Premiere: Harley-Davidson XR 1200 Die Verwandlung

Foto: Harley-Davidson

Die Verwandlung

Gregor Samsas Verwandlung war keine gute: Morgens als Käfer auf dem Rücken aufzuwachen, ist nicht lustig. Da hat das hässliche Entlein das bessere Ende für sich: Als Küken von den anderen Enten gemobbt, wird aus ihm über Nacht ein wunderschöner Schwan.

Letztere Metamorphose ist ein bisschen auch die Geschichte der XR 1200. Eigentlich rangieren Harleys bei Sportfans ja kategorisch unter der Rubrik „träger Eisenhaufen“. Doch plötzlich wedelt ein Milwaukee-Twin durch spanisches Bergland und zaubert ein Lächeln in des Reiters Gesicht. Ein Märchen? Nö! Märchen beginnen mit „Es war einmal“, diese Story aber so: Ein butterweich ans Gas gehender Twin mit 91 PS ist schon einmal eine Ansage. Für eine Harley schiebt der V2 tatsächlich bemerkenswert vibrationsarm und agil durchs Drezahlband. Ganz unten noch etwas zäh, fett dann der Druck in der Mitte und beachtlich noch in oberen Drehzahlen, bis er abrupt bei etwa 7000/min in den Begrenzer rappelt. Da stehen knapp 200 km/h auf der Uhr – alle Achtung! Laufkultur? Und wie. Lastwechsel? Fehlanzeige.

Das Getriebe tönt zwar etwas rustikal, aber flutscht recht sauber. Dafür erfordert die Kupplung ganz schön viel Handkraft. Wer die XR sportlich über den Tag bewegt und entsprechend viel schaltet, sollte zum Frühstück gleich eine Dose Spinat durch die Pfeife ziehen. Auf der anderen Seite sieht es frappierend anders aus. Grobschlächtiges Eingreifen führt bei der Bremse zu „Aua“. Harley-untypisch packt das Ding vorn so brutal zu, dass Gefühl gefragt ist. Wer’s raus hat, kann sogar in Kurven gezielt hineinbremsen. Die Aufstellmomente vom Dunlop muss man dabei einfach hinnehmen. Das Fahrwerk macht solche Aktionen jedenfalls relativ gut mit. Vorn werkelt eine Upside-down-Gabel, hinten federn zwei Dämpfer im Old-School-Style, und das Rad steckt in einer schmucken Aluschwinge.

Das ist zwar nicht wirklich sportlich, aber die XR wackelt nicht so aufgeregt herum wie die bekannten Sportster-Modelle. Mit dem breiten Lenker, der straffen Sitzbank und den etwas weiter hinten montierten Fußrasten fühlt sich so ein Bergritt an wie Extrem-Landstraßensurfing. Gestoppt wird die Freude erst, dafür abrupt, rechts unten von der Auspuffanlage. Diese steht leider in krassem Widerspruch zum viel zitier ten Dirttrack-Genspender XR 750: Dessen Rohre waren weit oben. Das sah nicht nur geiler aus, sondern trug auch einen Sinn. Insofern hat die Verwandlung einen Makel, aber dem kann der geneigte Hobby-Tuner sicher nachhelfen.
Daten Harley-Davidson XR 1200
Antrieb Zweizylinder-V-Motor, 2 Ventile/Zylinder, 67,0 kW (91 PS) bei 7000/min*, 100 Nm bei 3700/min*, 1202 cm³, Bohrung/Hub: 88,9/96,8 mm, Verdichtung: 10,0:1, Zünd-/Einspritzanlage, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, G-Kat
Fahrwerk Stahl-Doppelschleifenrahmen, Lenkkopfwinkel: 60,7 Grad, Nachlauf: 130 mm, Radstand: 1515 mm, Ø Gabelinnenrohr: 43 mm, Federweg v./h.: 125/89 mm
Räder und Bremsen Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 18“/5.50 x 17“, Reifen vorn: 120/70 ZR 18, hinten: 180/55 ZR 17, 292-mm-Doppelscheibenbremse mit Vierkolben-Festsätteln vorn, 260-mm-Einzelscheibenbremse mit Einkolben-Schwimmsattel hinten
Gewicht 260 kg*, Tankinhalt: 13,3 Liter Super (davon Reserve: 1,9 l)
Grundpreis 11340 Euro (inkl. Nk)

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