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Yamaha XT 500 Traumbike-Wahl 2014: Platz 10

Es war nicht immer leicht, sie zum Leben zu erwecken. Sie hatte ihre Marotten, manche dichteten dem japanischen Single sogar Bockigkeit und Eigenleben an. Trotzdem, oder vielleicht deswegen, haben wir die Yamaha XT 500 für immer ins Herz geschlossen.

Wie kommt es, dass man etwas für immer in sein Herz schließt? Meistens doch, weil dieses Etwas mit einem durch dick und dünn geht und man sich immer auf dieses Etwas verlassen kann. Das kann ein Lebenspartner, ein Werkzeug – oder, wie in diesem Fall, die Yamaha XT 500 sein.

Die Yamaha XT 500 ist längst kein normales Motorrad mehr. Sie ist eine Legende. Ein Artefakt, das mitunter mit Gold aufgewogen wird. Für frühe Modelle, die ab 1977 auch in Deutschland gegen rund 5000 Mark neu erhältlich waren, zahlt man heutzutage nahezu dieselbe Summe. Nur in Euro. Und dann haben die Motoren mitunter Kilometerleistungen jenseits der 30.000. Exemplare der Ur-XT von 1976, die mit der untenliegenden Auspuffanlage, sind rarer als Diamanten und fast ebenso teuer. Ein rational denkender Mensch kommt um folgende Frage nicht herum: Objektiv betrachtet ist und war die XT eine Gurke, warum wird sie trotzdem gehandelt wie Edward Snowdens Enthüllungen?

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"Es war einmal ein Mann, der trat auf den Kickstarter..."

Die mickerige Sechs-Volt-Funzel musste man in der Dunkelheit suchen, der Motor vibrierte und sprang oft nur an, wenn er das wollte. Das Einzige, auf das man sich bei den Bremsen der Yamaha XT 500 verlassen konnte, war, dass sie überhaupt an Bord waren. Ein beruhigendes Gefühl, wenn man zum TÜV musste. Leider haben wir das alles wieder vergessen. Wie immer, wenn wir in der Vergangenheit graben, stoßen wir nur auf die guten Erinnerungen. Und das ist natürlich gut so, denn es schützt vor schlechter Laune.

Wenn heute zehn 50-jährige Motorradfahrer am Tisch sitzen, sind mindestens zwei dabei, die selbst mal kurz XT gefahren sind, vier davon haben sogar mal eine angetreten, aber alle kennen das Modell. Und vielleicht sogar den Satz, mit dem seinerzeit der erste XT 500-Test in MOTORRAD 15/1977 begann: „Es war einmal ein Mann, der trat auf den Kickstarter – und flog auf den Balkon im ersten Stock.“ Geschrieben von Paul Simsa, der mit der 500er hart ins Gericht ging: zu geringe Schwungmasse, mickerige Höchstgeschwindigkeit, kein Sound, instabiler Geradeauslauf, zu geringes Tankvolumen. Am Ende des Tests wünschte er sich vom Hersteller eine XT 500 mit Straßenreifen, schmalerem Lenker und größerem Tank. Sein Fazit: Die Yamaha XT 500 ist eine Kurzstreckenmaschine.

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Leider weiß man heute nicht, was Simsa keine fünf Jahre später gedacht haben mag. Denn Yamaha erfüllte ihm seinen Wunsch bereits 1978 und brachte das straßentaug­liche Schwestermodell SR 500. Zudem wurden zu Beginn der 1980er-Jahre selbst in den entlegensten Winkeln der Erde völlig überladene Yamaha XT 500 gesichtet. Entweder hatten die Jungs riesige Tanks montiert oder schlicht einen Ersatzkanister dabei.

Und noch heute – so erzählt man sich – bezeichnen Menschen in schwer zugänglichen Dschungelkäffern jedes Motorrad, das ihnen begegnet, als XT. Die beiden Buchstaben sind der weltweite Inbegriff des Motorrads schlechthin.

Kurzstreckenmaschine? Wohl eher Weltreisemobil!

Denn die fälschlicherweise als Kurzstreckenmaschine ausgewiesene 500er entpuppte sich als das Weltreisemobil. Kein Weg war ihr zu schwer, kein Ziel zu weit. Ausgerüstet mit riesigen Tanks und selbst gebauten Koffersystemen schleppte sie ihre Fahrer um den Erdball. Teils über Pisten, die nicht mal den Namen Eselspfad verdienten. Den Piloten war es schlicht egal, wenn ihr Schätzchen eventuell einen oder jeden Vergleichstest verlor und wegen mauer Verzögerung oder schlechtem Licht in die Kritik geriet. Frag mal alle Weltreisenden und lausche ihren Erzählungen: Es gibt kein Benzinmärchen, aus dem der fahrende Vibrator mit Notbeleuchtung nicht als Held hervorgeht. Entweder konnten anfallende tech­nische Probleme unterwegs mit Hammer und Schraubenzieher behoben werden, oder es tauchten erst gar keine auf.

Wie aber kann es kommen, dass ein objektiv schlechtes Motorrad wie die Yamaha XT 500 zur Stilikone und Legende wird? Es ist der Frankensteins-Tochter-Effekt. Wir erinnern uns: Die Ur-Kawasaki Z 900 – unter Freaks auch als „Frankensteins Tochter“ bekannt – vermählte einen 79-PS-Monstermotor mit einem Rahmen aus besseren Wasserrohren. Ab 120 km/h wackelte die Kombo wie bei einem Erdbeben der Stärke 15. Klare Botschaft: Wer dieses Ding fahren kann, hat Eier in der Hose. Egal ob Frau oder Mann. Es adelt in gewissem Sinn. So kann man sich profilieren.

Ähnliches lässt sich auch über die XT 500 berichten, die mit ihrem Kickstarter bei unsachgemäßer Nutzung übel zurückschlagen konnte und dabei mitunter Schienbeine wie Salzstangen brach. Der Grund war meist eine falsch eingestellte oder verstellte Zündung, denn selbstverständlich wurde noch über Kontakte gezündet. Den Freaks unter den XT-Fahrern war der Startvorgang in Fleisch und Blut übergegangen, sie fühlten anhand des Widerstandes, den der Kickstarter übertrug, in welcher Position der Kolben stand – und ob die Yamaha XT 500 starten würde.

Alle anderen verließen sich auf das legendäre Bullauge, ein kleines Schauglas neben der Nockenwelle, in dem ein helles Blech signalisierte, ob der Kolben fürs Ankicken richtig stand. Wer kennt ihn nicht, den Spruch, wenn es wieder mal stockdunkel war: „Hey, haste mal Licht? Muss schauen, ob sie anspringt.“ Angesichts dieser Hürde ist es nur schwer erklärbar, warum Yamaha zwischen 1976 und 1990 insgesamt 127.446 Exemplare der Yamaha XT 500 produzierte und weltweit an den Mann oder die Frau brachte. Allein 24.718 Stück verkaufte der deutsche Importeur hierzulande.

Ein weiteres Puzzlestück in der Erfolgsgeschichte waren Sporteinsätze. Crosser mit XT 500-Motor waren die ersten Viertakter in von Zweitakt-Motoren dominierten Starterfeldern. Der hämmernde Sound hallte den Menschen noch wochenlang im Ohr nach. Auch als die Rallye Paris – Dakar Ende der Sieb­zigerjahre als das wahnwitzigste Abenteuer der motorradfahrenden Menschheit gefeiert wurde, setzte über die Hälfte der Abenteurer auf die Yamaha XT 500. Und sahen die Zielflagge.

Durch dick und dünn

Damit sind wir wieder beim Anfang dieser Story. Die Yamaha XT 500 mag ihre Schwächen haben, ganz sicher sogar, aber sie geht mit einem durch dick und dünn. Man konnte sich immer auf sie verlassen. Und gerade ihr Purismus sorgt in Verbindung mit unserer Erinnerung in der heutigen Zeit für wehmütige Blicke zurück in die eigene Jugend, als die XT zum Symbol fürs Mannwerden wurde.

Wie war das noch? Ein echter Kerl muss einen Baum gepflanzt, ein Kind gezeugt und eine Yamaha XT 500 angetreten haben. Sie war immer ein Motorrad, mit dem man sich beweisen musste und konnte. Auf Reisen, im Renneinsatz oder schlicht beim Ankicken. Wehmütig blicken wir heute zurück, wenn wir wieder mal per Knopfdruck starten, auf plüschige Sitzbänken steigen oder uns hinter riesigen Verkleidungen verstecken. Wir blicken zurück wie all die vielen Leser, die die XT 500 aus 100 Motorrädern auf Platz zehn wählten. Und wer sich nun vielleicht fragen wird, warum Yamaha die XT nicht wieder auflegt. Mit zwei Liter größerem Tank, besseren Bremsen, stabilem Fahrwerk – und Kickstarter!

Top 10 der Traumbike-Wahl 2014

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