ. Nicht nur die Angst.

Foto: Gargolov

Technische Daten

Motor
Wassergekühlter Zwölfzylinder-Viertakt-60-Grad-V-Motor, vier oben liegende Nockenwellen, Ventiltrieb über Rollenschlepphebel, 48 Ventile, Nasssumpfschmierung, BMW-Lichtmaschine, Dreigang-Automatikgetriebe, Antrieb über Zahnriemen,
Bohrung x Hub 89,0 x 79,5 mm,
Hubraum 5935 cm³,
Nennleistung 320 kW (435 PS) bei 5950/min,
Max. Drehmoment 556 Nm bei 5000/min.

Fahrwerk
Abgeänderter Boss-Hoss-Rahmen, verlängert um 330 Millimeter, Baujahr 1997, Zweiarmschwinge aus Stahl, zwei Federbeine, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Scheibenbremse hinten,Ø 320 mm, Reifen vorn 130/90 R16, hinten 300/35 R18.

Maße und Gewicht
Radstand 2330 mm, Federweg v/h 80 mm/k. A., Sitzhöhe 710 mm, Gewicht vollgetankt zirka 700 Kilogramm, Tankinhalt 33 Liter.
Bauzeit: Oktober 2008 bis Juni 2010.

Kontakt zum Konstrukteur
eisengesicht@t-online.de

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