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Cooler Café Racer im Test Fahrbericht: Palatina Thunderbird Sport R

Gestrandet in Landau. Man könnte jetzt heulen, fluchen und Bier trinken. Oder einen coolen Café Racer Probe fahren. MOTORRAD-Redakteur Rolf Henniges entschied sich für Letzteres. Eine Roadstory.

Der Zündschlüssel ist noch warm. Vielleicht kommt er mir auch nur warm vor. Denn alles, was an diesem nebeligen Novemberabend aus der Werkstatt kommt, ist wärmer als die Außentemperatur. Ich blicke ihn an. „Und? Was soll ich so lange machen?“ Fritz Rebholz, Mastermind der Palatina-Bikeschmiede in Landau, schaut ernst und sagt trocken: „Du hast drei Stunden Zeit. Kannst ja mal schauen, ob die Kinder hier in Landau wirklich dick sind“ Rebholz grinst, dreht sich um und trabt zurück in seine Werkstatt. In meiner Hand liegt der Zündschlüssel für eines seiner edlen Einzelstücke. Auf Basis einer Triumph Thunderbird Sport aus dem Jahr 2002 hat das Palatina-Team einen coolen Café Racer gebaut. Den darf ich so lange bewegen, bis mein Motorrad repariert ist. Das ist auf dem Weg nach Luxemburg kurz vor Landau einfach stehen geblieben. Drei Stunden Zeit in Landau/Pfalz. Es gibt Schlimmeres.

Bad Salzuflen ohne Custombike-Messe beispielsweise. Und vielleicht eine serienmäßige Triumph Thunderbird Sport. Jenes plumpe und schwerfällige Retro-Bike mit 885-Kubik-Dreizylinder, mit dem die Briten zu Beginn dieses Jahrtausends auf Kundenfang gingen. Und das heute, zehn Jahre nach Einstellung der Produktion, zu den meistgesuchten klassischen Triumph-Modellen gehört. Kult oder nicht. Ich persönlich mochte diese Kiste nie. Sie wog fünf Zentner, ließ sich nur träge und unpräzise lenken, und ihre 78 PS rissen einen nicht vom Hocker. Wie die Briten angesichts dieser Werte den Mut aufbrachten, der Mühle die Zusatzbezeichnung Sport mit auf den Weg zu geben, ist bewundernswert. Noch bewundernswerter allerdings ist, was die Palatina-Schmiede allein optisch aus diesem Eisenschwein gezaubert hat. Und das technische Bewundern fängt schon beim Zündschlüsseleinführen an: Links unter dem Fahrersitz wird er eingesteckt. Der klobige Instrumentenblock von einst ist verschwunden. Als Fahrer siehst du nur zwei Lenkstummel, eine cleane Gabelbrücke, ein zierliches, rundes Cockpit und den runden Scheinwerfer. Klassisch halt. Gleich bei der ersten Umdrehung des Drillings stellen sich die Nackenhaare hoch. Schaurig schön faucht es aus den beiden verchromten Tüten. So schön, dass sie leider knapp am Rand der Legalität vorbeifauchen. Im Gegenzug jedoch sofort den Job als Leadsänger einer Auspuffband bekämen. Gang rein, schnell vom Hof, und gleich mal zu McDonald’s. Falls Landau wirklich dicke Kinder hat, werde ich dort vielleicht fündig.

Zehn Minuten später: verfahren! Völlig verfahren. Pechschwarze Nacht. Der Scheinwerfer schneidet eine löchrige, holprige, kopfsteinbepflasterte Straße aus der Dunkelheit. Ringsherum ausgebrannte, heruntergekommene Gebäude. Am Ende des Weges ein Wendehammer im Mini-Format. Dahinter eine morastige Wiese. Der Lenkeinschlag der Thunderbird ist Triumph-typisch nicht gerade groß. Ich muss absteigen und schieben, um die Maschine zu drehen. Und realisiere zum ersten Mal, wie leicht sie ist. 204 kg hat die Palatina-Waage gezeigt. Es fühlt sich noch einen Zentner leichter an. Da stehst du auf dieser toten Straße, die letztlich wieder zurück auf eine beleuchtete Lebensader führt. Der Motor faucht lüstern bei jedem Dreh am Gasgriff, und der Scheinwerferkegel präsentiert dir eine Asphalthaut in Schweizerkäse-Optik. Ein merkwürdiges Gemisch aus Freiheit, Rebellion und Adrenalin flutet die Venen. So ähnlich müssen sich die Jungs in „The Fast and the Furious“ beim Start gefühlt haben. Und dann lädst du durch.

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Foto: jkuenstle.de
Klassische Formensprache, perfekt arrangierte Technik, liebevoll gestaltete Details, schöne Lackierung.
Klassische Formensprache, perfekt arrangierte Technik, liebevoll gestaltete Details, schöne Lackierung.

Verrückt. Ich weiß. Wenig Grip. Geringe Sicht. Harte Sturzzonen. Wert der Maschine: 35 000 Euro. Aber dieser Café Racer ist mit dir vernetzt, verlinkt, auf direkte Art plötzlich ein Teil von dir. Sein Fahrwerk funktioniert wie ein tastender Finger, der im Dunkeln über eine brüchige Oberfläche fährt. Es schafft Vertrauen. Warum? Rebholz hat hier keinen Stein auf dem anderen gelassen. Er wollte tadelloses Ansprechverhalten. Er wollte sportlich straffe Sensibilität. Also griff er tief ins Teileregal. Vorn arbeitet die modifizierte Gabel aus einer Tiger 1050, hinten federt die Schwinge einer Daytona Super III und ein Wilbers-Federbein. Seine Abstimmungsarbeiten waren erfolgreich. Das Fahrwerksfeedback ist famos und das Dämpfungsverhalten einwandfrei. Ich schieße auf die Straße zu und bremse im letzten Moment. Perfektion auch hier: Die radial verschraubten Vierkolbenzangen beißen und verzögern vorzüglich. Zurück im Licht. „Hey du! Wo geht’s hier zu McDonald’s?“ An der Straße lungert ein junger Typ in Jeans und Kapuzenpulli herum. Er ist schlank. Ein Einheimischer? „Über die Gleise und dann Richtung Autobahn“, ruft er. Bin schon unterwegs. Die Straße ist zweispurig und befahren von Autos, deren Fahrer scheinbar für die Weltmeisterschaft im Spritsparen trainieren. Sie schleichen mit 30 bis 40 km/h vor sich hin. Die Thunderbird schnupft sie weg wie Tabak. Ich bin begeistert vom leichtfüßigen Lenkverhalten, das überhaupt nichts Träges mehr hat. Und begeistert, wie diese Thunderbird allein durch einen kurzen Dreh am Griff vorwärtsschießt. Der Motor führt Gasbefehle äußerst spontan aus.

Fünf Straßen weiter tickert der Dreizylinder vor den gleißenden Schaufenstern der amerikanischen Imbisskette. Zum ersten Mal erkenne ich, welche Mühe sich Airbrush-Künstler Michael Schönen (www.lackmuss.com) gemacht hat: Beim Betrachten aus einem bestimmten Winkel erkennt das Auge einen Union Jack im Klarlack. Eintreten. Die Toiletten sind super hier, sogar die Hände können trockengeföhnt werden. Von dicken Kindern jedoch keine Spur. Dafür kommt mir ein Biker entgegen. „Ganz schön kalt, oder?“, brummt er. „Weißt du doch, oder?“, brumme ich zurück. Er fährt einen mattschwarzen Streetfighter auf Suzuki Bandit 1200-Basis, begafft die Thunderbird und rümpft die Nase. Ein Wunder, dass er nicht auf den Boden spuckt. Leder zu, Helme auf. Anschließend stehen wir beide auf Ampel-Pole einer Straße, die zur A 65 führt.


Selbstvertrauen ist immer gut, denke ich. Und erinnere mich an Rebholz’ Abhandlung über den Motor. Der wie das Fahrwerk natürlich ebenfalls eine Sonderbehandlung genossen hat. Durch die Zylindertürme flitzen höher verdichtende Kolben aus der Daytona Super III. Zusammen mit schärferen Nockenwellen und einer Zylinderkopf-Radikalüberarbeitung sorgen sie für 103 PS am Hinterrad. Das Ansprechverhalten ist durch die Verwendung von Mikuni-Flachschiebervergaser plus K & N-Luftfilter grandios. Jetzt wird’s lustig, grinse ich unterm Helm. Denn man kann förmlich spüren, dass der 1200er-Bandit glaubt, meine Mühle sei am Ende: Im Leerlauf schmatzen die Vergaserschieber. Für Freaks ein Ohrenschmaus. Für Unwissende oft beängstigend. Hört sich fast so an wie ein Lagerschaden.

Grün. Die ersten Meter mache ich allein durchs Einkuppeln gut. Erstaunlich hier, wie direkt dosierbar und federleicht die hydraulische Betätigung über die Handarmatur von Galespeed funktioniert. Derweil faucht der Motor durchs Drehzahlband, hat einfach überall Power, wirkt nie schlapp. Schalten. Zweiter Gang. Wieder schwebt das Vorderrad knapp über dem Boden. Dritter Gang. Zaghafter Seitenblick - keine Bandit in Sicht. Aber - er hat doch angefangen, denke ich, nehme das Gas zurück und bin über meine pubertäre Aktion selbst überrascht.

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Foto: jkuenstle.de
Klassische Sitzhaltung - sportlich, ohne großen Druck auf den Handgelenken.
Klassische Sitzhaltung - sportlich, ohne großen Druck auf den Handgelenken.

Es macht einfach höllisch Spaß, diesen Eigenbau auszupressen. Ebenso aber auch, mit ihm durch die Stadt zu cruisen, was ich anschließend genieße. Man sitzt einfach perfekt arrangiert. Die Position der Fußrasten winkelt dir die Beine nicht embryonal, die Lenkerstummel liegen gut in der Hand und die Sitzbank hat exakt die richtige Form und Härte.

Als ich eine Stunde später den Zapfhahn in die Tanköffnung führe, nähern sich fünf Jugendliche der Thunderbird. Ihre tiefergelegten Wagen im Hintergrund, trotten sie auf mich zu. Und ha! Einer von ihnen ist übergewichtig. Es ist ihr Sprachführer, Ende zwanzig vielleicht. „Hey Mann, cooler Sound. Und die Optik erst! Hatte auch mal so ’ne T-Bird.“ Ich bin baff. Und er Zweiradmechaniker. Seine Neugier gilt dem cleanen Rahmenheck. Rebholz hat die komplette Elektronik unter die kleine Sitzbank gezwängt. „Sauberer Job, super gemacht“, sagt der Dicke, der übrigens aus Hamburg stammt. Fragt man natürlich nach. Er lacht, als ich gestehe, dass die Maschine nur geborgt ist, und wünscht mir noch einen schönen Abend. Ich schaue auf die Uhr. Höchste Zeit, die Maschine zurückzubringen. Harald Schmidts Witze entbehren jeglicher Grundlage. Das einzig wirklich fette aus Landau ist diese Thunderbird.

Foto: jkuenstle.de
Meisterleistung: Die gesamte Elektronik wanderte samt Batterie unter die Sitzbank.
Meisterleistung: Die gesamte Elektronik wanderte samt Batterie unter die Sitzbank.

Infos

Thunderbird Sport Reloaded

Basis:
Thunderbird Sport 900, Baujahr 2002

Änderungen Motor:
Leistung 76 kW (103 PS) am Hinterrad, Nockenwellen und Kolben aus der Daytona Super III, Verdichtungsverhältnis 12:1; Zylinderkopf: Kanäle- und Ventilsitzbearbeitung, spezielle Kurbelwellengehäuse-Entlüftung, 36er-Mikuni-Flachschiebervergaser, K & N-Luftfilter

Änderungen Fahrwerk:
modifizierte Gabelbrücken samt voll einstellbarer Upside-down-Gabel plus Bremsanlage vorne aus der Triumph Tiger 1050, Schwinge aus der Triumph Daytona 900 -Super III (dadurch 14 mm kürzerer Radstand), voll einstellbares Wilbers-Federbein, Behr-Aluminium-felgen, Räder-Dimensionen: 3.5 x 17, 5.5 x 17

Sonstiges:
Mecatwin-Auspuffanlage, Sitzbank von Mecatwin/Palatina, LSL-Fußrasten, LSL-Lenker, Kupplungs- und Bremsarmatur von Galespeed, Elektronik komplett unter der Sitzbank -integriert, Lithium-Ionen-Batterie, stark modifi-zier-ter Kabelstrang, Zündschloss verlegt, Alu-Seitenteile; Cockpit: Motogadget Classic, Palatina-Kotflügel, aufwendige Lackmuss-Lackierung

Wert des Komplettumbaus:
zirka 35000 Euro

Weitere Infos:
www.palatina-motorradwerkstatt.de oder unter Tel. 0 63 41/8 21 44

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