Premiere: Ducati Multistrada 1200 (S) Die erste Reiseenduro von Ducati im Fahrbericht

Stadtflitzer, Enduro, Tourer, Sportler: Die neue Ducati Multistrada 1200 (S) möchte gleich vier Motorradspezies verkörpern. Ein echtes Multifunktions-Werkzeug. Doch viele dieser Tools können alles nur ein wenig und nichts richtig gut. Auch die Italienerin?

Foto: jkuenstle.de

Bereits in ihrer Urform 2003 hob sich die Multistrada mit ihrem Konzept von der Masse ab, was ihr laut Ducati anfangs gute Absatzzahlen sicherte. Zuletzt jedoch brachen die Verkäufe deutlich ein, es wurde höchste Zeit für eine neue Allzweckwaffe. Multistrada 1200 (S) heißt die völlige Neukonstruktion, die mit ihren Vorgängern nur den Namen teilt.

Ihr Herzstück bildet der Testastretta Evoluzione, der Antrieb aus dem Superbike 1198. Damit das Sportaggregat seine Leistung in der Multistrada artgerecht entfaltet, griffen die Ingenieure tief in die Trickkiste: zahmere Steuerzeiten, wesentlich geringere Ventilüberschneidung, weniger Ventilhub, herabgesetzte Verdichtung, neu gestaltete Ein- und Auslasskanäle, anders positionierte Einspritzdüsen, neuer Drosselklappenkörper. Diese Modifikationen führen zu einem veränderten Leistungs- und Drehmomentverlauf, der die Spitzenwerte jeweils kappt und dem Triebwerk bei unteren bis mittleren Drehzahlen zu mehr Muskeln verhilft.

Höherwertige Materialien der Ventilsitze, eine effizientere Verbrennung sowie verbesserte thermische Verhältnisse verdoppeln die Serviceintervalle beim Ventilspiel von 12000 auf 24000 Kilometer. Im überarbeiteten Triebwerk kommt eine neue Ölbadkupplung zum Einsatz, die dank schiefer Ebenen die Handkraft reduzieren soll und ein stempelndes Hinterrad im Schiebebetrieb vermeiden hilft. Änderungen beim Getriebe sowie bei der Sekundärübersetzung komplettieren die wichtigsten Modifikationen rund um den Motor.

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Foto: Ducati

Auch sonst bietet die mit Elektronik vollgestopfte Multistrada 1200 zahllose Neuerungen. Schon vor dem Starten des Motors kommt die erste zum Einsatz: Ohne herkömmliches Zündschloss ausgestattet, kommuniziert die Ducati über Funk mit einem kleinen Sender und gibt die Zündung nur bei übereinstimmendem Code frei. Nach der etwas umständlichen Startprozedur bollert der V2 angriffslustig aus seinen knackigen Endtöpfen. Ab 2000/min schiebt die 148 PS starke 1200er ruckfrei an und bietet bereits untertourig bestechenden Punch. Mit steigenden Umdrehungen brennt die Italienerin ein immenses Leistungsfeuerwerk ab, das erwartungsgemäß im oberen Drehzahlbereich etwas abflaut.

Wie die meisten Ducatis geht auch die Multistrada 1200 sehr sanft ans Gas und läuft außerordentlich kultiviert. Bis auf die nach wie vor etwas hakige Schaltbox leistet der umgebaute Testastretta vorzügliche Dienste und katapultiert die Duc samt ihrem Jockey über die reizvolle Landschaft der kanarischen Ferieninsel Lanzarote.

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Foto: Ducati

Vier Fahrmodi bietet die Ducati: Sport, Touring, Urban, Enduro. Je nach Modus stehen entweder die volle Power oder nur zirka 100 Ponys zur Verfügung. Auch die Leistungsentfaltung variiert, und die Traktionskontrolle lässt in jedem Modus unterschiedlich starken Schlupf zu. Neben der Basisversion (14990 Euro) gibt es die beiden S-Varianten "Sport" und "Touring".

Unterschiede zur Standard-Duc: Die 17990 Euro teuren Edelableger bieten auf Knopfdruck Setup-Änderungen ihrer Federelemente. Zusätzlich zum elektrohydraulisch einstellbaren Fahrwerk (Öhlins) bietet die Sportversion feine Carbonteile. Einen höheren Nutzwert bietet die Touring-Variante: Bei ihr gehören statt Edelzierrat ein Koffersatz, Hauptständer sowie Heizgriffe zum Lieferumfang. Bei der Präsentation stand nur dieses Modell fürs Testballern zur Verfügung.

Zurück zu den Modi. Sie sind Einsatz-spezifisch voreingestellt, was recht gut funktioniert. Dennoch erlaubt das System zahllose individuelle Eingriffe. Selbstverständlich verfügt die neue Duc auch über ein serienmäßiges ABS. Seine Funktionsweise enttäuscht jedoch etwas. Der Blockierverhinderer regelt ungewohnt früh, bei Bergabfahrten verstärkt sich diese Eigenschaft noch. Das ABS lässt sich abschalten, ebenso die etwas unstetig arbeitende Traktionskontrolle. Sitzposition, Handling und das präzise Kurvenfahrverhalten begeistern. Auf der Multistrada herrscht aber aufgrund ihrer langen Federwege von 170 Millimetern bei sportlichem Tempo etwas Seegang.

Fazit: Eine Maschine, die den typspezifischen Ansprüchen von vier Motorradarten gerecht wird, gibt es nicht. Da bildet auch die Multistrada 1200 (S) keine Ausnahme. Dennoch ist sie ein vielseitiges, faszinierendes Bike mit fesselndem Antrieb. Die größte Kritik gilt dem ABS.

Foto: jkuenstle.de

Technische Daten

Antrieb: Zweizylinder-V-Motor, 4 Ventile/Zylinder, 109 kW/148 PS bei 9250/min*, 119 Nm bei 7500/min*, 1198 cm3, Bohrung/Hub: 106,0/ 67,9 mm, Verdichtung: 11,5:1, Zünd-/Einspritzanlage, 64-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbad-Anti-Hopping-Kupplung, Sechsganggetriebe, G-Kat

 

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohr-Rahmen, Lenkkopfwinkel: 65,0 Grad, Nachlauf: 104 mm, Radstand: 1530 mm, Ø Gabelinnenrohr: 50 (48) mm, Federweg v./h.: 170/170 mm

 

Räder und Bremsen: Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17"/6.0 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 190/55 ZR 17, 320-mm-Doppelscheibenbremse mit radial angeschlagenen Vierkolben-Festsätteln vorn, 245-mm-Einzelscheibenbremse mit Zweikolben-Festsattel hinten

 

Gewicht vollgetankt: 219 kg* (k. A.), Tankinhalt: 20 Liter Super, davon Reserve: k. A.

Grundpreis: 14990 Euro (17990 Euro) jeweils zzgl. Nk

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