Fahrbericht: Procar und Wunderlich Speedcruiser Diavel auf Deutsch

BMW - das konnte man lange Jahre auch mit "Bürgerliche Motorrad-Welt" übersetzen. Aber die Bayern haben ihr Image geändert. Und dieser radikal-aggressive Umbau einer HP2 Sport setzt dem noch die Krone auf: Der Speedcruiser der beiden BMW-Experten Procar und Wunderlich ist ein Supersportler in gechoppt. Quasi eine deutsche Ducati Diavel.

Foto: Mainx

Der Dalai Lama hat’s gesagt: "Öffne der Veränderung deine Arme, aber verliere dabei deine Werte nicht aus den Augen." Wohl nach diesem Motto hat Jürgen Mueller, Leiter Motorrad beim BMW-Händler Procar in Köln-West, den Speedcruiser erdacht. Gebaut hat ihn sein Team in Kooperation mit Wunderlich, Sinziger Ideenschmiede rund um BMW. Dafür strippten sie eine HP2 Sport. Jürgen Mueller hatte ein Foto der BMW-Konzeptstudie Lo Rider als Inspiration auf seinem Schreibtisch. Und über ein Jahr lang eine HP2 Sport bei sich im Laden, für 21600 Euro zäh verkäuflich.

Im Jahr 2008 leitete dieses Modell bei den Bayern bereits einen Paradigmenwechsel ein: hin zu echtem Supersport, voll rennstreckentauglich, mit absolut liebevollen Detaillösungen. Gerade mal 206 Kilogramm, vollgetankt mit ABS, trafen auf 133 PS: stärkster Serienboxer aller Zeiten und Rekord für luftgekühlte Twins. Aus diesem feinen Renner einen Roadster stricken?

Warum nicht, dachte man sich im undogmatischen Rheinland. Einen Cruiser
auf Speed eben. Zumal BMW selbst mit seinem Lo Rider im Jahr 2008 zeigte, wie ein und dieselbe Basis für völlig unterschiedliche Motorradkonzepte taugen könnte.
Dieses Einzelstück hier ist eine absolut außergewöhnliche BMW. Federleicht, stark, fahraktiv. Silberblau leuchtet der gedrungene Speedcruiser. Schwarzer Motor samt Antriebsstrang und königsblauer, rudimentärer Rahmen stammen unverändert vom Supersportler HP2 Sport.

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Foto: Mainx

Weit spannt sich der breite Superbike-Lenker über die Front. Obwohl der zweifarbige GfK-Tank mit seinen weit vorgezogenen Flanken jedem Wüstenschiff Ehre machen würde, fasst er bloß 16 Liter. Rechts von ihm sitzt ein gekürzter Ansaugschnorchel, der locker krähengroße Vögel verschlucken könnte. Dahinter schwebt scheinbar frei in der Luft Wunderlichs fetter Ergo-Einzelsitz mit integrierten LED-Blinkern- und Rückleuchte. Er ruht tatsächlich auf piekfein gebürstetem Aluminium, fünf Millimeter stark. Klar, die HP2 Sport hat ja ein selbsttragendes Karbonheck mit Underseat-Auspuff. Kein Heck, kein Auspuff. Also prangt der Laser-Endtopf nun klassisch links hochgereckt.

Stilbildend sind die Speichenräder statt der Gussfelgen: 17-Zoll-Felgen von Behr eingespeicht auf GS-Naben. Karbon, überall Karbon: Daraus bestehen Ventildeckel, das Instrumentengehäuse auf dem Tank und die Kotflügel vorn und hinten. Den Kontrapunkt zum futuristisch-sportiven Design bilden Hitzebänder, mit denen die Edelstahlkrümmer umwickelt sind. Und vor allem der fette schwarze Rundscheinwerfer. Vor lauter Bewunderung bloß nicht das Fahren vergessen.

Wow, bereits die erste Sitzprobe macht mächtig Laune. Fühlt sich gut an. Öffne deine Arme: Breitschultrig, fett und lässig thronst du, hoch und saubequem. Aufrecht, erhaben, souverän. Aber auch ein wenig weit hinten. Cruiser? Eher Streetfighter. Die Füße parken auf ABM-Rasten ohne Gummiauflage, ganz gefühlsecht.

Bellend erwacht der 1200er-Boxer. Der fünfeckige Schalldämpfer prustet und hämmert, grummelt im Schiebebetrieb mit wahren Trommelwirbeln. Aber der Motor selbst geht nach zunächst vollständig geschlossenen Drosselklappen wieder schön weich und ohne Verschlucker ans Gas. Fein abgestimmt nennt man so etwas. Nur kein Missverständnis: Das Herz eines Boxers, es schlägt und pocht noch wild.

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Foto: Mainx

Bei mittleren Drehzahlen erwacht der Sportsgeist. Wie eine unsichtbare Faust packt er beim Ausdrehen Ross und Reiter, schleudert sie mit Wucht nach vorn. Kein Wunder, zehn Kilogramm soll die Abspeckkur bringen. Dann wöge diese BMW nur noch 196 Kilogramm. Abducken, und zwar sofort. Wrooop, wrooop, beim Hochschalten unterbricht der Schaltautomat die Zündung jeweils für einen Sekundenbruchteil. Puh, da geht was. Oben heraus ist das die pure Drehgier. Das Ding hier rennt locker Tacho 260, ist noch immer ein Supersport-Motorrad. Voll schlagen die HP2-Gene durch. Diese BMW will fahren. Heute fliegt die Kuh!

Sie will rangenommen werden, nicht bloß rumschnuffeln. Aber sie kann auch flanieren. Im Gegensatz zur HP2 Sport und jedem anderen Tiefflieger bereitet der Speedcruiser auch bei legalem Landstraßentempo pure Fahrfreude. Beim Rumzuckeln hinter dösigen Autofahrern schmerzen nicht gleich die Unterarme. Und ein Dreh im rechten Handgelenk richtet alles.

Selten warst du so entspannt schnell, fast nie warst du so schnell entspannt.
Das Fahrwerk hält voll mit. Okay, Continentals Sport Attack-Reifen brauchen etwas Zeit, um auf Temperatur zu kommen. Aber einmal warm gefahren, grippen sie richtig. Dann gehts verwegen ums Eck. In den ersten Kurven biegst du eher zu weit nach innen ab, so handlich sticht der Powercruiser mit seinem breiten Lenker in die Asphaltbögen. Der schmale 180er-Hinterreifen macht Sinn. Funktion geht also doch vor Optik. Die Freiheit zur Schräglage, sie ist unergründlich. Rechts herum setzt höchs- tens das seitlich an den Kardan verlegte Nummernschild auf. Doch es bedingt cleane Optik. Sein Halter ist TÜV-abgenommen, wie alle wichtigen Teile des Speedcruisers.

Foto: Mainx

Verdammt spurtreu, der Speedcruiser. Als hätte er sich in Schienen unterm Asphalt eingerastet. Prima funktionieren die goldgelb glänzenden Federelemente von Öhlins. Jedoch ist das Federbein sehr straff, unkomfortabel auf Buckelpisten. Eigentlich soll es ja auch auf Rennstrecken maximale Traktion bewirken. Frank Hoffmann, Fahrwerksexperte bei Wunderlich, will den zweiten Speed-cruiser mit einer softeren Abstimmung bestücken. Und mit einem kürzeren Endantrieb, übersetzt auf rund 210 km/h. Für noch bulligeren Durchzug. Dann werden Brembos Monobloc-Vierkolbensättel noch mehr zu tun kriegen. Sie beißen auf die Sägezahn-Bremsscheiben wie der Weiße Hai ins Bein des Tauchers: irre kräftig.

Kritikpunkte? Der Spiegel ist wenig rücksichtsvoll, und das Schaltgestänge arbeitet sich am Prototyp in die Schwinge ein. Immens groß fällt der Wendekreis aus. Wie der Preis. Procar und Wunderlich legen eine Kleinserie des Speedcruisers auf, zu rund 35000 Euro. Und Umbaukits zu 15000 Euro, reine Materialkosten von rund 10000 Euro inklusive. Dafür gibts dann einen Roadster mit ganz eigener Aura.

Foto: Mainx

Technische Daten

Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor, Bohrung x Hub 101,0 x 73,0 mm, 1170 cm³, ca. 133 PS (98 kW) bei 8750/min, rund 115 Nm bei 6000/min, Stahlrohr-Gitterrahmen, Motor-/Getriebe-Einheit voll mittragend, Tankinhalt 16 Liter, Gewicht vollgetankt zirka 196 kg, Reifen 120/70 ZR 17 und 180/55 ZR 17, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Scheibenbremse hinten, Ø 265 mm, Preis: 34 900 Euro; Info: www.procar-motorrad.de, www.wunderlich.de

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