Premiere: Kawasaki Versys Langbein

Die Kawasaki Versys kam Anfang 2007 als langbeinige Ergänzung zu den erfolgreichen Modellen ER-6n und ER-6f der Paralleltwin-Baureihe auf den Markt. Drei Jahre später ist es Zeit für ein Lifting.

Foto: Kawasaki
Langfinger sind üblicherweise nach der Tat auf der Flucht, während Langbeiner, vor allem weibliche mit kurzen Röcken, während der Tat gern im Flaniertempo unterwegs sind. Die für 2010 sanft überarbeitete Kawasaki Versys mit ihren langen Stelzenbeinen kann nach wie vor beides, flottes Kurvenwetzen und langsames umherflanieren.

Zu ersterem wurde PS aufs freundliche Sardinien eingeladen und konnte dort der neu gestylten Multi-Funktions-Kawa auf kurvigem wie bolzgeradem Geläuf ins straffe Gesäß kneifen. Knackig geht es auf ihr zur Sache, kein sänftenmäßiges Auf- und Abschwingen kommt auf. Obwohl der erste Blick auf ihre langen Federwege, vorne immerhin 150, hinten 145 Millimeter, zur Annahme verleitet, einen soften Reisedampfer vor sich zu haben. Vor Seekrankheit ist man auf dem 850 Millimeter hohen Arbeitsplatz im Stelzenhaus also gefeit. Insgesamt fällt die Positionierung des Piloten erfreulich komfortabel, aber nicht unsportlich aus. Gute Übersicht stellt sich dank der aufrechten Oberkörperhaltung ein, der breite Lenker passt perfekt, während die Füße ihre Rasten blind finden. Hahn auf und los also? Erst nachdem zwei Kleinigkeiten auffallen. Zum einen ist das Heck der Versys recht hoch, was kleineren Menschen das Überschwingen des Beines beim Aufsteigen erschwert, zum anderen dreht die Kawa beim Kaltstart im lauen Sardinien kurzzeitig mit knapp 3000/min im Standgas, bevor sie auf die üblichen 1200 Touren eingeregelt wird. Ex und hopp - Hahn auf und weg! Einmal im Rollen, gibt sich die Versys ihrem Piloten als willige, direkte und fast sportliche Gespielin hin. Wheelies im ersten und zweiten Gang sind kein Problem, flottes Abwinkeln in enge Kurven hinein gelingt leicht, aber nicht spielerisch. Während Gangwechsel etwas harzig über die Bühne gehen und sich leichte Lastwechselreaktionen beim Gasanlegen einstellen, gefällt die betont bullige Leistungscharakteristik des Twins. Gegenüber den Schwestern ER-6n und ER-6f ist die Versys auf starken Antritt im unteren Drehzahlbereich getrimmt. Dies kostet natürlich Spitzenleistung, bringt aber gerade auf engen Strecken enormen Fahrspaß, da auf hektische Gangwechsel verzichtet werden kann.

Vor allem in Kombination mit dem straffen, aber nicht wirklich sensibel ansprechenden Fahrwerk, kann so genüsslich gebolzt werden. Erwähnt sei noch die Vorderradbremse. Das ABS agiert zwar narrensicher, nervt den sportlicheren Fahrer aber mit einem schwammigen, unpräzisen Gefühl für die Bremse.

Fazit: Die Versys ist ein optisch auffälliger Alleskönner mit bravem Motor und einem straffen Fahrwerk. Das kostet auf schlechten Wegen zwar etwas Fahrkomfort, erlaubt es dem Piloten aber, die Kawa PS-mäßig auszuquetschen. Reise-Enduros sollten sich vor ihr in Acht nehmen.
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Foto: Kawasaki

Technische Daten

Antrieb:
Zweizylinder-Reihenmotor, 4 Ventile/Zylinder, 47 kW (64 PS) bei 8000/min, 61 Nm bei 6800/min, 649 cm3, Bohrung/Hub: 83,0/60,0 mm, Verdichtung: 10,6:1, Zünd-/Einspritzanlage, 38-mm-Drosselklappen, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechganggetriebe, Kette, G-Kat

Fahrwerk:
Stahgitterrohrrahmen, Lenkkopfwinkel: 65 Grad, Nachlauf: 108 mm, Radstand: 1415 mm, Ø Gabelinnenrohr: 41 mm, Federweg v./h.: 150/145 mm

Räder und Bremsen:
Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17"/4.50 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 160/60 ZR 17, 300-mm-Doppelscheibenbremse mit Zweikolben-Schwimmsätteln vorn, 220-mm-Einzelscheibenbremse mit Einkolben-Schwimmsattel hinten

Gewicht (fahrbereit):
209 kg*, Tankinhalt: 19 Liter Normal (davon Reserve: 3 Liter)

Grundpreis:
7995 Euro (zzgl. Nk)

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