Fahrbericht: KTM RC8 R Die 2011er KTM RC8 R im PS-Test

Bull´s Eye oder Bingo! Der Aufschrei umschreibt immer dasselbe - eine Punktlandung. Die hätten die Österreicher beim überarbeiteten Superbike KTM 1190 RC8 R auch bitter nötig, denn die Manieren des Brenners ließen bislang zu wünschen übrig. PS rückte im spanischen Valencia zur Reifeprüfung aus.

Foto: KTM

Endlich stellt sich breites Grinsen unter dem Helm ein. Trotz rutschiger, weil nur langsam abtrocknender Fahrbahn beginnen die Runden im spanischen Valencia auf der Österreicherin Spaß zu machen. Die neuen Dunlop Sportsmart mussten zwar vorsichtig angefahren werden, doch das ist nun Vergangenheit. Wie so vieles bei dem KTM Superbike 1190 RC8 R des neuen Modelljahres. Dabei sieht sie doch aus wie die alte...

Stopp! An den Formen der Verkleidung ist zwar nichts geändert worden, doch wie bei der gesamten Überarbeitung der RC8 wurde größter Wert auf kleine Details gelegt. Deshalb besteht die neue alte Verkleidung jetzt aus klarlackierten Kunststoffteilen, nicht wie bisher aus teilweise matten und rauen Oberflächen, die sehr schwierig zu reinigen waren.

Doch zurück zum Grinsen. Der feiste Twin schiebt mit mächtigem Druck die Start-Ziel-Gerade herunter, ein Gang nach dem anderen flutscht, wie von selbst zuverlässig in seine Arretierung. Richtig gelesen: Die Getriebebetätigung der RC8 R ist wie ausgewechselt. Was einen früher schier zur Weißglut trieb, arbeitet jetzt vorbildlich. Auch der 75-Grad-V-Motor, obwohl eigentlich derselbe, ist ein ganz anderer geworden. Vorbildliche Gasannahme, weicher Rundlauf, spontanes, aber nicht zu aggressives Ansprechen, eine lineare Leistungsentfaltung, alles da. Sapperlot! Nichts ist mehr geblieben von dem unkultivierten Raubautz der Vergangenheit. Viel Hirnschmalz und Hingabe war nötig, um die Wandlung vom Saulus zum Paulus zu erwirken.

Stichwort Laufkultur: Allein um den rustikalen Twin auf das Niveau eines Ducati-Desmo-Motors zu heben - und das ist gelungen - musste an allen Ecken und Enden gearbeitet werden. Neben der umgearbeiteten Kurbelwelle wurde das Schwungrad des 1200ers um exakt ein Kilogramm erhöht. Die neue Doppelzündung benötigte eh neue Kennfelder, also wurden diese gleich je nach Zylinder, Last, Drehzahl und Gang für jede Zündkerze einzeln programmiert. Wie das geht? Ganz einfach. Man nimmt eine Handvoll Programmierer und lässt sie ein Jahr nichts anderes tun, als die von den Sensoren in der Motorperipherie erfassten Daten und Signale optimal auf die Bedürfnisse des Motors und die Drosselklappenstellung abzustimmen. Neben dem deutlich sanfteren Motorlauf und sehr guten Ansprechverhalten wird so auch eine effizientere Verbrennung erzielt, die wiederum schärfere Steuerzeiten erlaubt und so die Leistung erhöht. Ganz nebenbei sinkt dazu noch der Benzinverbrauch, so die Entwickler.

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Foto: KTM

Natürlich müssen die Leistungs- und Verbrauchsangaben des Pressetermins in kommenden Tests genau überprüft werden, doch auf der schlüpfigen Piste in Valencia gab es erst mal nichts zu kritteln. Dank der elektronischen Standgaserhöhung im Schiebebetrieb (sie ersetzt eine mechanische Anti-Hopping-Kupplung) konnte stressfrei und zielgenau in die Ecken hinein gerollt werden. Ab dem Scheitelpunkt glänzte die KTM mit kuschelweichem Gasanlegen und berechenbarer Leistungsentfaltung. Beim Herumeiern auf feuchter Bühne behauptete sich die Orange also.

Ein positiver Eindruck, der sich auf einer kurzen, aber sehr realitätsnahen Alltagsrunde auf öffentlichen Straßen weiter bestätigte. Nicht nur der Motor ist nun sanfter und weicher abgestimmt, auch das Fahrwerk verlangt jetzt weniger Nehmerqualitäten vom Piloten. Etwas komfortabler ausgelegt (hinten mit einer weicheren Feder) und neu abgestimmt, schluckt es Bodenwellen gut weg. Und der auf besseren Rundlauf optimierte Motor ist voll in seinem Element. Rumgondeln auf der Landstraße und selbst innerstädtisches Stop-and-go gehen mit ihm endlich leicht von der Hand.

Apropos Hand. Sollte die RC8 R mit aufsitzendem Fahrer bei vollem Lenkeinschlag rangiert werden, kann es gut passieren, dass einer der Spiegel die Finger einklemmt. Ein Übel, auf das bislang Italienerinnen das Monopol hatten.

Doch zurück zum Lächeln unterm Helm, das schließlich überwiegt. Die KTM hat sich zu einem Brenner entwickelt, der voll und ganz überzeugt. Im Kern ein echtes Superbike mit eingebautem Killerinstinkt konnte die KTM bislang auf der Renne voll überzeugen und wird das sicherlich auch weiterhin tun. Ab 2011 glänzt sie jedoch dank sehr penibler Detailarbeit auch im Alltag mit tollen Manieren. Und noch ein Knaller: Die Überarbeitung betrifft auch den Preis - er wurde gesenkt. Volltreffer!

Fazit: Wer hätte das gedacht! Die KTM 1190 RC8 R hat sich zum echten Sanftfüßler entwickelt. Applaus, die Überarbeitung hat große Wirkung gezeigt und macht die KTM zu einem heißen Tipp für 2011.

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Foto: KTM

Technische Daten

Antrieb:
Zweizylinder-75-Grad-V-Motor, 4 Ventile/Zylinder, 129 kW (175 PS) bei 10 250/min, 127 Nm bei 8000/min, 1195 cm3, Bohrung/Hub: 105,0/69,0 mm, Verdichtung: 13,5:1, Zünd-/Einspritzanlage, 52-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Kette, G-Kat

Fahrwerk:
Stahl-Gitterrohrrahmen, Lenkkopfwinkel: 66,7 Grad, Nachlauf: 96 mm, Radstand: 1425 mm, Ø Gabelinnenrohr: 43 mm, Federweg v./h.: 120/120 mm

Räder und Bremsen:
Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17"/6.00 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 190/55 ZR 17, 320-mm-Doppelscheibenbremse mit radialer Handbremspumpe und radial angeschlagenen Vierkolben-Festsätteln vorn, 220-mm-Einzelscheibenbremse mit Zweikolben-Festsattel hinten

Gewicht (trocken): 184 kg*

Tankinhalt: 16,5 Liter Super (davon Reserve: 3,5 Liter)

Grundpreis: 16 295 Euro (zzgl. Nk)

Foto: KTM

Änderungen in Detail

  • Überarbeitungen am Motor:
    - mehr Leistung
    - höheres Drehmoment
    - Doppelzündung
    - überarbeitete Brennräume
    - überarbeitete Kurbelwelle
    - ein Kilogramm schwereres Schwungrad
    - schärfere Steuerzeiten
  • Neue Einspritzelektronik mit gang-, last-, drehzahl- und zylinderabhängigem Mapping sowie sauberer Verbrennung
  • Ganganzeige im Cockpit
  • Zwei wählbare Mappings für Super und Super Plus Benzin
  • Neues Fahrwerks-Setup
  • Exzenter an Federbeinumlenkung mit größerem Hub
  • Verkleidung mit Klarlack günstiger als Vorgängerin

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