Premiere KTM 1190 RC8 R Superbike aus Österreich

Die KTM 1190 RC8 R ist leichter, stärker und exklusiver als das Standard-Bike, mit rund 21000 Euro wesentlich teurer und nur in Schwarzweiß zu haben. Ist sie eine Sünde wert?

Foto: KTM

Schwarz und heiß

KTM gibt Vollgas. Ein Jahr, nachdem die Österreicher mit der RC8 ihren Stachel ins Fleisch des Superbike-Establishments gerammt haben, bohrt ihn die brandneue 1190 RC8 R noch tiefer hinein. Der größte Schritt gelang den Mattighofenern beim Motor: 170 PS und 123 Nm leistet die R, satte 15 PS und 3 Nm mehr als das Standard-Bike.

Das Leistungsplus resultiert maßgeblich aus dem größeren Hubraum. Die Ingenieure erweiterten die Bohrung um 2 Millimeter auf satte 105. Bei gleichem Hub (69 mm) errechnen sich 1195 cm³, das sind 45 cm³ mehr als beim bisherigen Superbike. Die dafür nötigen größeren Kolben wiegen zusammen mit den leicht geänderten Pleueln nur wenige Gramm mehr als bei der Standard-RC8.

Die Nockenprofile sind auf besseren Gaswechsel optimiert, und die auf 13,5:1 erhöhte Verdichtung schickt die Kolben beim Arbeitstakt mit mehr Kraft Richtung Kurbelgehäuse. Dort sorgen auf die Änderungen abgestimmte Ausgleichsmassen der Kurbelwelle für einen geschmeidigen Motorlauf, das angepasste Mapping der Zünd-/Einspritzanlage rundet die Tuningmaßnahmen ab.
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Fahreindruck Rennstrecke

Grau ist alle Theorie, rauf auf die KTM 1190 RC8 R! Mit sattem Punch schießt sie aus sämtlichen Kurven der Rennstrecke von Portimão/Portugal. Egal, ob bei 3000/min oder bei 8000/min: Der Motor bietet immer und überall reichlich Vortrieb, serviert seine Power sehr gleichmäßig und berechenbar. Tipp: Aus engen Ecken einen Gang höher als gewohnt beschleunigen. Das hält das Fahrzeug ruhig, schont die Nerven und ist keinen Deut langsamer.

Verbesserungen erzielten die Ingenieure auch bei der Laufkultur. Zwar vibriert die KTM 1190 RC8 R speziell im oberen Drehzahlbereich nach wie vor. Doch diese Vibrationen nerven nicht; das Superbike rockt seinen kraftvollen Zweizylinder-Beat nun ohne lästiges Rütteln.

Eitel Sonnenschein also? Mit kleinen Einschränkungen: Auch die jüngste Ausbaustufe hadert etwas mit der Motorabstimmung. Beim Anbremsen mit niedrigen Drehzahlen ruckelt der Motor teilweise und schiebt auch bei geschlossenem Gasgriff minimal nach.

KTM steuert bei den RC8-Modellen die Drosselklappen elektronisch an. Um das starke Bremsmoment des V2 zu minimieren und Anbremsstempeln zu verhindern, schließen die Drosselklappen etwas langsamer, als es der Pilot mit dem Gasgriff diktiert. Von vier getesteten Bikes trat das Phänomen bei zweien auf, offensichtlich streuen die Maschinen leicht.

Statt aber mit den Drosselklappen zu tricksen, sollte KTM in sein Vorzeige-Superbike lieber serienmäßig eine Anti-Hopping-Kupplung einbauen; als aufpreispflichtiges Extra gibt es sie bereits.
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Foto: KTM

Ansprechverhalten, Fahrwerk

Der bisher harten Gasannahme begegnen die Mattighofener mit einer unkonventionellen Lösung: einem progressiv arbeitenden Gasgriff. Die ersten Winkelgrade der Drosselklappen öffnet der Gaszug etwas langsamer, danach geht es linear weiter. Das funktioniert überraschend gut, die Lastwechsel fallen deutlich geringer aus. Hardcore-Racer monieren das etwas indirekte Ansprechverhalten. Was besser gefällt, kann jeder selbst ausprobieren, beide Gasgriffe gehören zum Lieferumfang.

Erfreuliches vom Getriebe: Dank geänderter Schaltwalze, neu geformten Schaltgabeln und einem anderen Schaltstern gelingen die Gangwechsel viel weicher, und die Zahnräder arretieren sehr exakt. Herausspringende Gangstufen und Zwischengänge gehören der Vergangenheit an. Den Schaltstern rüsten Händler an der KTM 1190 RC8 kostenlos um.

Auch beim Fahrwerk legte KTM Hand an: Die Gabel bekam weichere Federn, die Tauchrohre erhielten eine Titan-Nitrid-Legierung, und der hydraulische Stopp wich einem Anschlag aus Gummi. Den Nachlauf vergrößerten die Techniker um 5 mm auf 97 mm. Auch das Federbein am Heck arbeitet mit einer weicheren Feder; die Ölkreisläufe von Zug- und Druckstufe sind weitgehend getrennt, ein neues Shimpaket reguliert den Ölfluss. Der Exzenter an der Federbeinaufnahme ist umgearbeitet, sodass sich die Höhe des Hecks jetzt stärker variieren lässt.

Front und Heck der KTM 1190 RC8 R arbeiten synchroner, das Bike wirkt komfortabler. Trotzdem bieten die Federelemente genügend Reserven und gehen selbst bei härtesten Brems- und Beschleunigungsattacken nicht in die Knie. Das Gripgefühl speziell fürs Hinterrad ist sensationell, das Handling für ein Superbike einzigartig. Die leichten Schmiederäder machen die KTM noch handlicher.

Handling, Setup

Zu monieren gibt's die etwas nervöse Front; der Verbund aus Brutalo-Power, geringem Gewicht und hoher Sitzposition lässt die Lenker beim kräftigen Beschleunigen ab und an zucken. Der Lenkungsdämpfer hält die KTM aber bestens unter Kontrolle. Insbesondere beim harten Bremsen bergab schlingert das Heck nach wie vor leicht; das Gewicht nach hinten zu verlagern, hilft kaum.

Auch die R reagiert sehr sensibel auf Änderungen des Setups. Was den Kenner freut, kann weniger Erfahrene schnell überfordern. Wie die Basisversion funktioniert auch die RC8 R nur in einem recht kleinen Fenster optimal. Wer sich verzettelt hat, sollte zur Grundeinstellung zurückkehren – sie bietet ein brauchbares Setup. Wie gehabt stehen die Werte für verschiedene Einsatzzwecke auf der Sitz-Unterseite.

Die Bremsen sind über alle Zweifel erhaben. Für noch mehr Hitzeresistenz wuchs die Scheibendicke um 0,5 mm. Druckpunkt, Dosierbarkeit, Transparenz, Standfestigkeit: Die Stopper sind in jeder Hinsicht großartig.

Wem die Performance der KTM 1190 RC8 R im Serientrimm nicht genügt, ordert für den Rennstreckeneinsatz den "Club Race Kit". Damit ist sie 8 kg leichter und 10 PS stärker. Wer noch mehr braucht, soll WM fahren.

Fazit

Die exklusive KTM 1190 RC8 R agiert deutlich zivilisierter als die Standard-Variante. Der Motor läuft kultivierter, das Fahrwerk arbeitet gefälliger. Wer sich auf ihre Eigenheiten einstellt, kann mit ihr brutal schnell um die Pisten prügeln und hat extrem viel Spaß dabei. Für solvente Liebhaber ist sie allemal eine Sünde wert, für Normalos scheint sie weit weg.
Technische Daten KTM 1190 RC8 R
Antrieb Zweizylinder-75°-V-Motor, 4 Ventile/Zylinder, 125 kW (170 PS) bei 10 250/min*, 123 Nm bei 8000/min*, 1195 cm³, Bohrung/Hub: 105/69 mm, Verdichtungsverhältnis: 13,5:1, Zünd-/Einspritzanlage, 52-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, G-Kat
Fahrwerk Stahl-Gitterrohrrahmen, Lenkkopfwinkel: 66,7 Grad, Nachlauf: 97 mm, Radstand: 1425 mm, Upside-down-Gabel, Ø Gabelinnenrohr: 43 mm, ­Federweg v./h.: 120/120 mm
Räder und Bremsen Leichtmetall-Schmiederäder, 3.5 x 17"/6 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 190/55 ZR 17. 320-mm-Doppelscheibenbremse mit Vierkolben-Festsätteln vorn, 220-mm-Einscheibenbremse mit Zweikolben-Festsattel hinten
Gewicht 182 kg (trocken), Tankinhalt: 16,5 Liter Super
Grundpreis 20995 Euro (zzgl. Nk)

Änderungen gegenüber der KTM 1190 RC8

Antrieb:
2 mm mehr Bohrung, jetzt 105 mm; höhere Verdichtung, jetzt 13,5:1; Stirnräder der Nockenwellen einstellbar; Steuerzeiten und Mapping geändert; 15 PS mehr Leistung, jetzt 170 PS; 3 Nm mehr Drehmoment, jetzt 123 Nm; leistungsfähigerer Ölkühler; Schaltstern, -klauen und -­walze optimiert; härtere Kupplungsfedern; Krümmer des vorderen Zylinders wärmeisoliert

Fahrwerk:
5 mm mehr Nachlauf, jetzt 97 mm; Schmiede- statt Gussräder; Bereifung Pirelli Diablo Supercorsa SP; Rahmen orange pulverbeschichtet; Schwinge schwarz lackiert; Gabel: weichere Federn, Standrohre Titan-Nitrid-beschichtet, Gummipuffer statt hydraulischem Anschlag; Federbein: weichere Feder (95 statt 110 N/mm), neues Shimpaket, anderer Ölkreislauf, 10 mm weniger Federweg; Bremsscheiben 0,5 mm dicker; Exzenter an der oberen Federbein­aufnahme mit mehr Hub; 5 mm weniger Radstand

Sonstiges:
neue Verkleidungsscheibe; Carbonkotflügel vorn; progressiver Gasgriff; Kit-Version: 180 PS und 138 Nm

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